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Wie im wirklichen Leben

Wie ein paar Jungs die Planstadt «Mini-Nippes» ins Verderben stürzten.

Weil ich unterm Jahr pausenlos unterwegs bin, verbringen wir die ersten zwei Wochen unserer Sommerferien zu Hause in Köln. Jeden Vormittag geht es ins Freibad: Meine jüngere Tochter macht das See­pferdchen in Bronze. Ich schwimme ein paar Längen mit und sitze dann am Beckenrand, in jener unaufdringlichen Halbdistanz, die meiner Tochter am Liebsten ist. Wenn ihr ein schöner Kopfsprung oder gar das gefürchtete «Tauchen mit offenen Augen» gelingt, dann juble ich hemmungslos. Denn nichts macht mehr Spass, als das stolze Lachen in ihrem Gesicht zu ­sehen.

Meine ältere Tochter hinwiederum verschwindet täglich an einen Ort namens «Mini-Nippes». Es ist die ­Mini-Version des gleichnamigen Kölner Quartiers, betrieben von etwa 200 Kindern: die Imitation einer kompletten Kleinstadt mit Einkaufsläden, Bäckerei, Schreinerei, Polizei, Zeitung und sogar einem Jobcenter, einer Bank und einem Finanzamt. «Das Planspiel bildet eine Stadt im Kleinformat ab, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit bietet, sich in verschiedenen Berufen auszuprobieren und Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen», heisst es in der Broschüre.

Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, sagt das Sprichwort. Was die Kinderstadt in Köln-Nippes angeht, so mutet die Wahrheit beunruhigend erwachsen an. Zu Bürgermeistern wurden drei Jungs gewählt, die die Kinderstadt augenblicklich ins Chaos stürzten. Denn um sich beliebt zu machen, senkten sie gleich am ersten Tag die Betriebssteuern (und setzten sich persönlich ebenfalls ein paar Steuerklassen nach unten), ­worauf das Finanzamt bankrottging. Am zweiten Tag tauchte Falschgeld auf, am dritten musste wegen Diebstahls die Eisdiele geschlossen werden. «Die Stadt versinkt im Verbrechen», wie der knallharte «Mini-Nippes-Kurier» berichtete.

Jungs führen hitzige Schaukämpfe

Denn wie im wirklichen Leben wurden alle nur halbwegs wichtigen Machtpositionen von völlig inkompetenten Männern in der Frühpubertät besetzt. «Ich habe einfach Lust, ­etwas Sinnvolles zu machen», sagte mir meine Tochter, als ich sie fragte, warum sie nicht Bürgermeisterin oder immerhin Polizeichefin werden will. So dreht sich das Rad aus Korruption, Skandal und Weiterwursteln in Mini-Nippes wie im wirklichen Leben: Die Jungs führen in der täglichen Bürgerversammlung hitzige Schaukämpfe auf, während die Mädchen sich im Hintergrund darum kümmern, dass die Stadt funktioniert.

Doch zurück ins Schwimmbad: Gestern kriegte meine jüngere Tochter nach zwei Wochen Üben das Seepferdchen in Bronze. Der Kopfsprung vom Einmeter, ja sogar das «Tauchen mit offenen Augen» kriegte sie locker hin. Morgen geht es nach Belgien ans Meer. Weit weg von Mini-Nippes und allen Dummheiten der Grossstadt, an die Nordseeküste, wo es sogar im August selten über 25 Grad heiss wird und alle Hahnenkämpfe im eiskalten Salzwasser abgekühlt werden.

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