Wie Kim Jong-uns «Schweizer» Eltern in die USA flüchteten

Neue Dokumente enthüllen Details aus dem Leben des ­Diktators in der Schweiz. Und: Die Bundesanwaltschaft liess den nordkoreanischen Botschafter jahrelang abhören.

Von Titus Plattner

Wenn die Nordkoreaner fragen, was los sei, dann soll man so tun, als sei man «über die Überläufer nicht im Bilde». Das hielt ein Spitzendiplomat des Schweizer Aussendepartements (EDA) am Montag, 18. Mai 1998, um 9.15 Uhr in einer vertraulichen Notiz fest. Zuvor hatte er einen dringlichen Anruf des Chefs des Nachrichtendienstes erhalten: In der Nacht habe ein Mitglied der diplomatischen Vertretung Nordkoreas mit seiner Frau und drei Kindern in der amerikanischen Botschaft in Bern Asyl beantragt. Es handelte sich nicht um irgendwelche Deserteure: Unter grösster Geheimhaltung war das Ehepaar damit beauftragt gewesen, sich um Kim Jong-un zu kümmern, während er in der Schweiz zur Schule ging – heute der unbeugsame Führer einer ­Nuklearmacht. Erst am Freitag testete das Regime eine Interkontinentalrakete, die laut Experten amerikanische Grossstädte erreichen könnte.

Die Flucht belegen umfangreiche Dokumente aus dem Bundesarchiv, zu denen die SonntagsZeitung Zugang erhielt. Anhand der Schriftstücke lässt sich detailliert nachzeichnen, wie der junge Diktatorensohn in der Schweiz lebte. Und die Dokumente zeigen, dass die Schweiz bis Ende der Neunzigerjahre die Drehscheibe in Europa für das Kim-Regime war. Laut ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern, mit denen die SonntagsZeitung in den letzten fünf Jahren mehrere Gespräche geführt hat, ging es dabei auch um Geldwäscherei und Waffenhandel.

Am späten Sonntagabend, dem 17. Mai 1998, stieg das Paar mit seinen zwei Söhnen und seiner Tochter vor seiner Wohnung in Liebefeld in ein Taxi. Die Fahrt durch die Nacht dauerte nur fünf Minuten. Den Nordkoreanern musste sie aber lange vorgekommen sein, galt ein Überlaufen zum Feind doch als Hochverrat.

Hier bat die Familie um Asyl: Die US-Botschaft in Bern, Aufnahme von 1998 (Foto: Keystone).

Im Dienstgebäude der amerikanischen Botschaft an der Jubiläumsstrasse in Bern erklärte der Ehemann, er wolle mit seiner Familie politisches Asyl beantragen. Der Mann nannte sich Nam-Chol Pak, er arbeitete als Chauffeur des nordkoreanischen Botschafters. Seine Ehefrau sprach weder Deutsch noch Englisch, die Amerikaner organisierten einen Übersetzer. Sie nannte sich Yong Hye-chong. Wie ihr Mann nutze sie eine falsche Identität, enthüllte sie den US-Diplomaten. In Wahrheit hiess sie Ko Yong-suk – und war die Schwester der bevorzugten Mätresse Kim Jong-ils, des damaligen Führers der Demokratischen Volksrepublik Korea.

Der Schweizer Geheimdienst an der Taubenstrasse wurde sofort informiert. «Wir hatten gute Beziehungen zu Agenten von FBI und CIA in Bern und Genf», erklärt der damalige Chef der Spionageabwehr, Mathias Derungs. Den ganzen Montag hindurch überprüften die Amerikaner die Angaben der Überläufer. Am Dienstagmittag passierte die nordkoreanische Familie schliesslich die Schweizer Grenze in Richtung München. Von da aus ging es zur US-Militärbasis in Ramstein, wo sie mehrere Tage lang verhört worden waren, bevor sie ein Flugzeug in die Vereinigten Staaten brachte.

Offiziell waren Ko Yong-suk und ihr Mann die Eltern von Chol, Un und Mi Hyang. So steht es jedenfalls auf den Einreisebewilligungen. Aber auch das waren Decknamen, wie die SonntagsZeitung bereits 2012 enthüllte. Darunter verbargen sich die Kinder des Staatsführers Kim Jong-il. Jahrelang konnten so der heutige Machthaber Kim Jong-un und seine zwei Geschwister von der Schweizer Öffentlichkeit unerkannt zur Schule gehen. Kos echte Kinder lebten bis zu ihrer gemeinsamen Flucht 1998 zwar im selben Haus, hatten auf dem Papier aber andere Eltern.

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Ko hatte sich schon immer um die Kinder des Machthabers gekümmert. Zuerst um den älteren Kim Jong-chol, dann um Kim Jong-un, der laut seiner Tante am 8. Januar 1984 auf die Welt kam. Er ist beinahe gleich alt wie ihr echter Sohn. Ko hatte ihnen früher die Windeln gewechselt. Und die beiden Cousins waren die besten Spielkameraden.

Ski fahren im Berner Oberland, Strandferien in Frankreich

Ab 1991 konnte Ko frei nach Genf hin- und zurückreisen, wo sie und ihr Mann bei der UNO akkreditiert waren. Als Staatsgründer Kim Il-sung 1994 kurz vor seinem Tod stand, war noch nicht klar, ob Kim Jong-il die Nachfolge antreten würde. Vermutlich aus Sicherheitsgründen brachte er Teile seiner Familie dann in die Schweiz. Kim Jong-un folgte ihnen zwei Jahre später.

Unter seinem Decknamen Chol Pak besuchte Kim Jong-chol fortan die International School of ­Berne, eine bei Diplomaten beliebte Privatschule. Kim Jong-un ging ab 1996 als Un Pak an dieselbe Schule. Die anderen Kinder waren an der öffentlichen Schule in Liebefeld angemeldet, die Kim Jong-un nach der Flucht seiner Tante bis zu seiner Rückkehr nach Nordkorea 2001 ebenfalls besuchte.

Die SonntagsZeitung bewies 2012 mit einer biometrischen Analyse, dass es sich bei Un Pak tatsächlich um den heutigen Diktator Kim Jong-un handelte

Die Nordkoreaner lebten in Liebefeld, gleich ausserhalb von Bern, an der Kirchstrasse 10 in sechs Wohnungen. Sie hatten das Gebäude kurz nach dem Bau 1989 für vier Millionen Franken gekauft. Es waren moderne Mittelstandswohnungen, aber weit entfernt vom Luxus, den die Familie Kim in Pyongyang gewohnt war. Ko und ihr Mann kümmerten sich um den Haushalt, unterstützt von Frau Mun, der 45-jährigen Gouvernante, und der Köchin, Frau Cho, 50. In der Garage unter dem Haus waren drei Autos mit Diplomatenkennzeichen parkiert.

Nach ihrer Flucht in die USA hörte man fast 20 Jahre lang nichts mehr von Ko und ihrem Mann. Unerkannt lebten sie in einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Nur einmal brachen sie ihr Schweigen. Im April 2016 erzählten sie der Journalistin Anna Fifield von der «Washington Post» aus ihrem Leben als «Eltern» Kim Jong-uns. Fifield gewährte der SonntagsZeitung Einsicht in ihre Notizen. Viele Details daraus wurden bis heute nirgends publiziert.

«Wir lebten in einem normalen Haus und hatten ein normales Familienleben», erinnert sich Ko. «Ich habe die Rolle der Mutter übernommen. Die Kinder luden ihre Freunde ein, wir feierten Geburtstage mit Geschenken.» Die Familie profitierte vom europäischen Lebensstil: Sie besuchten das Disneyland in Paris, gingen im Berner Oberland Ski fahren oder genossen die Strände Südfrankreichs.

«Der junge Kim Jong-un war aufbrausend und ein Dickkopf.»Kos Ehemann Ri Gang

Trotz dem komfortablen Leben in der Schweiz wollten die Kinder ihre Sommerferien unbedingt in der Heimat in Nordkorea verbringen. In Pyongyang hatten die Kinder ein grosses Zimmer, ein Kino und einen Spielraum für sich. Dort gründete Kim Jong-un mit seinen Freunden ein Basketballteam. Der Sport sei zu einer Obsession geworden, erinnert sich die Tante. «Er war kleiner als seine Kameraden, und seine Mutter sagte ihm, wenn er genug Basketball spiele, werde er dadurch noch wachsen.» Zu Beginn schlief Kim Jong-un sogar noch mit dem grossen Ball in den Händen.

Als er acht war, sagte man ihm, dass er der Nachfolger seines Vaters werden würde, erzählt Ko. Zu diesem Anlass fand eine Zeremonie mit hochrangigen Mitgliedern des Regimes statt, Kim Jong-un bekam eine Militäruniform. «Von da an war es für ihn unmöglich, normal aufzuwachsen», sagt Ko. «Sein Umfeld begegnete ihm mit Unterwürfigkeit.» Als er neun war, beobachtete ihn die Tante dabei, wie er mitten in der Nacht einen Offizier aus dem Schlaf riss, um sich den Aufbau einer militärischen Flotte erklären zu lassen.

Die Klasse von Kim Jong-Un alias Un Pak (hinterste Reihe in der Mitte) im Steinhölzli in Liebefeld, Datum unbekannt.

«Der junge Kim Jong-un war aufbrausend und ein Dickkopf», erinnert sich Kos Ehemann. Wenn ihm seine Mutter verbot, mit seinen Modellflugzeugen zu spielen, habe er nie direkt widersprochen, sondern trat stattdessen in einen Hungerstreik.

Der «lange Hagere» und der «kleine Dicke»

Kim Jong-uns Mutter hielt sich oft in Europa auf, manchmal für ein oder zwei Monate am Stück. Sie reiste auf sogenannten technischen Flügen der nordkoreanischen Air Koryo, in einer Iljuschin 62 mit der Immatrikulationsnummer P882. Die Langstreckenmaschine war für ihre Bedürfnisse extra umgebaut worden und verfügte über ein Schlafzimmer. Kim Jong-il, der sich zeitlebens weigerte, in ein Flugzeug zu steigen, hielt sich nie in der Schweiz auf. «Meine Schwester besuchte ihre Kinder ab und zu in Bern», sagt Tante Ko. Zu dieser Zeit litt Kim Jong-uns Mutter bereits an Krebs und wurde in Frankreich und in der Schweiz behandelt.

Kim Jong-uns Eltern Kim Jong-il und Ko Yong-hui (Foto: Keystone/zvg)

20 Jahre später geben Ko und ihr Ehemann an, dass sie in die USA geflohen seien, um der Mutter später eine Behandlung bei amerikanischen Spezialisten zu ermöglichen. Eine Quelle aus der Schweiz zweifelt aber daran. Es sei vielmehr die unsichere politische Lage in Nordkorea gewesen, welche die Familie zur Flucht motivierte. In ihrer Heimat verhungerten zu dieser Zeit Hunderttausende, Gerüchte über einen Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur machten die Runde. Kim Jong-un war zudem kein Kind mehr. Ko und ihr Mann dürften befürchtet haben, dass ihre Dienste bald nicht mehr gebraucht werden.

Die Agenten der Schweizer Spionageabwehr waren über die Besuche von Kim Jong-ils bevorzugter Mätresse bestens informiert. «Wir wussten, wer die Kinder waren», sagt einer der Ermittler unter der Bedingung, dass sein Name nicht in der Zeitung steht. Man habe sie «den langen Hageren» und «den kleinen Dicken» genannt, Kim Jong-chol und Kim Jong-un. Aber die damals neue Bundesanwältin Carla Del Ponte habe es «untersagt, die Kinder zu überwachen», die Agenten durften in der Schule nicht spionieren.

Eines Tages, an der Schule in Liebefeld, sagte Kim Jong-un alias Un Pak seinen Klassenkameraden: «Mein Papi ist Präsident.» Diese Aussage drang bis zur Bundespolizei durch und wurde in den Akten vermerkt. «Aber um ehrlich zu sein», sagt der Ermittler der Spionageabwehr, «interessierte uns das nicht wirklich.»

Verdacht auf Geldwäscherei und Waffenhandel

Der Geheimdienst war vielmehr damit beschäftigt, Botschafter Ri Tcheul zu überwachen. Er war ein enger Vertrauter Kim Jong-ils und wurde von ihm wie ein Bruder behandelt. «Ri Tcheul war ohne Zweifel der wichtigste Nordkoreaner in Europa», sagt ein Agent des Geheimdienstes.

Ri Tscheul amtete nach seinem Botschafterposten von 2014 bis 2016 auch als Nordkoreas Aussenminister (Foto: Reuters, 6. August 2015).

Tcheul nahm seine Aufgabe als Knotenpunkt für das Kim-Regime in der Schweiz während über 30 Jahren war. Zuerst kümmerte er sich um den ältesten Sohn des Staatsführers, Kim Jong-nam, der in den Achtzigerjahren in Genf zur Schule ging. Im Februar 2017 wurde Kim Jong-nam am Flughafen in Kuala Lumpur mit dem Nervengas VX ermordet, wahrscheinlich auf Befehl des nordkoreanischen Regimes. In den Neunzigerjahren kümmerte sich Ri Tcheul um die Belange Kim Jong-uns während seiner Schulzeit in Bern.

Der Botschafter verfügte über ein grosses Vermögen, das er mit seinem Textilunternehmen im chinesischen Shenyang nahe der nordkoreanischen Grenze erwirtschaftet hatte. Dort soll er auch Rückzugsorte für die nordkoreanische Führung gebaut haben, für den Fall eines Zusammenbruchs des kommunistischen Regimes. Recherchen zeigen, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft im April 1988 ein Strafverfahren gegen Ri Tcheul eröffneten. Während über zwei Jahren wurde der Botschafter sogar abgehört. Tcheul wurde verdächtigt, Vermögenswerte der nordkoreanischen Führungskräfte ausser Landes geschafft und über Schweizer Banken Geld gewaschen zu haben.

Zudem stand er im Verdacht, für das Kim-Regime Waffen gehandelt zu haben. Die Spionageabwehr stellte offenbar Anfang der Neunzigerjahre fest, dass nordkoreanische Diplomaten Beziehungen zum Schweizerischen Bankverein in Bern unterhielten, wo sie regelmässig grosse Geldbeträge überwiesen und sich Millionen von Dollar in neuen Scheinen auszahlen liessen. Die Bank Cantrade in Zürich, die UBS und die Privatbank Edmond de Rothschild in Genf waren ebenfalls in die Geschäfte involviert. 1994 wurde das Verfahren gegen Tcheul eingestellt.

«Wir hatten nur einen Verdacht, keine Beweise.»Schweizer Ermittler

Für den Waffenhandel zuständig war ein gewisser Pak Chang-bok, ein Agent des nordkoreanischen Geheimdienstes, der in Freiburg wohnte und in der Schweiz offiziell beim Unternehmen Kohas SA angestellt war. In Nordkorea arbeitete er für den staatlichen Waffenproduzenten Lyongasksan. Trotz zehn Jahre dauernder Überwachung konnten die Schweizer Behörden auch ihm nichts nachweisen. Er wurde zwar beobachtet, wie er Präzisionsinstrumente und Kugellager kaufte, die zur Urananreicherung hätten dienen können. Das reichte aber nicht für ein Strafverfahren. «Wir hatten nur einen Verdacht, keine Beweise», bedauert ein mit den damaligen Ermittlungen vertrauter Agent. Im Frühling 1997 kehrte Pak Chang-bok nach Nordkorea zurück.

Von alldem wussten Ko Yong-suk und ihr Ehemann wahrscheinlich nichts. Auch über das nordkoreanische Atomprogramm konnten sie den Amerikanern trotz monatelanger Befragungen nach ihrer Flucht keine Informationen geben. Für die Details zu Kim Jong-uns Privatleben erhielten sie von der CIA 200 000 Dollar. Damit kauften sie sich ein zweistöckiges Haus und zwei Autos. Von Strafaktionen gegen die Familie durch das nordkoreanische Regime ist nichts bekannt. Hätten sie an jenem Sonntagabend im Mai 1998 auch den ihnen anvertrauten Kim Jong-un ins Taxi zur amerikanischen Botschaft gesetzt, wäre das ungleich gefährlicher gewesen. Und die Welt, sie wäre heute eine andere.

Mitarbeit: Anna Fifield und Hannes von Wyl

In einer ersten Version des Artikels hiess es fälschlicherweise, die US-Botschaft habe sich 1998 an der Sulgeneckstrasse befunden. Dort zog sie aber erst 2007 hin. Zuvor befand sich die Botschaft an der Jubiläumsstrasse. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.07.2017, 07:35 Uhr

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