Wie kommt das Wissen in den Kopf?

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Das menschliche Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen, auch Neuronen genannt. Sie sind darauf spezialisiert, Signale zu leiten und zu verarbeiten. Die Neuronen sind zu rechnenden Netzwerken zusammengeschaltet. Hier ist unser Wissen verankert, das wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen. Mit jedem Lernen von Vokabeln, Rechtschreibung, Mathe oder Physik optimiert man dieses neuronale Netzwerk.

Heute weiss man, dass das Gehirn flexibel ist. Es passt sich der Umgebung und ihren Anforderungen an. Und beim Lernen werden neue Verbindungen geknüpft. Das regelmässige Üben gleicht dabei einem Krafttraining: Wie man die Muskeln im Fitnessstudio stärken kann, macht das Lernen unser Gehirn stärker. Die Hirnleistung nimmt zu und das Gedächtnis verbessert sich.

Dass sich der Denkmuskel durch das Lernen verändert, zeigt schon die Veränderung des Gewichts. Im ersten Lebensjahr vergrössert das Baby seine Gehirnmasse von etwa 250 Gramm auf 750 Gramm. Dies geschieht nur dadurch, dass es «lernt». Die Zahl der Nervenzellen im Gehirn bleibt im Laufe des Lebens in etwa konstant, aber es entstehen neue Verbindungen zwischen den Neuronen, die Schaltstellen nehmen zu. Darum wird das Gehirn schwerer. Beim schlussfolgernden Denken erreichen wir mit etwa 20 Jahren den Zenit, dann nimmt es wieder ab. Dafür nimmt mit dem Älterwerden des gelernte Wissen zu.

Jedes Hirn ist individuell einzigartig vernetzt

Lernen bedeutet einen ständigen Aufbau von Neuropopulationen, das heisst von festen Verbindungen zwischen den Neuronen, sodass es zu Neuropopulationen kommt. Zudem geht die Neurobiologie davon aus, dass Lernen mit molekularen und zum Teil strukturellen Veränderungen an den bestehenden Synapsen einhergeht.. Die grösseren Strukturen im Gehirn sind bei allen Menschen an ungefähr den gleichen Orten anzutreffen, doch gleichzeitig ist jedes Hirn individuell einzigartig vernetzt.

Lernen ist also ein komplexer Prozess, der im Gehirn vielschichtig stattfindet. Lernerfolg kann damit in Verbindung gebracht werden, dass synaptische Verbindungen geschaffen werden. Je mehr synaptische Verknüpfungen entstehen und durch Wiederholung des Lernstoffs sich festigen, desto besser kann das Erlernte in bereits vorhandenes Vorwissen integriert werden.

Über die Vorgänge im Gehirn weiss die Fachwelt inzwischen zwar schon einiges, aber es liegt noch lange kein vollständiges Bild vor. Das Bonmot, das der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder prägte, hat noch heute Gültigkeit: «Wenn das Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, wären wir zu dumm, um es zu begreifen.»

Viele Ideen von der Funktionsweise des Gehirns sind noch weitgehend hypothetisch. Der Psychiater Manfred Spitzer weist in seinem Bestseller «Lernen» zum Beispiel auf Folgendes hin: Alle deutschen Verben, die auf «-ieren» enden, bilden das Partizip Perfekt ohne die Vorsilbe «ge-», aber auch wer das nicht weiss, sagt «Ich bin im Wald spaziert», nicht aber «gespaziert». Kinder können also komplizierte grammatische Regeln anwenden, ohne sie bewusst gelernt zu haben. Wie das genau abläuft, liegt noch weitgehend im Dunkeln.

Erstellt: 31.08.2019, 21:01 Uhr

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