Wie Nico die Aufmerksamkeit wiederfand

Schon als Kleinkind rastete der Bub regelmässig aus und schlug seinen Kindergartengspäändli blutige Nasen. Dann musste er lernen, sein ADHS zu beherrschen.

«Ohne Medi bin ich einfach weniger bei der Sache», sagt Nico, der an ADHS leidet. Bild: Joseph Khakshouri

«Ohne Medi bin ich einfach weniger bei der Sache», sagt Nico, der an ADHS leidet. Bild: Joseph Khakshouri

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Manchmal ist es schwierig zu entscheiden, ob ein Kind ADHS hat oder etwas anderes. Nico zum Beispiel fürchtete sich als Kleinkind panikartig vor dem Wind. «Wenn es nur ein bisschen luftete, verkroch er sich sofort hinter meinen Beinen», erzählt seine Mutter. «Wenn es stärker blies, floh er in den Putzschrank und verschloss ihn fest hinter sich.»

«Ich erinnere mich daran», sagt Nico selber, «aber mit dem Thema habe ich abgeschlossen.»

Zusammen mit seiner Mutter sitzt der heute 15-jährige Schüler am Küchentisch in der sonnigen Eigentumswohnung am Rande eines kleinen Dorfes im Mittelland, von aussen dringt aufgeregtes Vogelgezwitscher durch das offene Fenster. Mutter und Sohn erzählen von ihrem Kampf mit Nicos ADHS, der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung. Sie hat das Leben der Familie durcheinandergewirbelt, sie aber auch aufeinander eingeschworen. Nicos Mutter möchte nicht, dass ihre richtigen Namen in der Zeitung erscheinen, zum Schutz ihres Sohnes. Er soll nicht noch mehr Nachteile erfahren auf seinem Lebensweg.

80 Prozent aller behandelten Kinder erhalten Ritalin

ADHS ist die am weitesten verbreitete psychische Störung im Kinder- und Jugendalter, auch in der Schweiz. Fachleute gehen davon aus, dass 4 bis 6 Prozent der Kinder betroffen sind. Das sind jedoch Schätzungen, genauere Zahlen für die ganze Schweiz sind nicht vorhanden. Eine Zürcher Studie hat mit Daten von Krankenkassen gezeigt, dass sich der Anteil der Kinder, die im Kanton Zürich ADHS-Medikamente zu sich nahmen, zwischen 2006 und 2012 auf 2,6 Prozent aller Schulkinder verdoppelt hat. Schweizweit ist der Verkauf von Ritalin und ähnlichen Medikamenten gemäss Daten der Schweizerischen Heilmittelbehörde Swissmedic in den letzten vier Jahren jedoch auf hohem Niveau konstant geblieben.

Eine neue Studie von Schweizer Forschern zeigt aber, dass 80 Prozent der behandelten Kinder ein Medikament wie Ritalin erhalten. Dies ergab sich aus einer Elternbefragung im Rahmen des Projektes «Kinder fördern: eine interdisziplinäre Studie zum Umgang mit ADHS». Dieses, so erklärt Projektleiterin Sandra Hotz von der Universität Freiburg, wollte den Alltag von betroffenen Kindern ganzheitlich ergründen – und prüfen, ob Abklärung, Diagnose und Behandlung auch wirklich zum Wohle des Kindes ausfallen. Herzstück der Untersuchung ist eine Verlaufsstudie mit rund 40 betroffenen Eltern und Kindern, an der auch Nico und seine Mutter teilgenommen haben. Dazu kommt eine Onlinebefragung bei je etwa hundert betroffenen Eltern, Deutschschweizer Lehrpersonen und Heilpädagogen sowie hundert Fachleuten aus dem Bereich der Kindermedizin.

Die Ursachen für ADHS sind nach wie vor unklar. Genetische Faktoren werden diskutiert, Wissenschaftler sprechen von einer Störung des Neurotransmitter-Haushalts oder einer Reifeverzögerung des sich entwickelnden kindlichen Gehirns. Doch selbst ein Fünftel der im Projekt befragten Mediziner und sogar die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer glauben, dass ADHS auch eine «Modediagnose» sei.

Ich habe einfach keinen Appetit, das ist der Nachteil an dem Scheissdreck. Ich bin unter 60 Kilogramm.»Nico

Bei Nico war es anders. Seine Mutter merkte es schon damals, als er noch ein Kleinkind war: Nico war ein Schreibaby, gab keine Sekunde Ruhe, war immer in Bewegung, konnte niemals durchschlafen. «Mein Kind an der Hand halten», erinnert sich die Mutter, «das ging gar nicht, oder wenn, dann nur mit viel Druck.» Ein Restaurantbesuch als Familie war nahezu unmöglich. «Mein Mann oder ich mussten vorher an den reservierten Tisch gehen und alles abräumen, was irgendwo in Nicos Griffweite hätte kommen können, er hätte es bestimmt heruntergerissen. Schliesslich ersparten wir uns den Stress, wir verzichteten zuletzt auf alles.»

Die wirklich grossen Probleme gingen aber erst im Kindergarten los, erzählt seine Mutter. Es gab blutige Nasen, Schürfungen, blaue Flecken. Nicht bei Nico, nein, bei seinen Gspäändli. «Die kleinste Berührung genügte, und er flippte aus.» Die Kindergärtnerin riet zu einer Abklärung – und Nicos Mutter war richtig erleichtert, als sie die Diagnose ADHS erhielten. «Ich brauchte Unterstützung, Tipps und Tricks, wie ich helfen konnte», sagt sie. Sie machte sich auch Vorwürfe: War sie am Ende schuld, hatte sie Fehler gemacht, zu wenig Zeit mit Nico verbracht, weil sie noch arbeitete? Sein ADHS schien ihr manchmal wie ein Prüfstein ihres Mutterseins. «Mein erster Sohn war so anders, ruhig, brav, fast ein Phlegma.»

Die meisten Eltern, dies ergab die neue ADHS-Studie, bemerken erste Symptome schon im Vorschulalter – ohne dass sie darin ein übergrosses Problem wahrnehmen. Kleinkinder sind halt so, lebhaft, auch ungehorsam. Ihr impulsives Kind, so deuteten die befragten Eltern die Auffälligkeit in den Interviews, habe einfach viel Energie, sei hochsensibel. Erst wenn die Kinder ins System Schule eintreten, geraten sie in die Abklärungsmühle. Normales Verhalten wird plötzlich auffällig, die Leistungen fallen unter die Norm der Gleichaltrigen. Spätestens jetzt überlegen sich viele Eltern eine Therapie, in den meisten Fällen mit Ritalin.Den Spezialisten für die Abklärung hatte Nicos Mutter damals sorgfältig ausgesucht, peinlich darauf bedacht, dass sie nicht an jemanden gerät, der im Rufe eines Ritalin-Doktors steht. Trotzdem entschieden sie sich dann zusammen für eine Therapie mit Ritalin. «Die Medikation war ein guter Schritt», sagt die Mutter heute.

«An Freunde kann ich mich nicht erinnern. Kollegen ja, die hatte ich schon, aber das ging immer hin und her, fünf Minuten Freundschaft, fünf Minuten Kampf»
Nico

«Es hilft schon», sagt auch Nico, «ohne Medi bin ich einfach weniger bei der Sache.» Und fügt – für einmal leicht aufbrausend – gleich an: «Aber es stört mich auch, denn mit dem Medi habe ich einfach keinen Appetit, das ist der Nachteil an dem Scheissdreck. Ich bin unter 60 Kilogramm.»

Gemieden, ausgeschlossen, abgestempelt

Für Nicos Mutter offenbart der Umgang mit ADHS-Kindern auch die Brüche in unserem gesellschaftlichen System. «Sobald es heute mal ein Kämpfli auf dem Pausenplatz gibt, stehen die Eltern der anderen da. Wo es früher auch mal Chritz geben durfte, werden heute lebhafte Kinder fast nicht mehr toleriert.» Das Schwierigste für sie als Mutter war aber, dass das Verhalten ihres Sohnes ihn zu einem Aussenseiter werden liess. «Das ist hart für eine Mutter, man will doch, dass sein Kind glücklich ist – und die Kinder lernen auch voneinander.» Doch Nico wurde gemieden und ausgeschlossen, weil er zu aggressiv war. Am Schluss war es immer er, der Stunk machte, nicht selten wurde er ungerechtfertigt beschuldigt. Einladungen zu Kindergeburtstagen kannte er nicht.

«An Freunde kann ich mich nicht erinnern», sagt Nico. «Kollegen ja, die hatte ich schon, aber das ging immer hin und her, fünf Minuten Freundschaft, fünf Minuten Kampf.» In der Schule wurde alles noch schlimmer, er musste in ein Time-out und besuchte ab der dritten Klasse eine Sonderschule für verhaltensauffällige Kinder.

Der Leidensdruck der Kinder war gemäss der Umfrage der Universität Freiburg für die Eltern von ADHS-Kindern der wichtigste Grund, um in eine Behandlung mit Ritalin einzuwilligen, über drei Viertel gaben dies so an. Doch je etwa 60 Prozent nannten auch Leistungsüberforderung in der Schule sowie familiäre Probleme als Entscheidungsgrundlage. In den vertieften Interviews zeigte sich dann, dass alle diese Gründe eng miteinander verwoben sind, dass die Probleme, die ein Kind in der Schule hat, in die Familie «hinüberschwappen» würden und auch dort Stress und Probleme verursachen.

«Dass ich das geschafft habe, macht mich stolz»

«Eigentlich fühlte ich mich nie krank, ich kannte ja nichts anderes», sagt Nico. Zwar erinnert er sich an gewisse Szenen, in denen er dreinschlug oder ungerechtfertigt beschuldigt wurde. Dann auch an Lehrerinnen, die ihm freie Hand liessen, und solche, die strenger waren. Erstere liebte er, doch es endete im Fiasko, weil er wieder zügellos aggressiv wurde und in Schlägereien verstrickt wurde. Die andere Lehrerin, die ihm Grenzen setzte, die hasste er – doch dank ihr ging es wieder besser, bekam er sich wieder in den Griff. Er erinnert sich ans Werken und Lismen. «Ich konnte meine Hände bewegen, dann ging immer alles viel leichter. Es war wie eine Art Trance.» Seit eineinhalb Jahren geht Nico wieder in die öffentliche Schule, ein riesiger Erfolg für ihn und seine Mutter. «Das macht mich schon stolz», sagt der 15-Jährige heute.

Nico blickt auf einen weiten Weg zurück, den er gegangen ist – zusammen vor allem mit seiner Mutter. Ihr Mann, so erzählt die Mutter, hätte sich immer rausgehalten, sei überfordert gewesen. Seit Nico mit ADHS diagnostiziert wurde, hat er auch Ritalin genommen, das hat ihm geholfen. Doch er hat auch gelernt, mit Situationen umzugehen, in denen er überfordert war. Sich zurückziehen, die Hände in den Hosensack nehmen, den Widerstand ein klein wenig verstärken gegen die impulsive Reaktion, gegen den schnellen Faustschlag. Sich selber die Sekunden stehlen, die es braucht, um ein bisschen nachzudenken.

«Normal zumindest für die Gesellschaft»

«Und jeden Abend hat meine Mutter mit mir den Tag noch einmal durchgedacht», erinnert sich Nico. «Wir haben ihn in Rollenspielen zum Teil mit Plüschtieren nachgespielt.» So lernte er, sich in andere hineinzuversetzen, auch Überraschungen vorherzusehen. Er lebe, so analysiert Nico kühl, in Szenarien, um auf das vorbereitet zu sein, was eben auch passieren könne.

Jetzt, wo er seine Strategien entwickelt habe, um wieder normal zu sein, «normal zumindest für die Gesellschaft», habe er auch wieder «Giele-Freundschaften». In der Schule sei er sogar einer der Ruhigsten. «Ich beobachte, falle nicht auf und mache mich unsichtbar, wie ein Geist», erzählt Nico. Das brauche manchmal schon viel Kraft. Aus dem verhaltensauffälligen Kindergartenbub, der immer gleich dreinschlug, ist ein Acht-Klässler geworden, der bald eine Lehre als Lastwagenmechaniker oder Chauffeur antreten möchte. «Sogar die Lehrer loben mich heute und sagen mir, dass ich es gut mache», sagt Nico. Und dabei schmunzelt er still.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Juli 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.06.2018, 20:38 Uhr

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Handlungsbedarf bei Lehrern und Eltern

Die Studie «Kinder fördern: eine interdisziplinäre Studie zum Umgang mit ADHS» hatte das Ziel, die Situation von Kindern mit ADHS aus einer ganzheitlichen Perspektive zu betrachten. Von 2015 bis 2017 wurden mit vertieften Interviews und Umfragen bei betroffenen Kindern und Eltern, medizinischen Fachpersonen sowie Pädagoginnen und Pädagogen versucht, den Trend zu immer mehr Diagnosen und Behandlungen mit Medikamenten zu verstehen. Wer gibt den Anstoss zur Abklärung? Wo beginnt und endet der Einfluss der Schule? Welche Therapien werden gemacht? Die von der Stiftung Mercator Schweiz unterstützte Untersuchung schloss Forscher aus dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und des Collegium Helveticum zusammen.
Die Studie zeigte unter anderem auch, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Beteiligten verbesserungswürdig ist. Eltern würden etwa die Lehrer zu wenig informieren, oder Lehrpersonen wüssten oft nicht um einfache Unterstützungsmethoden. Um solche Entscheidungen zum Wohle des Kindes zu verbessern, entwickelt Projektleiterin Sandra Hotz in einem interdisziplinären Team nun Handlungsempfehlungen für Eltern, Lehrer und medizinische Fachpersonen. Ziel sei es, alle Beteiligten möglichst frühzeitig an einen Tisch zu bringen und alles zu tun, um eine für das Kind optimale Lösung zu finden, sagt Hotz. So wird der Leitfaden eine Art Ablaufschema vom ersten Auffallen des Kindes bis zur ausgereiften Therapie enthalten. Die rund 30 Seiten starken Handlungsempfehlungen sollen noch dieses Jahr fertiggestellt werden und sowohl online als auch gedruckt verfügbar sein. (mma)

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