Wie sich Robinson seine Aufklärung zusammenbastelte

Zum 300. Geburtstag neu übersetzt: Daniel Defoes «Robinson Crusoe».

Robinson Crusoe in einer italienischen Darstellung aus dem Jahre 1890. Foto: Getty Images

Robinson Crusoe in einer italienischen Darstellung aus dem Jahre 1890. Foto: Getty Images

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Gut geölte Wunschmaschinen der Marke «einsame Insel» zeichnen sich dadurch aus, dass sie trotz oder gerade wegen ihrer Widersprüche immer weiterlaufen. Kaum etwas fürchtet und ersehnt das moderne Subjekt so sehr wie Einsamkeit, und auf der sprichwörtlichen Insel ist beides, die Furcht davor und Sehnsucht danach, so perfekt vereint, dass Daniel Defoes «Robinson Crusoe» zum Bestseller einer Gesellschaft werden musste, die das Selbst – samt Selbstreflexion und Selbstermächtigung – gerade zu entdecken begann.

Im Frühjahr 1719, vor dreihundert Jahren, erschien der angeblich authentische Lebens- und Abenteuerbericht des schiffbrüchigen Seefahrers aus York, die erste Auflage war nach wenigen Wochen verkauft. Den Klassikerstatus hatte «Robinson Crusoe» auch bald inne, und das Genre der Robinsonaden verbreitete sich quer über Europa, im Kielwasser des Originals, das zudem in etlichen Kinderbuchfassungen kursierte.

Defoe hatte einen Nerv getroffen. Sein Held hatte vor der «Insel der Verzweiflung» immer gewarnt, doch schon wenige Jahrzehnte später rückt das zivilisationskritische Potenzial der Weltabgeschiedenheit ins Zentrum – bei Jean-Jacques Rousseau etwa, der das Buch in seiner «Emile»-Erziehungsutopie begeistert feiert.

Zweihundert Seiten bis zum ersten Fussabdruck

Wer jetzt die ungekürzte Fassung in der hervorragenden Neuübersetzung von Rudolf Mast liest, kann ein Epochenbuch entdecken, das die hellen und düsteren Seiten der frühen Aufklärung zum Vorschein bringt. Bei der Relektüre des ungekürzten Insellebens zeigt sich aber zuallererst: Es dauert über zweihundert Seiten, bis der Fussabdruck eines anderen Menschen im Sand auftaucht, und bis dahin ergeht sich Robinson in ausführlichen Beschreibungen seiner ziemlich unabenteuerlichen Do-it-yourself-Routine.

Mithilfe der vom Wrack geretteten Gerätschaften wiederholt er, ganz auf sich gestellt, den Zivilisationsprozess: selbst getöpferte Krüge, selbst geflochtene Körbe, selbst gezimmerte Tische, selbst gezogene Gerste, selbst gezähmte Ziegen. Es gibt nichts, was man nicht lernen könnte, behauptet der pragmatische Frühaufklärer, der von Anfang an auch etwas Pedantisches und Buchhalterisches hat, wie Günther Wessel im Nachwort betont: «Da sitzt ein gerade dem Tod Entronnener, und der Autor lässt ihn nach bester britischer Kaufmannsart Bilanz ziehen.» Vielleicht liegt eines der Erfolgsgeheimnisse dieses Buches in der immer neuen Vorführung dieser Haben-Seite. Robinson über seine bald nach dem Schiffbruch ausgebaute Höhle: «Alles war griffbereit, und es bereitete mir grosse Genugtuung, meine Habe so wohlgeordnet zu sehen, vor allem aber mich davon überzeugen zu können, dass mein Vorrat an allem Notwendigen so gross war.»

Genugtuung beim Anblick und Durchzählen selbst erzeugter Survival-Güter ist aber nur eine der Charakterfacetten, die Robinson an den Tag legt. So beharrlich, wie der Besitz durchgerechnet wird, taucht auch eine gegensätzliche, vollkommen unberechenbare Grösse auf: Als womöglich wichtigstes Wort des Romans erweist sich die Vorsehung (im Englischen «providence»), die sich dem anfangs nicht besonders gottgefälligen Seefahrer durch Bibellektüre offenbart. Gott ist das einzige himmlische Gefühl, das sich der vernünftige Plantagenbesitzer leisten kann; jenseits von Nützlichkeitserwägungen kommen Luxusveranstaltungen wie Natur, Schönheit, Musik oder Poesie im Grunde nicht vor. Wer mit dem Überleben beschäftigt ist, meditiert seltener über den Sonnenuntergang oder den Sternenhimmel, könnte man vermuten; andererseits: Moralische Fragen erscheinen sogar äusserst dringlich.

Das gilt vor allem ab der Entdeckung des ersten Fussabdrucks. Die Wilden und Menschenfresser, die der Roman als Gruselbilder der zivilisierten Welt auftreten lässt, stellen den bekehrten Selbsterkunder vor das Problem, warum es überhaupt Kannibalen gibt, wenn Gott so allmächtig ist; ob sie wissen, was sie tun; und ob er, Robinson, das Recht habe, sich als Richter aufzuspielen. Er hat es nicht, glaubt er; dennoch tötet er etliche von ihnen.

Dass der Roman die Ideenwelt des frühen 18. Jahrhunderts vertritt, liegt auf der Hand – ebenso, dass er in seiner langen Rezeptionsgeschichte immer wieder zur imperialen Selbstbestätigung genutzt wurde. Der Schiffbrüchige kolonisiert schliesslich nicht nur seine Insel, sondern auch seinen Freitag, wobei aufschlussreich ist, dass er seinem einzigen Untertan die Existenz des Bösen im Sinne der Christenlehre nicht wirklich erklären kann.

Das «grausame Gebaren» der Konquistadoren

Moralisch fragwürdig sind die anderen, aus der Sicht des Engländers: die Spanier. Das «grausame Gebaren» der Konquistadoren löse nun in ganz Europa «Abscheu und Ekel» aus, bedenkt Robinson, «als bringe das Königreich Spanien einen Menschenschlag hervor, der ohne Veranlagung zu Zuneigung oder Mitleid mit den Schwachen auskommen muss, die doch als Merkmale einer edelmütigen Gesinnung gelten».

Die auch grammatikalisch verschlungenen Gedankenlabyrinthe, in die Defoe seinen Inseleroberer führte, zeichnen sich in Rudolf Masts Übersetzung bestens ab. Hier will ein frühbürgerliches Ich zum guten Herrscher werden, mit Vernunft, Vorsehung und Schiesspulver. Welche Widersprüche das beinhaltet, wird im Lauf der folgenden Jahrhunderte nur sehr allmählich klar. Angesichts von Freitag staunt Robinson, dass Gott alle Menschen «doch mit denselben Möglichkeiten, derselben Vernunft, derselben Einstellung zu Freundlichkeit und Pflicht» ausgestattet habe. Vorerst hält er seine eigene Fähigkeit zur Vernunft aber doch für eine Inselbegabung.

Daniel Defoe: «Robinson Crusoe». Aus dem Englischen von Rudolf Mast und mit einem Nachwort von Günther Wessel. Mare, 400 S., ca. 57 Fr. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2019, 18:02 Uhr

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