Wie simpel und menschlich

Kolumnist Milo Rau über den grossen Pier Paolo Pasolini.

Filmstill aus Pasolinis Schockfilm «Salò o le 120 giornate di Sodoma». Foto: Cinetext

Filmstill aus Pasolinis Schockfilm «Salò o le 120 giornate di Sodoma». Foto: Cinetext

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Vor zwei Jahren brachte ich in Zürich Pier Paolo Pasolinis Folterfilm «Die 120 Tage von Sodom» mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Theaters Hora auf die Bühne, dessen Ensemblemitglieder gemäss Wikipedia alle eine «geistige Behinderung» haben. Während der Proben schauten wir uns einen anderen Film des italienischen Regisseurs an: «Das Matthäus-Evangelium».

Ich erinnere mich, welchen Eindruck dieser so pure Schwarzweissfilm aufs Hora-Ensemble machte. Einige protestierten lautstark, als Jesus von den jüdischen Priestern und dem römischen Statthalter verurteilt wird. Andere begannen zu weinen, als er gepeinigt und gekreuzigt wird. ­Dieser über zweistündige Film – ein Meisterwerk, aber eben auch 55 Jahre alt – löst beim «normalen» Publikum Langeweile aus. Bei Menschen mit «geistiger Behinderung» jedoch führten die Bibelszenen zur natürlichsten Reaktion: Wut und Mitleid.

Jetzt, da ich gerade in Matera, wo Pasolini einst seinen Film drehte, meinerseits das Neue Testament mit Flüchtlingen und Kleinbauern verfilme, erinnere ich mich an die damaligen «Sodom»-Proben. Nicht nur, weil ich mir Pasolinis Jesus-Film in den letzten Wochen mehrfach ­angeschaut habe: in improvisierten Screenings in den Flüchtlingslagern und immer wieder mit den Technikern auf Drehortsuche.

Nein, vor allem deshalb, weil mir auf einmal bewusst wurde, wie simpel und menschlich Pasolini alles inszeniert hat. Oder anders ausgedrückt: warum der Film so stark wirkt. Wie in meinem Film sind alle Rollen mit Leuten besetzt, die Pasolini auf der Strasse traf, die ihn instinktiv interessierten. Und das macht seinen Bibelfilm nur scheinbar zu einem Film über einen Gott. Es ist in Wahrheit ein Film über die Menschen, die darin spielen.

Kein Regisseur arbeitet so ausführlich – und dramaturgisch völlig sinnlos – mit Grossaufnahmen wie Pasolini. Wenn Jesus spricht, sieht man über die Hälfte der Zeit seine Zuhörer: Leute aus dem Volk, Leute mit zerfurchten Gesichtern, Freunde von Pasolini. Man erkennt die Liebe, mit der die Kamera auf die Darsteller schaut. Und man erkennt, dass ein Bibel-Film, der nicht frömmlerisch und scheinheilig ist, nur davon ­handeln kann.

Die schönste Anekdote aber erzählte mir der Bürgermeister von Matera. Der Mann ist 84 und war schon bei Pasolini als Statist dabei. Bei uns spielt er Simon, der Jesus hilft, das Kreuz zu tragen. Pasolinis Jesus, erzählte er mir, hängt Matera zugewandt am Kreuz: sterbend schaut er auf die Stadt, auf die Menschen. Was filmisch eher ungünstig ist, da so nur entweder der Heiland oder die Jerusalem-Kulisse sichtbar wird. In Mel Gibsons «Passion Christi», ebenfalls in Matera gedreht, ist die Stadt dagegen nur Kulisse: der gekreuzigte Christ hängt mit dem Rücken zur Menschheit.

Es war diese Zugewandtheit – diese ganz einfache und direkte Sympathie –, die die Hora-Spieler zu Tränen rührte. Und natürlich wollten alle unbedingt Jesus spielen.



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Erstellt: 21.09.2019, 23:24 Uhr

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