Wie Spotify Popsongs revolutionierte

Das Angebot ist grenzenlos, die Aufmerksamkeitsspanne gering: Songwriter nutzen deshalb einen Trick, um den Hörer nicht gleich zu verlieren.

Auch Schweizer haben den Trick drauf: Die Berner Rapper Lo & Leduc beispielsweise. Foto: Keystone

Auch Schweizer haben den Trick drauf: Die Berner Rapper Lo & Leduc beispielsweise. Foto: Keystone

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Alle Musik ist da – von den Beat­les bis zum letzten Schrei der Popgegenwart. Mit einem Klick sind die Songs erreich- und anhörbar. Und wer nicht weiss, welche Musik nun passt, erhält via Playlists und dank dem ausgeklügelten Algorithmus auf den eigenen Geschmack zugeschnittene Empfehlungen. Toller gehts für die Musikkonsumenten eigentlich nicht.

Genau dies verspricht das ­Streaming, eine Technologie, die den Besitz und Kauf von Musik scheinbar überflüssig macht. Seit über zehn Jahren wird sie vom schwedischen Musikdienst Spotify perfektioniert. Das Unternehmen um den Firmengründer Daniel Ek, der eine Vergangenheit in der Internetpiraterie hat, steht seit dem Markteintritt für die Allverfügbarkeit von Musik, für eine Entgrenzung auch, die nicht mehr an einen Tonträger gebunden ist und auch nicht mehr an Abspielgeräte wie den iPod, der in den Nullerjahren bereits die CD in der Bedeutungslosigkeit versenkt hat.

Anders als in jenen Jahren der Piraterie hat sich die Musikindustrie mit dem Streaming nach anfänglicher Skepsis versöhnt. Mehr noch: Die grossen Labels investierten in Spotify und machten es überhaupt möglich, dass die Papiere des Unternehmens seit 2018 an der Wallstreet gehandelt werden.

Das Aufregendste kommt gleich am Anfang

Mit dem Aufstieg von Spotify veränderte sich auch die Popmusik – so, wie sie immer schon auf das massgebende Medium der Zeit reagieren musste: Die zeitliche Limite der Vinylsingle definierte den dreiminütigen Popsong, der auch vom Radio geschätzt wurde. Dank der CD verlängerte sich die Spieldauer des Albums.

Und jetzt, da die ersten Sekunden entscheidend sind, ob man einen Song weiterhört oder nicht – weil das Angebot grenzenlos ist und die Aufmerksamkeitsspanne gering –, setzen die Songwriter das aufregendste und markanteste Element gleich an den Songbeginn. Damit man weiterhört.


Artikel: Die Rätselmänner des Pop Die Playlist-Kuratoren sind die einflussreichsten Figuren der Musikbranche. Was tun sie? (Abo+)


Diese Evolution des Popsongs ist beispielsweise in «Rockstar» von Post Malone zu hören, der auf Spotify phänomenale 1,4 Milliarden Streams aufweist. Der Amerikaner ist mit seinem melancholischen Rap, der sich verschiedensten Popeinflüssen nicht verschliesst, ein Modellathlet: Seine Musik passt dank ihrer Unentschiedenheit in alle möglichen Playlists.

Aber auch Lo & Leduc machten es in der Schweiz beispielhaft vor, indem sie ihren Grosshit «079» mit jenem Teil eröffneten, der im Gedächtnis haften bleibt. Die Strophe setzt erst nach 55 Sekunden ein. Dann also, wenn man die «079 hett sie gseit . . .»-Zeile im Kopf hat.

Wer kennt heute noch die Songs von Stiller Has oder Züri West?

Gleichzeitig hat sich ein neues Genre herausgebildet, das von den mächtigen Spotify-Playlist-Kuratoren gefördert wird – weil die Hörer es wollen. «Spotify Core» nannte die «New York Times» eine Ästhetik, die alles macht, um nicht aufzufallen. Gegen diese unaufdringliche Musik bildet sich aber Opposition. Eine Indieband wie Bilderbuch, die auch dank Streaming gross geworden ist, setzt derzeit auf eine Musik, die es geradezu abgesehen hat, durch alle Raster zu fallen.

Und natürlich gibt es immer noch jene, die Musik kaufen, sei es in den Plattenläden oder auf wachsenden Onlineplattformen wie Bandcamp, wo sich ein «Buy Music Club» herausgebildet hat – der sich gegen die wenig nachhaltige All-you-can-eat-Mentalität auf Spotify wehrt.

Diese Gegenbewegungen täuschen aber nicht darüber hinweg: Ein Abseitsstehen von den Streaminganbietern kann dafür sorgen, dass ganze Songkataloge in Vergessenheit geraten. Wer von den Nachgeborenen kennt beispielsweise die Lieder von Züri West oder Stiller Has, deren Musik bloss bei Apple Music, nicht aber bei Spotify zu hören sind? So sehr es verständlich ist, wenn Musiker ihre Songs nicht verschenken wollen: Im Fall von Spotify scheint sich das zu bewahrheiten, was Daniel Ek im «New Yorker» prognostiziert hat: «Technologie gewinnt immer.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.03.2019, 18:24 Uhr

Störgeräusche in der Musikbranche

Spotify liegt an diversen Fronten im Clinch.

Auch wenn die Musik derzeit auf den Streamingdiensten spielt, steht das Businessmodell der Anbieter noch immer auf wackeligen Beinen. Zwar hat der Branchenführer Spotify im letzten Quartal 2018 erstmals einen Gewinn ausgewiesen, doch kurz nach der Erfolgsmeldung häuften sich Vorfälle, die aufzeigen, dass das Unternehmen in einer heiklen Phase seiner Entwicklung steckt.

Am 26. Februar wurde feierlich der Start von Spotify Indien vermeldet. Grund zur Freude eigentlich, doch die Expansion ging mit Nebengeräuschen einher. Der Verlag von Warner Music untersagte Spotify die Benützung von Teilen seines Repertoires. Es geht im Gerichtsfall um eine Lücke im indischen Urhebergesetz, eine Petitesse eigentlich, doch allen ist bewusst, dass es sich dabei um einen Stellvertreterstreit handelt.

2019 werden nämlich die Verträge zwischen Spotify und den Musiklabels neu ausgehandelt. Die Diskussionen dürften hitzig werden. Vor zwei Jahren wurde Spotify von den Labels eine bessere Marge zugestanden, weil der Streamingdienst tiefrote Zahlen schrieb. Damit dürfte nun Schluss sein. Die Muskelspiele haben begonnen.

Das heikle Spiel des Streamingdienstes

Es ist ein spannendes Kräftemessen: Jeder braucht den anderen, um weiter im Geschäft zu bleiben. Die Labels schreiben dank Spotify wieder Gewinne und haben Druckmittel in der Hand, da ein Streamingdienst, der nicht das komplette Musikangebot aller Plattenfirmen anbieten kann, auf dem Markt keine Chance hat. Spotify hingegen ist der unangefochtene Marktführer und erreicht weltweit 207 Millionen Musikbegeisterte. Es wäre unklug, hier nicht dabei zu sein.

Seit Spotify den Musikern jedoch erlaubt, ihre Songs direkt auf die Plattform hochzuladen, ist klar, dass es die Strategie der Schweden ist, die Plattenfirmen künftig überflüssig zu machen und selber als Label oder als eine Art Netflix für Musik aufzutreten.

Doch nicht nur mit den Plattenfirmen liegt Spotify derzeit im Clinch: Letzte Woche hat man beschlossen, den Entscheid der US-Behörden gerichtlich anzufechten, wonach die Dienste die Urheber künftig mit 15,1 Prozent entschädigen sollen (bisher 10,5 Prozent). Die Empörung unter den amerikanischen Musikern ist gross, zumal Apple Music auf einen Einspruch verzichtet hat. Spotify ist gerade dabei, es sich mit den wichtigsten Playern zu verscherzen, nämlich mit jenen, die den Inhalt für ihre Geschäftsidee liefern. Rufen nur einige von ihnen – wie auch schon geschehen – zum Boykott auf, dann könnte es kompliziert werden für den Branchenprimus.

Ane Hebeisen

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