Wie wärs mit einem Pulli aus der Wolle von Bello?

LED-Halsband, Hundetrolleys, Dogdancing: Bei der Hundemesse in Winterthur dreht sich alles um des Menschen besten Freund.

Julchen und Co. beweisen, dass der Dackel sehr wohl erziehbar ist. Foto: Michele Limina

Julchen und Co. beweisen, dass der Dackel sehr wohl erziehbar ist. Foto: Michele Limina

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Ring frei für die Dackel! «Julchens Dackelshow muss man gesehen haben», sagt Markus Weisshaupt, der Organisator der Hundemesse «Hund 2020», die bis heute Sonntag Hündeler aus dem ganzen Land in die Eulachhallen in Winterthur zieht.

Die Gruppe «Dackelzauber», das sind fünf ältere Männer und Frauen mit ihren Hunden, angeführt von Julchen, dem wohl talentiertesten und mit 13 Jahren ältesten Dackel im Ring. Die Showtruppe will beweisen, dass auch Dackel einiges zu bieten haben. Der Dachshund, ursprünglich ein Jagd- und Arbeitshund, werde nämlich total unterschätzt und völlig zu Unrecht zum «Oma-Hund» degradiert, sagt Weisshaupt. Julchen und Co. zeigen allerlei Kunststücklein. Päng! Ein Schuss aus der Pistole, und Jimmy, «der potente Rüde», stellt sich tot.

Sechs flotte Sohlen: Birgit und Maiko. Foto: Michele Limina

«Hund 2020» ist keine Hundeausstellung, hier wird kein Hund geföhnt, parfümiert und nach seinem Aussehen bewertet, Stammbaum und Papiere spielen keine Rolle. An der «Hund/2020» zählen quasi die inneren Werte. Weisshaupt sagt: «Ob Strassenhund aus Rumänien oder Rassehund mit adligem Stammbaum, bei uns ist jeder Hund gleich viel wert.» Man wolle dem Publikum vermitteln, wozu sich eine Rasse eignet, wozu eher nicht.

160 Aussteller präsentieren in den zwei Hallen ihre Produkte und Dienstleistungen. Schlafkörbchen stapeln sich, vom kuscheligen Bettchen für 79.90 bis zum schicken Sofa aus grauem Leder für 400 Franken. Outdoorkleider für Mensch und Tier. Halsbänder aus farbigen Perlen für den speziellen Anlass oder robuste Alltags-Gstältli. Im Trend: LED-Halsband und -Leine, aufladbar, in Neonfarben, sodass man nachts ein sich bewegendes, grünes oder violettes Band auf dem Trottoir sieht.

Bello wird mit Airbrush auf der Motorhaube verewigt

Nur das Beste für den Hund: Die Dog Bakery bietet Muffins oder Guetsli in Knochenform an – handgefertigt, mit Liebe verziert, 100 Prozent natürlich. Ohne Zucker, ohne Salz. Ein Luxus, der Muffin kostet drei Franken, eine Delikatesse, gut genug auch für den Menschen, sagt der Verkäufer und beisst zum Beweis in einen Knochen. Vegane Nahrung findet man übrigens nicht, «der Hund ist und bleibt ein Fleischfresser», sagt Messeleiter Weisshaupt. Und weil er das Tier nicht vermenschlichen will, führe er auch keine Hundemodeschau durch – obwohl das Interesse sicherlich da wäre.

Professionelle Fotoshootings für den Hund werden angeboten, Bellos Bildnis wird in Öl auf Leinwand oder mit Airbrush auf der Motorhaube verewigt. 520 000 Hunde leben als Haustiere in der Schweiz, ein Riesenbusiness, ein Hund kostet im Jahr etwa 1500 bis 2000 Franken, ohne Tierarztkosten. Eine Versicherung, «tierisch versichert», verspricht Schutz bei Unfall und Krankheit.

Es ist laut in den Hallen, hohes Gekläffe, gesetzter Bass. Ab und zu riechts gar streng nach Hund oder getrockneten Schweineöhrchen. Und wieder stolpert man über einen Bodesuri. Auffallend viele Messebesucher, besser Messebesucherinnen – die grosse Mehrheit sind Frauen –, haben ihren Liebling dabei. Weisshaupt sagt: «Man ist stolz auf seinen Hund, will ihn einem grossen Publikum präsentieren – und zeigen, dass man den Hund im Griff hat.» Er wird misstrauisch, wenn Besucher, darunter auch Züchter, mit viel zu jungen Hunden an die Messe kommen. Jeglicher Handel mit Hunden hier sei strikt verboten, «spontane Entscheide sind beim Hundekauf absolut tabu».

Ein Hundeverbot komme für eine Hundefachmesse nicht infrage, sagt Weisshaupt. Seit 2004 findet die Messe jährlich statt, 2019 zog sie 13200 Besucher an, erst einmal in all den Jahren sei es zu einer Beisserei gekommen. Mit einem «Malheur», dass ein Hund das Bein hebe und seine Duftmarke setze oder auch mal in die Halle kacke, damit müsse man rechnen. Das Putzpersonal sei sofort zur Stelle. Um solche spezifischen Reinigungs- und Desinfektionskosten sowie den «Malheur-Pikettdienst» zu decken, wird zusätzlich zum Tageseintritt ein Zuschlag von fünf Franken für den Hund erhoben.

Evita wird unter anderem im Altersheim eingesetzt

Barbara Beeler besucht die Messe zusammen mit ihrem kleinen Rudel: Dandelion, ein chinesischer Schopfhund, habe heute Geburtstag, einjährig ist er. Er darf sich ein Spielzeug aussuchen. Und damit niemand auf die beiden winzigen Chihuahuas tritt, sitzen sie im Hundetrolley. Besonders ihre Muus, «eigentlich heisst sie Ivana», fühle sich so sicherer, Muus ist 14 und fast blind. Die Tasche auf Rollen sei übrigens extrem praktisch und kostensparend, sagt die Besitzerin eines Hundesalons: Im Zug stecke sie alle drei in die Tasche, so fahren die Hunde gratis. Hundewagen sieht man in allen Variationen, vom Buggy bis zum Comfort Wagon für den 70-Kilo-Fetzen.

Jacqueline Christener hat Mischling Muz mitgebracht, weil er ein neues Halsband bekommt, klar, dass er es probieren müsse. Ausserdem: «Muz liebt Zwei- und Vierbeiner, er ist eine coole Socke.» Der kleine Mamo fährt im Rollstuhl durch die Gänge. Seine Hinterbeine sind gelähmt. Stephan Kobel hat ihn aus einer Auffangstation adoptiert, Mamo geniesse die Aufmerksamkeit, lasse sich durch die Behinderung nicht einschränken, «Mamo begleitet mich auch beim Joggen».

Geht auch joggen: Mamo lässt sich nicht behindern. Foto: Michele Limina

Auch Barry, der Schweizer Nationalhund, ist vor Ort. Evita wirbt als «Botschafterin» der Bernhardiner am Stand der Fondation Barry für Leinen, Halsbänder und Fässchen mit Schweizer Kreuz. Der Erlös soll Geld in die Zucht der Bernhardiner spülen. Gemütlich sieht der Bernhardiner aus, er könne aber «ganz schön seckeln», sagt Manuela Del Medico von der Stiftung, «aber Ausdauer hat er nicht». Dafür ein Herz aus Gold: Evita wird unter anderem im Altersheim eingesetzt, wo sie mit den Besuchern flirte, wie Del Medico sagt.

Der Hund soll Tier sein und bleiben, wird immer und überall betont. Und doch bekommt man den Eindruck, er sei für die Halter weit mehr: Frauen sitzen, Hund auf dem Schoss, auf der Tribüne, auffallend viele reden ständig mit ihrem vierpfotigen Begleiter. In der Arena sucht der Schweizer Tierschutz Plätze für Heimhunde, darunter einige mit Maulkorb.

Regelmässig werden dem Publikum weniger bekannte Hunderassen vorgestellt, erstmals dabei: der Kangal, ein beeindruckender Herdenschutzhund aus Anatolien, sowie der lateinamerikanische Nackthund – kein Lieferant für Strickwaren. Die Besucherinnen wurden nämlich aufgefordert, das Haar ihres Hundes mitzubringen. Am Stand von Anita Odermatt wird getestet, ob es sich zu Garn verarbeiten lässt. Sie sitzt am Spinnrad und sagt: «Die Unterwolle des Hundes ist weich wie Angora.» Die Inuit würden seit jeher die Haare der Huskies zu Kleidern verarbeiten. Ein Seelenwärmer aus der Wolle des Lieblings als Andenken, was gebe es Schöneres? Meist reiche die Menge jedoch bloss für ein Armstösschen.

Lets dance! In der Halle 2 wird durchgehend getanzt. Dogdancing, ursprünglich aus den USA, gilt als der Hundesport der Zukunft. Turnier-Organisatorin Claudia Moser sagt, 2004 seien 17 Teams gestartet, heute 170. Es sind praktisch ausschliesslich Frauen, die mit ihrem vierbeinigen Tanzpartner eine Choreografie aufs Parkett legen. Man erkennt sie am Goodie-Täschchen, das sie alle um die Hüfte tragen. Es ist gefüllt mit Biskuits oder Wursträdchen. Motivieren, loben, streicheln und belohnen ist alles, sonst würde wohl kaum ein Hund Männchen machen oder zwischen Frauchens Beinen Slalom rennen.

Von Klassik bis Hardrock, jede Musik ist erlaubt. Aber während sich Frauchen gerne kostümiert, darf der Hund nicht verkleidet werden – höchstens ein rassiges Tüchlein um den Hals tragen oder ein Mäschchen, das ihm die Fransen aus den Augen hält. Angetreten wird in verschiedenen Kategorien, vom Anfänger bis zum Könner. Senioren haben ihre eigene Klasse, wobei sich der Senior auf den Hund bezieht.

Barbara Lanz und Hund Lasco sind aus dem Berner Seeland angereist, es ist ihr erster Auftritt vor Publikum, sie werden zu Cliff Richards «Such a Night» performen. Lascos Spezialität: am Boden kriechen. Hundetrainerin Brigitte Wyniger hingegen ist erfahrene Dogdancerin. Sie sagt: «Meine Hunde flippen aus, wenn sie den Ring sehen.» Besonders Alvin, «der Monsieur», sei Tänzer durch und durch. Sobald Musik ertöne, sei er nicht zu bremsen. Und keine twiste wie ihre Arielle! «Twist», sagt Wyniger und schon dreht sich Arielle um die eigenen Achse. «Walz», sagt Wyniger, und Arielle dreht sich um die andere Seite.

Jeder gelungene Sprungwird mit einem Leckerli belohnt

Ring frei für Birgit und Maiko! Frauchen Birgit ist als Bäckerin verkleidet, hantiert mit einer übergrossen Kelle. Maiko, ein weisser Spitz, passt perfekt zur weissen Schürze und Haube. Sprung über die Kelle – das wird mit einem ­Leckerli belohnt. Männchen machen – und noch ein Leckerli. Maiko will sich nicht drehen, also dreht sich Birgit. Das Leckerli gibts trotzdem für den Hund. «Ihr habt eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt», lobt die Jury. Frauchen Birgit strahlt unter der Bäckerhaube. Hundchen Maiko scheint auch zufrieden – satt wird er beim Tanzen jedenfalls.



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Erstellt: 08.02.2020, 22:57 Uhr

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