Was steckt denn nun drin, in dieser chinesischen Medizin?

In der Schweiz vertriebene Arzneien weisen riesige Unterschiede in der Dosierung von Inhaltsstoffen auf, wie eine neue Studie enthüllt.

Alternativmedizin: Flüssigextrakte sind zum Teil bis zu 1300-mal tiefer konzentriert als pulverförmige Trockenextrakte. Foto: Getty Images

Alternativmedizin: Flüssigextrakte sind zum Teil bis zu 1300-mal tiefer konzentriert als pulverförmige Trockenextrakte. Foto: Getty Images

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Stellen Sie sich vor, Sie bekommen in der Apotheke ein Schmerzmittel, dessen Dosierung zehn- oder gar tausendfach tiefer ist als vom Arzt verschrieben und auf der Packung steht. Sie werden nicht darüber informiert, Arzt und Apotheker müssten es eigentlich wissen.

Was in der Schulmedizin ein juristisches Nachspiel hätte, ist im Bereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) Norma­lität. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) untersuchte unlängst Trocken- und Flüssigextrakte von fünf häufig verschriebenen Pflanzen, und kommt beim Vergleich der beiden Verfahren auf riesige Abweichungen. Wichtige Inhaltsstoffe waren bei den Flüssigextrakten 7- bis 1300-mal tiefer konzentriert als bei pulverförmigen Trockenextrakten, wenn auf die empfohlene Tagesdosis hochgerechnet wurde. Es sei fragwürdig, bei solchen Abweichungen von gleichwertigen Arzneiformen zu sprechen, schreiben die Autoren. In der täglichen Anwendung gelten die beiden Extrakttypen bezüglich der Wirkung jedoch als ebenbürtig.

«Sie schmecken süss und sind deshalb populär»

Auch wenn wissenschaftliche Belege meist fehlen, vertrauen in der Schweiz viele auf die TCM. Die Arzneitherapie spielt dabei eine wichtige Rolle, traditionell mehr als Akupunktur. Die Grösse des Markts ist beträchtlich: Ein Insider schätzt den jährlichen Umsatz auf 15 Millionen Franken oder rund 150 000 Rezepturen für Patienten. Dabei handelt es sich überwiegend um Extrakte. Die herkömmlichen Abkochungen von bis zu 15 Pflanzenteilen (Dekokte) sind sehr aufwendig in der Herstellung und kommen deshalb nur selten zum Einsatz.

Gemessen haben die ZHAW-Forscher fünf der in der TCM am häufigsten verwendeten Pflanzen: Chinesische Engelwurz, Tragant, Helmkraut, Süssholz und Pfingstrose. Weil in der Kräutermedizin meist nicht bekannt ist, welche Inhaltsstoffe für eine behauptete Wirkung zuständig sind, bestimmten die Wissenschaftler die sogenannten Leitsubstanzen, wie sie im chinesischen und dem europäischen Arzneimittelbuch für jede Pflanze definiert sind. Diese geben einen Hinweis darauf, wie gut die Extraktion erfolgt ist.

Auftraggeber der ZHAW-Studie ist Severin Bühlmann. Der ehemalige Allgemeinmediziner und TCM-Therapeut gründete vor 30 Jahren Complemedis. Es handelt sich um eine von drei Vertriebsfirmen, die sich in der Schweiz den Markt der TCM-­Arzneimittel aufteilen. Die anderen beiden heissen Lian Chinaherb und Apotheken Dr. Noyer. Letz­tere verkauft die Flüssigextrakte, die Bühlmann schon seit einiger Zeit ein Dorn im Auge sind. «Sie schmecken süss, sind einfach in der Handhabung und deshalb populär bei Therapeuten und Patienten», sagt er. Bereits 2016 hat der Unternehmer eine umfangreiche, extern durchgeführte Analyse von 21 Flüssig­extrakten in der «Schweizerischen Zeitschrift für Ganzheitsmedizin» veröffentlicht. Auch hier lag die Dosierung durchgängig ­tiefer im Vergleich zu Trockenextrakten, im Extremfall um einen Faktor 100. «Erstaunlicherweise ist überhaupt nichts passiert nach der Veröffentlichung», sagt Bühlmann.

Es hat mit dem Alkohol in Flüssigextrakten zu tun

Der Berner Kantonsapotheker Samuel Steiner will der Angelegenheit nachgehen: «Die vorliegenden Zahlen geben mir zu denken.» Sein Amt hat die Aufsicht über die im Kanton angesiedelten Apotheken Dr. Noyer. «Wir werden in unserem Labor Nachmessungen vornehmen und falls nötig intervenieren», sagt Steiner. Gleichzeitig weist er auf die schwierige ­Situation bei der TCM hin. «In diesem Bereich herrscht zum Teil Wildwuchs», sagt er. Therapeuten, Ärzte und Hersteller beziehen sich auf die unterschiedlichsten Lehren und verwenden verschiedene Herstellungsverfahren für Arzneimittel. Zudem würden die drei grossen Anbieter von TCM-Arzneien in der Schweiz versuchen, sich gegenseitig das Leben schwerzumachen, sagt Steiner.

Der Hauptgrund für tiefere Konzentrationen von Leitsubstanzen in Flüssigextrakten dürfte an der Verwendung von Alkohol liegen. Dieser löst andere Substanzen aus den Pflanzen als Wasser, das bei Trockenextrakten meist zum Einsatz kommt. Ausserdem: Chemikalien bleiben in Flüssigkeit oft weniger lange stabil.

Inhaltsstoffe können zu Herztod führen

Solche vermeintlich kleinen Unterschiede sind nicht risikolos, wie ein Schlagabtausch vom vergangenen Mai zeigt. Forscher der Universitäten Basel und Wien warnten damals aufgrund einer Untersuchung davor, dass Inhaltsstoffe der in der TCM verwendeten Stinkesche zu Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern oder gar Herztod führen können. Das Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie (CTCA) erklärte die Studie in einer Stellungnahme als Panikmache: Die Basler Forscher hätten für ihre Analyse alkoholische Extrakte verwendet, «die sich stark von einer Abkochung unterscheidet, wie sie in der TCM üblich ist». Offensichtlich nicht bei allen Herstellern.

Der kritisierte Vertrieb Apotheken Dr. Noyer behauptet auf seiner Website, Flüssigextrakte seien ähnlich konzentriert wie Granulate aus Trockenextrakt und wirksamer. Tatsächlich weiss man schon lange um die tieferen Konzentrationen. Doch: «Es braucht keine hohe, sondern eine therapeutisch wirksame Konzentration», betonen Inhaber Alain Noyer und sein belgischer Hersteller Conforma in einer Stellungnahme. Grössere Studien zur therapeutischen Wirksamkeit verschiedener Extraktionsverfahren existieren allerdings kaum.

Unterschiede müssten ­transparent sein

Noyer und Conforma gehen jedoch noch weiter und schreiben: Die höhere Konzentration von Granulaten könne sogar ein Nachteil sein. Letztlich könnten dadurch auch Verunreinigungen wie Schwermetalle und Schimmelpilzgifte sowie gesundheitsschädliche Pflanzeninhaltsstoffe erhöht sein.

Konfrontiert mit dem Wildwuchs bei den Extrakten, halten es die Vertretungen der TCM-Ärzte nicht für nötig, Stellung zu beziehen. Das gilt sowohl für die Schweizerische Ärztegesellschaft für Akupunktur, Chinesische Medizin und Aurikulomedizin (SACAM) als auch für die Assoziation Schweizer Ärztegesellschaften für Akupunktur und Chinesische Medizin (ASA). Ihre Mitglieder können ihre Leistungen über die obligatorische Grundversicherung abrechnen.

Anders beim TCM-Fachverband, der die nicht ärztlichen TCM-Therapeuten vertritt. Nina Zhao-Seiler, Beraterin des Vorstands und TCM-Therapeutin, begrüsst es, wenn nun durch die Studien mehr Transparenz entsteht. Flüssigextrakte findet sie nicht grundsätzlich problematisch. «Die Zubereitungsformen von Rezepturen, die heute in der TCM verwendet werden, sind im Laufe der Zeit immer wieder verändert worden», sagt sie. Unterschiede müssten jedoch transparent sein. «Der Schweizer Vertrieb Apotheken Dr. Noyer sollte die Resultate der vorliegenden Untersuchungen ernst nehmen.»

* Dieser Artikel erschien erstmals am 7. Oktober in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.10.2018, 14:00 Uhr

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