Winterthurer am Terrorseminar

Mehrere Männer aus der Schweiz besuchten einen Anlass, an dem auch der Berlin-Attentäter teilnahm.

Als der IS-Terror nach Deutschland kam: Polizei­einsatz nach dem Anschlag in Berlin am 19. Dezember 2016 Foto: Reuters

Als der IS-Terror nach Deutschland kam: Polizei­einsatz nach dem Anschlag in Berlin am 19. Dezember 2016 Foto: Reuters

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Ein Seminar der besonderen Art haben der Winterthurer Akif S. * und ein paar seiner Freunde an Weihnachten 2015 besucht. Es war ein Anlass im deutschen Hildesheim, in der Moschee des irakischen Hasspredigers Abu Walaa. Ihm wird derzeit in Celle der Prozess gemacht. Der Generalbundesanwalt hält den Iraker für den höchsten Repräsentanten der Terrorgruppe IS in Deutschland. Er und seine Mitangeklagten sollen eine ganze Reihe junger Männer zum Islamischen Staat (IS) nach Syrien und in den Irak geschickt haben.

Warum Akif S. nach Hildesheim reiste, wer ihn begleitete und was die jungen Männer dort genau machten, werden wir vielleicht nie erfahren. Akif S. ist Schweizer und gehörte vor der Schliessung der Winterthurer An’Nur-Moschee zu deren berüchtigter Jugendgruppe. Im letzten Oktober hat das Bezirksgericht Winterthur ihn und sechs weitere Mitglieder der Jugendgruppe wegen eines Angriffs auf zwei Moscheegänger zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Dass wir überhaupt von der Reise aus Winterthur nach Hildesheim wissen, verdanken wir einem V-Mann des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen. Der Mann mit dem Decknamen Murat begann schon im Sommer 2015 damit, die radikalen Salafisten in Abu Walaas Moschee zu infiltrieren. Der Iraker war damals als der «Prediger ohne Gesicht» bekannt, weil er sich in seinen Propagandavideos nie zeigte, sondern sich allerhöchstens von schräg hinten filmen liess.

Akif S. (links) wurde vom Bezirksgericht Winterthur im An’Nur-Prozess zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt.

Direkt nach dem dreitägigen Seminar wurde Murat von seinem Führungsoffizier in Düsseldorf vernommen. In der «Quellenvernehmung», die dieser Zeitung vorliegt, berichtet Murat Folgendes: «Auch wurde gesagt, wie wir uns verhalten sollten, um kein Aufsehen bei den Nachbarn zu erregen. Wir sollten nicht in Gruppen vor der Tür stehen und auch sonst unauffällig sein. Wir wurden zudem ermuntert, Kontakte zu knüpfen und Telefonnummern auszutauschen. Insgesamt kann man sagen, dass die Gäste alle als ‹radikal› bezeichnet werden können. Das waren alles Leute, für die nur die Scharia als gültige Norm gilt, und fast alle scheinen konkret die Ausreise ins Gebiet des IS anzustreben.»

Aus der Vernehmung geht weiter hervor, dass sich Murat auch mit Akif S. unterhielt. Der V-Mann sagte, dass dieser zu einer Gruppe 17- bis 18-Jähriger aus Zürich gehöre. Die jungen Männer seien mit einem Fernbus angereist. Neben dem Namen von Akif S. steht im Bericht auch eine Schweizer Handynummer. Ein Anruf auf diese Nummer bestätigt, dass es sich beim Nutzer um Akif S. handelt. Zu seinem Besuch in Hildesheim will er aber nichts sagen. Er sei beschäftigt und seine Zeit deshalb kostbar. Reden würde er nur gegen ein Honorar.

Neun Schweizer Handynummern bei Abu Walaa

In der Moschee an der Hildesheimer Martin-Luther-Strasse verkehrten auch Terroristen, die später in Deutschland Anschläge verübten. Ausgerechnet an dem Seminar, an dem Akif S. und seine Kameraden aus der Region Zürich teilnahmen, war auch der Tunesier Anis A. zugegen. Murat, der V-Mann, gab dazu Folgendes zu Protokoll: «Mir ist aber einmal aufgefallen, dass Anis etwa 30 Minuten mit Abu Walaa ein privates Gespräch hatte.» Fast genau ein Jahr später raste Anis A. mit einem gestohlenen Sattelzug in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Das Attentat forderte zwölf Tote.

Murat, der Anis A. gut kannte, war schon lange vorher überzeugt gewesen, dass der Tunesier einen Anschlag verüben wolle. Murats Führungsoffizier teilte diese Meinung ebenfalls und gab die Warnung weiter, aber andere Behörden waren sorgloser – mit den bekannten Folgen. Ob die Gäste aus der Schweiz an dem dreitägigen Seminar Kontakt mit Anis A. hatten, ist nicht bekannt.

Bei Abu Walaa fand die deutsche Polizei insgesamt neun Schweizer Handynummern. Sie gehörten unter anderem vier Salafisten aus dem Umfeld der An’Nur-Moschee und zwei regelmässigen Besuchern der Bieler Ar’Rahman-Moschee, in der damals der Hassprediger Abu Ramadan aktiv war. Die deutschen Ermittler schrieben dazu: «Die schweizerischen Sicherheitsbehörden teilen (…) mit, dass eine grosse Anzahl der festgestellten Telefonkontakte dem schweizerisch islamistisch-salafistischen Personenspektrum der sogenannten Winterthurer Zelle zuzuordnen ist, die sich ganz überwiegend dem IS angeschlossen hat.»

*Name geändert

Erstellt: 19.01.2019, 18:54 Uhr

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