«Wir brauchen keinen Verkaufsstand mehr»

Breitling-Chef Georges Kern erklärt, warum der Luxusuhrenhersteller die Baselworld ­verlässt – und welche Plattformen zukunftsweisender sind als die Uhrenmesse.

«Über digitale Kanäle und kleinere, jedoch persönlichere Events ohne fixe Daten erreicht man Konsumenten heute besser»: Georges Kern. Foto: Paolo Dutto/13 Photo

«Über digitale Kanäle und kleinere, jedoch persönlichere Events ohne fixe Daten erreicht man Konsumenten heute besser»: Georges Kern. Foto: Paolo Dutto/13 Photo

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Breitling gehörte an der diesjährigen Baselworld zu den prominentesten Messeteilnehmern und sorgte mit Auftritten von Ballonfahrer Bertrand Piccard und Triathlon-Superstar Jan Frodeno für Aufsehen. Doch jetzt ist Schluss: Wie Breitling-Chef Georges Kern verrät, wird die international bekannte Uhrenmarke 2020 nicht an der Baselworld teilnehmen. Für den Messebetreiber MCH ist das ein herber Rückschlag. Seit 2017 ist die Zahl der Aussteller von 1300 auf nur noch 500 in diesem Jahr gesunken. Breitling hatte dieses Jahr einen der grössten – und teuersten – Stände an allerbester Lage. Die Messe verliert aber nicht nur finanziell, sondern nach dem Auszug von Nick Hayek und seiner Swatch Group auch die zweite grosse international bedeutende Marke.

Sie verlassen mit Breitling die Baselworld: Lief es so schlecht?
Überhaupt nicht. Die Baselworld 2019 war für uns ein Erfolg. Wir haben eine sehr ausbalancierte Kollektion prä­sentiert, einerseits mit historisch ver­ankerten Modellen und andererseits mit den modernen, sportlichen Superocean-Uhren. Beide Segmente sind sehr gut aufgenommen worden. Wir sind sehr zufrieden.

Warum kehren Sie der Messe dann den Rücken?
Erstens ist das Datum der Messe 2020 für uns zu spät. Eine Messe Ende April oder Anfang Mai lässt sich mit unserem Geschäftsjahr und der damit verbundenen Planung nicht vereinbaren. Die Messe müsste im Februar stattfinden. Zweitens wollen wir am Breitling-Summit und den Roadshows festhalten. Ein Kommunikationsformat, das es uns erlaubt, nicht nur flexibler, sondern auch näher an Kunden, Medienschaffenden, Händlern und Sammlern zu sein.

Nach der Swatch Group verabschiedet sich mit Breitling eine weitere renommierte Marke von der Baselworld. Das könnte das Ende der Messe bedeuten.
Das weiss ich nicht. Ich wünsche es den Messeverantwortlichen natürlich nicht. Wir pflegen nach wie vor ein gutes Verhältnis. Es ist jedoch so, dass sich unsere Bedürfnisse verändert haben. Wir brauchen keinen Verkaufsstand mehr, sondern nachhaltige und flexible Plattformen, die es uns ermöglichen, unseren Zielgruppen weltweit und damit standortunabhängig die Marke näher zu bringen und erlebbar zu machen.

Ist die Messeleitung zu wenig auf Ihre Veränderungswünsche eingegangen?
Die Messeleitung unter der Federführung von Michel Loris-Melikoff ist sehr engagiert und entgegenkommend. Breitling bewegt sich in einem sehr kompetitiven Umfeld mit etwa 30 anderen relevanten Schweizer Uhrenmarken. Wenn Sie dem Kunden heute eine Uhr vorstellen, diese jedoch noch nicht gekauft werden kann, springt er ab und kauft sich ein Konkurrenzprodukt. Dem wollen wir entgegenwirken. Mit unserem Summit- und Roadshow-Format können wir Produkte weltweit und zeitlich unabhängig herausbringen, sobald das Produkt verfügbar ist. Daher lancieren wir unsere Produkte auch unter dem Jahr und sind nicht mehr an diese statischen Konzepte gebunden.

Kämen Sie zurück, falls die Baselworld diese Änderungen vollziehen würde?
Wir schliessen die Tür nicht. Für 2021 werden wir dies zu einem späteren Zeitpunkt neu prüfen. Einen grossen Stand wie bis anhin brauchen wir aber auch in Zukunft nicht mehr.

«Die Kombination aus On- und Offline-Massnahmen ist entscheidend.»

Sind Messen überflüssig?
Man sieht das nicht nur in der Uhrenindustrie, sondern auch in der Autobranche. Über digitale Kanäle und kleinere, jedoch persönlichere Events ohne fixe Daten erreicht man Konsumenten heute besser und kann direkter auf ihre Bedürfnisse eingehen. Die Welt hat sich verändert – die Messen haben diesen Wandel zu wenig vollzogen.

Sie sagen, es brauche stattdessen Kommunikationsplattformen, um Produkteneuheiten global zu lancieren. Wäre das vergleichbar mit der Fashion Week in New York, London, Paris oder Mailand?
Genau da sehen wir den Trend auch in der Uhrenindustrie. In der Modebranche fühlt sich heute niemand mehr an fixe Messedaten gebunden.

Und doch investieren Sie viel in den stationären Handel und eigene Boutiquen. So auch in Zürich bei Jelmoli. Was planen Sie genau?
Die Kombination aus On- und Offline-Massnahmen ist entscheidend. Erlebniswelten sind für uns daher weiterhin sehr wichtig. Wir entwickeln mit unseren Handelspartnern stetig neue Konzepte. Das wird man in Kürze bei Jelmoli in Zürich sehen können. Mitte Mai werden wir bei Jelmoli eine Breitling-Boutique im neuen Modern-Retro-Ambiente mit einem Restaurant und einer coolen Bar eröffnen. Das ist ein neues Konzept, das wir erst in Zürich einführen, dann in Los Angeles und später in der ganzen Welt ausrollen.

Seit bald zwei Jahren sind Sie CEO von Breitling: Greift Ihre Strategie?
Wir sind sehr zufrieden. Wir konnten ein zweistelliges Wachstum im letzten Jahr vorweisen, und auch im laufenden Jahr planen wir wiederum zweistellig zu wachsen.

Nennen Sie konkrete Zahlen. In der Branche spricht man von einem Umsatz von einer halben Milliarde Franken. Ist das richtig?
In der Grössenordnung. Wir kommunizieren keine Zahlen.

Wie kommen Sie in China voran?
Im digitalen Geschäft kommen wir in China sehr schnell voran. Im ­stationären Bereich brauchen wir etwas mehr Zeit. Wir haben heute etwa zwanzig Verkaufspunkte, hätten aber gerne über hundert. Es ist aufwendig, die richtigen Standorte in China zu finden. Dieser Prozess dauert jeweils zwei bis drei Jahre.

Wie stark schadet Ihnen der Handelsstreit zwischen den USA und China?
Wenn man Luxusgüter kauft, muss man sich wohlfühlen. Diese psychologische Komponente ist sehr wichtig. Ein unsicheres Umfeld schadet, selbst wenn Konsumenten genug Geld haben. Weil wir in China erst im Aufbau sind, haben wir keine Einbussen.

Breitling gehört mehrheitlich der britischen Private-Equity-Firma CVC Capital Partners: Sind Ihre Hauptaktionäre zufrieden mit der Entwicklung?
Wir sitzen alle im gleichen Boot, da ich selbst beteiligt bin. Die Resultate sind gut. Wir wachsen profitabel. Die Strategie funktioniert. Die Umsetzung wird aber noch weitere Jahre dauern.

Erstellt: 13.04.2019, 20:27 Uhr

Dynamischer Topmanager

Im April 2017 rückte Georges Kern noch zum obersten Uhrenchef des an der Schweizer Börse kotierten weltweit ­tätigen Luxusgüterkonzerns Richemont auf, nachdem er zuvor die Schaffhauser Edeluhrenmarke IWC geführt ­hatte. Dann kam im Juli 2017 die überraschende Nachricht, dass Kern Richemont schon wieder verlässt. Für ihn war das Angebot der britischen Private-­Equity-Firma CVC Capital Partners die grosse Chance: Er konnte sich am Uhrenhersteller Breitling beteiligen und wurde damit CEO und Unternehmer. Seit bald zwei Jahren ist er daran, die Uhrenmarke international neu zu positionieren.

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