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Wir feiern unseren Geburtstag auch dank Jesus

Von der Saufrunde zur Gottesverehrung: Wie sich das Wiegenfest entwickelt hat.

Die Griechen feierten noch monatlich: Heute gibts nur noch einmal pro Jahr Party – schade für die Jüngsten. Foto: Plainpicture
Die Griechen feierten noch monatlich: Heute gibts nur noch einmal pro Jahr Party – schade für die Jüngsten. Foto: Plainpicture

Happy Birthday! Morgen haben mehr als 19'200 Menschen in der Schweiz Geburtstag. Ein ungünstiges Datum, werden viele der Betroffenen finden, dominiert doch am 24. 12. stets der Geburtstag von Jesus, Weihnachten. Warum aber feiern wir unseren Geburtstag? Das fragte sich der bekennende Geburtstagsmuffel Stefan Heidenreich. Der Philosoph und Medienwissenschaftler hat nach ausgiebigen Recherchen ein kurzweiliges und informatives Buch verfasst.

Die Grundvoraussetzungen dafür, einen Geburtstag zu feiern, klingen für hiesige Zeitgenossen erst einmal banal: Zunächst brauchte es ein Geburtenregister. Immerhin wussten bis weit ins 18. Jahrhundert viele Bürger nicht, wann sie zur Welt gekommen waren. Selbst heute noch werde weltweit bei einem Viertel aller Neugeborenen das Datum nicht notiert, schreibt Heidenreich.

Und dann war natürlich ein Kalender vonnöten – mit genauen Angaben. Formulierungen wie «immer, wenn der Wind vom Meer her weht» halfen für ein jährliches Fest kaum weiter. Und auch das römische System, die Jahre nach den jeweils regierenden Konsuln zu benennen, erwies sich als nicht sehr praktikabel. Demnach wäre der deutsche Autor, wie er für Schweizer umrechnet, im «ersten Jahr des Bundespräsidenten Hans-Peter Tschudi» geboren, 1965.

Warum feiern wir nur einmal im Jahr?

Eine weitere Frage ist: Warum feiern wir eigentlich nur einmal im Jahr? In der Antike waren die Griechen da durchaus flexibel. Sie begingen den Freudentag monatlich. Dabei taten sich wohl hauptsächlich Freunde zusammen, die am gleichen Tag des Monats geboren waren. Den Anlass bezeichnet Heidenreich als eine eher «zufällig zusammengewürfelte Saufrunde».

Dazumal feierten sich aber noch nicht die Individuen, wie wir es heute tun, sondern man gedachte seines göttlichen Begleiters. Für die Griechen war das Daimon, dem sie Opfer und Gaben darboten. Die römischen Frauen huldigten hingegen der Göttin Juno, die Jugend und Fruchtbarkeit versprach, und die Männer dem Schutzgeist Genius, der ihre Zeugungskraft stärken sollte. Bei den Römern stand also bereits die Geburt im Vordergrund. Obwohl Daimon und Genius quasi die gleiche Funktion hatten, landete einer – im heutigen Sprachgebrauch – in der Hölle, als Dämon, der andere hat sich als Genie verewigt.

Nur die «Göttlichen» wurden in Rom geehrt

Zwar feierten die Menschen im alten Rom ausgiebig Feste. Es reichte jedoch nicht einmal, ein mächtiger Imperator und Kaiser zu sein, um im Festkalender verewigt zu werden. So wurde der Geburtstag Julius Cäsars erstmals zwei Jahre nach seinem Tod, im Jahr 42 vor Christus, geehrt. Das war nur möglich, weil ihn sein Nachfolger und Adoptivsohn Octavian zu einem «Göttlichen» erklärt hatte. Nicht ganz uneigennützig, denn so stieg er zum «Sohn des göttlichen Julius» auf und wurde später selbst zu einem «Göttlichen». Auch Octavians Geburtstag am 23. September wurde fortan rauschend in Rom begangen und begründete den Kult um die Geburtstagsfeste der göttlichen Cäsaren.

Die Bezeichnung «Gottes Sohn», die zu der Zeit in den Evangelien auch Jesus zugesprochen wurde, war also «keinesfalls etwas Aussergewöhnliches», schreibt Heidenreich und berichtet auch gleich über einige Ungereimt­heiten zu Jesu Geburtstag. Eigentlich müssten wir ja jetzt seinen 2018. feiern. Darüber, dass Jesu Geburtsdatum aber hinten und vorne nicht stimmt, sind sich die Historiker einig. Es sei der «wichtigste aller gefälschten Geburts­tage», bezeichnet Heidenreich das Weihnachtsfest, das erstmals um das Jahr 386 in Antiochia stattfand, der heutigen türkischen Provinzstadt Antakya.

Prediger war Johannes «Goldmund» Chrysostomus. Er war es auch, der «aus einem derartigen Wust unbewiesener Vorannahmen so messerscharf» auf den 25. Dezember kam. Heidenreich meint damit die Berechnungen, wonach die Weissagung eines Engels, dass Maria schwanger sei, zur Zeit des jüdischen Laubhüttenfestes stattgefunden habe. Goldmund nahm an, am 25. September. Er rechnete dann Marias Empfängnis über weitere Ecken zurück und befand, dass die Geburt exakt neun Monate später am 25. Dezember erfolgt sei. Es war kein Zufall, dass dieser Termin in der Nähe des Sonnenwendefests lag und zudem ein ausuferndes heidnisches Fest in Rom ersetzte.

Herodes war schon tot, als Jesus geboren wurde

Ebenso rätselhaft ist das exakte Geburtsjahr, wenn man es aus den «eigentümlichen Angaben» in den Evangelien herzuleiten versucht, schreibt Heidenreich.Jesus soll während der Herrschaft Herodes? geboren sein. Herodes starb jedoch im Jahr 4 vor Christus. In der Weihnachtsgeschichte heisst es zudem, dass die Volkszählung, zu der Maria und Joseph aufbrachen, stattfand, als Quirenius Statthalter in Syrien war. Der kam aber erst 6 oder 7 nach Christus ins Amt. Dessen ungeachtet diente der Geburtstag von Jesus als Vorbild für unsere heutigen Geburtstagsfeste – und hat die tausend Jahre seit dem Ende des Römischen Reiches überlebt.

Einen Tipp hat Heidenreich sogar für diejenigen, die nicht immer ihren Geburtstag mit dem von Jesus teilen möchten. Sie könnten sich einen wohltätigen Nachbarn suchen, so wie die kleine AnnieH. Ide einen hatte. Ihrer war kein Geringerer als der Schriftsteller Robert Louis Stevenson.

In den 1890er-Jahren setzte der Autor der «Schatzinsel» in herrlicher Anwaltssprache einen Vertrag auf: Stevenson übertrug «vollständig meine sämtlichen Rechte und Privilegien für den 13. November, vormals mein Geburtstag und hiermit von jetzt ab der Geburtstag der besagten Annie H. Ide». Sie solle sich fortan «in der üblichen Weise» daran erfreuen: «mit dem Vorzeigen hübscher Kleider, dem Essen üppiger Mahlzeiten, dem Empfang von Geschenken».

Stefan Heidenreich: «Geburtstag – Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern», Hanser, ca. 29 Fr.

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