«Wir Frauen sind uns oft selbst der grösste Feind»

Die Zeit der «Alpha-Chefs» sei vorbei, sagt Jill Ader, erste Präsidentin der Personalfirma Egon Zehnder.

«Frauen können beides: Kinder haben und Karriere machen»: Jill Ader, 60. Foto: Sabina Bobst

«Frauen können beides: Kinder haben und Karriere machen»: Jill Ader, 60. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit Ihrem Antritt als Präsidentin von Egon Zehnder haben Sie mit den Traditionen gebrochen. Der abtretende CEO wird nicht mehr automatisch zum Präsidenten ernannt. War das überfällig?
Wir müssen leben, was wir ­anderen Unternehmen predigen. Und den CEO automatisch zum ­Präsidenten zu machen, gehört nicht ­unbedingt zur guten Unternehmensführung.

«Chefs sollten zugeben können, wenn sie einmal danebenliegen.»

Warum nicht?
Für manche Branchen macht es vielleicht Sinn. Aber grundsätzlich schränkt man den CEO eher ein, wenn man ihn einem Präsidenten, der vorher Chef war, unterstellt. Wenn der alte Chef nicht ­loslassen kann, behindert das den neuen eventuell darin, Veränderungen voranzutreiben.

In einigen Unternehmen ist der Chef auch noch der Präsident. Ist das Doppelmandat empfehlenswert?
Es scheint zu funktionieren, denn es gibt weltweit einige Unternehmen mit dieser Lösung. Doch ein guter Chef ist nicht automatisch auch ein guter Präsident. CEOs brauchen einen starken Verwaltungsrat. Sie sollten sich mit ­Leuten umgeben, die sie in ihren Entscheidungen und ihrem Denken herausfordern. Wer sich ­Herausforderungen gerne stellt und auch empfänglich ist für ­Ratschläge, kann hingegen sicher auch ­beide Rollen erfüllen. Nie gut ist ­hingegen ein dogmatischer ­«Alpha-Chef». Ein Wandel im Unternehmen ist dann kaum ­möglich.

Wie sollte ein Chef in der heutigen Zeit nicht sein?
Chefs sollten nicht meinen, alle Antworten zu kennen, sondern ­zugeben können, wenn sie einmal danebenliegen. Auch Bescheidenheit ist eine sehr ­wünschenswerte Qualität eines CEO. Arroganz ist hingegen keine Erfolgsformel. Und die junge Generation wird so ein Verhalten auch nicht mehr ­tolerieren. Eine Studie ergab, dass sich 56Prozent der befragten ­Millennials einen bescheidenen Chef wünschen. Das war vor ­einigen Jahren noch anders, und viele hätten sich für einen ­charismatischen Chef ­entschieden, für den Erfolg an erster ­Stelle steht. Ein veraltetes Modell für ­Führungskräfte.

Was ist neben Bescheidenheit heute auch noch gefragt?
Wir brauchen Führungskräfte, die sich bewusst sind, was um sie ­herum passiert und was die Gesellschaft sich wünscht. Es reicht nicht, einfach Punkte auf einer Liste abzuhaken, um seine Bereitschaft für Veränderung zu signalisieren. Ein CEO sollte wissen, dass der Erfolg seines Unternehmens auch von ­seiner persönlichen Weiterentwicklung abhängt.

Als Personalberaterin müssen Sie solche Leute für Ihre Klienten finden. Wie machen Sie das?
Am Anfang einer jeden Suche steht die Analyse des Unternehmens. Wie muss es sich verändern, um auch in den kommenden Jahren konkurrenzfähig zu bleiben? Was für einen CEO braucht es ­dafür? Oft sehen wir, dass ein enormer Wandel vollzogen werden muss. Leider fällt rund ein Drittel der Manager in alte Muster zurück, wenn es darum geht, sich für einen Chef oder eine Chefin zu entscheiden: Dann geht es plötzlich wieder ­darum, wer die beste Erfolgsbilanz oder das sicherste Auftreten hat. Unsere Aufgabe ist es, sie daran zu erinnern, was für eine Person sie wirklich für ihr Unternehmen brauchen. Das klappt leider nicht ­immer.

Jeder sucht die Person, die einem am ähnlichsten ist. Und in der Schweiz sitzen nach wie vor mehr Männer in den Führungsetagen als Frauen.
Wenn es um Diversity geht, hinkt die Schweiz hinterher. Doch wir haben auch erfahrene Manager in unseren Programmen, die erkennen, dass es Veränderung braucht. In einer Umfrage gaben 79 ­Prozent der Manager an, Veränderung erst bei sich zu suchen, um danach das Unternehmen zu transformieren. Dieses Ergebnis hätten wir vor fünf Jahren nicht bekommen.

«Studien zeigen, wie wichtig die sogenannten weiblichen ­Attribute wie Mitgefühl, Intuition und ­Kreativität für Unternehmen sind.»

Wieso?
Der Druck nimmt zu. Und Manager verstehen heute, dass sie nicht weit kommen werden, wenn sie sich nicht anpassen und ­umdenken. Das hat nicht unbedingt etwas mit dem Geschlecht zu tun. Wir ­Frauen sind uns oft selbst der grösste Feind. Wir müssen lernen, uns auf unser Potenzial zu besinnen und uns stärker einzubringen.

Was meinen Sie damit?
Es ist einfach, Männer für unsere CEO-Programme zu gewinnen. Frauen sind zögerlicher und ­zurückhaltender. Manche haben gar das Gefühl, sie könnten nicht von ihrem Unternehmen verlangen, in sie zu investieren. Ich gebe zu, mir geht es manchmal ähnlich. Es kam mir zuerst nicht in den Sinn, mich für den Posten als Präsidentin zur Verfügung zu stellen.

Sie mussten überredet werden?
Ich fühle mich fast schlecht, das zu sagen, weil ich ja Frauen darin ­coache, für sich einzustehen. Aber wir haben diese Zweifel alle in uns.

Woran liegt das?
Frauen fehlt es oft an weiblichen Vorbildern. Vielen wurde während der Erziehung schon das Gefühl gegeben, nicht alles erreichen zu können, oder sie wurden in einer Beförderungsrunde übergangen. Das kann dazu führen, dass wir uns unbewusst einreden, wirklich nicht alles erreichen zu können. Studien zeigen, wie wichtig die sogenannten weiblichen ­Attribute wie Mitgefühl, Intuition und ­Kreativität für Unternehmen sind. Das gilt für Männer und Frauen gleichermassen.

Sie sind die erste Präsidentin bei Egon Zehnder. Frauen in Führungspositionen sind rar, und so dreht es sich in Interviews oft um dieses Thema. Nervt Sie das?
Ein bisschen. Aber es ist auch gut, denn es zeigt, dass es an Frauen in den Führungsetagen fehlt. ­Besonders in unserer Branche, der ­Personalberatung, sollte eine weibliche Präsidentin nicht mehr überraschen. Leider ist es aber ­immer noch so.

«Der Stolz, eine ­Familie aufzubauen und sich ihr voll und ganz zu widmen, ist in der Schweizer Kultur tief verankert.»

Oft wollen Unternehmen Frauen in die Führungsetage holen, finden aber keine. Wie unterstützen Sie die Suche?
Es geht darum, Frauen auf lange Sicht aufzubauen. Daher schauen wir bei einer Suche vor allem nach Kandidaten, die in unseren Augen Potenzial haben. Hier geht es nicht nur um die Erfolge und Erfahrungen, sondern auch um Neugierde, die sie mitbringen. So schaffen wir gleichwertige Bedingungen für die männlichen und weiblichen ­Kandidaten. Zudem bieten wir Coachings für Frauen mit Führungspotenzial. Leider ­dürfen nicht ­immer alle Frauen, die wollen, teilnehmen.

Die Unternehmen wollen das Coaching nicht bezahlen?
Ja. Wir haben die Möglichkeit, für diese Frauen ein Sponsoring zu finden.

Als Frau ist es in der Schweiz schwierig, Karriere zu machen und Mutter zu sein. Wer in Teilzeit arbeitet, hat kaum Chancen auf einen Chefposten.
Als ich aus England in die Schweiz zog, war das für mich die grösste Überraschung. Der Stolz, eine ­Familie aufzubauen und sich ihr voll und ganz zu widmen, ist in der Schweizer Kultur tief verankert. So eine Denkweise ändert man nicht über Nacht. Aber sie muss sich ändern. Ich habe von Müttern gehört, dass sie bemitleidet ­werden, wenn sie Vollzeit ­arbeiten. Es wurde gar angenommen, dass ihre ­Ehemänner wohl irgendeine Beeinträchtigung haben müssten. Aber Frauen ­können beides: ­Kinder haben und ­Karriere machen. Das funktioniert auch in ­anderen Ländern.

Wie sieht es in Grossbritannien aus?
Für Frauen ist es viel einfacher, beides unter einen Hut zu bekommen. Der Unterschied liegt in der Mentalität. Zudem fehlt in der Schweiz die Infrastruktur, die es Paaren ­ermöglicht, Kinder zu haben und dennoch zu arbeiten.

Wie wollen Sie den Frauenanteil bei Egon Zehnder erhöhen?
Heute haben wir 34Prozent ­Frauen als Partnerinnen. Wir sind dabei, die Arbeitsbedingungen ­flexibler zu gestalten. Man kann so vieles über Homeoffice oder Jobsharing erreichen. Zudem halten wir separate Meetings für die weiblichen Partner ab. Denn die einzige Frau unter Männern zu sein, ist ­manchmal anstrengend. Und wir versuchen, die Hierarchien flach zu ­halten. Für jedes Unternehmen ist es wichtig, seine Mitarbeiter zu ­ermächtigen und ihnen Platz zu geben, sich einzubringen. In ein Unternehmen mit vielen Hierarchien, in dem die Mitarbeiter den Sinn nicht sehen, würde ich keinen Rappen investieren.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 27.01.2020, 07:25 Uhr

Die Kaderfrau

Seit November 2018 ist Jill Ader nicht nur die erste Präsidentin der Headhunterfirma Egon Zehnder, sondern auch die erste Frau, die es unter den fünf weltweit ­grössten Headhunterfirmen an die Spitze geschafft hat. Die 60-jährige Britin hält einen MBA der London Business School und ist für ihre neue Position von London nach Zürich gezogen. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Artikel zum Thema

Oxfam: Männer besitzen 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen

Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Grosse Unterschiede gibt es jedoch auch zwischen den Geschlechtern. Mehr...

«Wo Frauen schlecht behandelt werden, ist die Geburtenrate hoch»

Interview Demografie-Experte Reiner Klingholz erklärt, weshalb Machos ein Land in der Entwicklung behindern und was das mit der Migration zu tun hat. Mehr...

So viel weniger verdienen Frauen in der Schweiz

Frauen verfügen heute über einen gleich guten oder höheren Bildungsstand als Männer – und erhalten trotzdem deutlich weniger Lohn. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...