«Wir haben den Dialog mit den Hörern zu spät gesucht»

Radio-Chefredaktorin Lis Borner über die No-Billag-Initiative, Spar-Kritik und ihren persönlichen Abstimmungskampf.

«Ich glaube, für viele ist Radio so selbstverständlich wie Wasser aus dem Wasserhahn»: Lis Borner, 58, in der Chefredaktion von Radio SRF in Bern

«Ich glaube, für viele ist Radio so selbstverständlich wie Wasser aus dem Wasserhahn»: Lis Borner, 58, in der Chefredaktion von Radio SRF in Bern

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Morgens um zehn in ihrem Büro im Radiostudio Bern. Die blauen Augen wach, das blonde Haar gekonnt verstrubbelt. Die rot geschminkten Lippen, die rote Brille und der riesige Ring am Finger fallen auf. Aber es gehe hier um Inhalt, nicht um Äusseres, stellt die Radio­chefin charmant klar. Die Assistentin bringt Kaffee, Lis Borner, 58, greift nach dem Schöggeli. Energie, die sie gerade jetzt nötig hat, da es um ihre und die Zukunft ihres Teams geht.

In drei Wochen wird über die No-Billag-Initiative abgestimmt. Wie ist die Stimmung in den Radiostudios?
Manchmal kämpferisch, manchmal besorgt und meistens beides gleichzeitig. Aber wir hoffen alle, dass es in der Schweiz genug Leute gibt, die bereit sind, Gebühren zu bezahlen, weil sie wissen und schätzen, was sie dafür bekommen. Und gleichzeitig ist es unser Auftrag, über diese Initiative ebenso ausgewogen zu berichten wie über andere auch. Was sehr viel Selbstdisziplin braucht, denn es geht ja um unsere Abschaffung.

Die Kritik der No-Billag-Befürworter richtet sich vornehmlich gegen das SRF Fernsehen. Obwohl das SRF Radio einen Bruchteil kostet, hängt seine Zukunft genauso von der Abstimmung ab. Wie gehen Sie und Ihre Mitarbeiter damit um?
Fragen wie «Warum redet niemand übers Radio? Warum sagt niemand, dass es auch ums Radio geht?», beschäftigen uns sehr. Wir haben deshalb versucht, das Radio in die Debatte einzubringen und klarzumachen, dass bei einer Annahme auch Radio SRF und viele private Radiosender vor dem Aus stehen. Aber jemand draussen muss das Thema halt auch aufnehmen.


Video: No-Billag-Initiative in 150 Sekunden

Keine Ahnung von No Billag? Inlandredaktorin Claudia Blumer erklärt im Video, worüber wir am 4. März abstimmen. Video: Tamedia


Warum ist das nicht passiert?
Radio ist nicht auf dem Radar der Medienjournalisten. Fernsehen ist verlockender, farbig, prominent, die TV-Leute kennt man. Es bietet auch mehr Angriffsfläche. Jeder hat eine Meinung dazu. Das Radio hingegen ist mehr ein Alltagsbegleiter, ein Teil des Lebensgefühls. Ich glaube, für viele ist Radio so selbstverständlich wie Wasser aus dem Wasserhahn.

Warum sind Sie im ­Abstimmungskampf nicht in Erscheinung getreten?
Ich bin Chefredaktorin und nicht Mitglied eines Komitees. Aber ich habe an vielen Veranstaltungen über die Qualität im Journalismus, über Fake-News, den Medienwandel und so weiter diskutiert.

«Lasst uns gemeinsam ­kämpfen», haben Sie in einem Newsletter an die Mitarbeiter geschrieben und diese beschworen, in ihrem nächsten Umfeld «zu sagen, was Sache ist». Wie sieht Ihr persönlicher Abstimmungskampf aus?
Als Privatperson? Ich rede, rede, rede, rede. Versuche, in meinem Bekanntenkreis klarzumachen: Es geht im Fall auch ums Radio.

Sie müssen zurzeit viel Kritik einstecken, was tut besonders weh?
Giftige Kommentare in den sozialen Medien, die meine Leute persönlich beleidigen. Oder wenn behauptet wird, meine Leute seien bei ihrer Arbeit unseriös oder sie hätten keine Ahnung, wovon sie reden. Das geht an die Berufsehre und ist schwer auszuhalten. Aber es darf unsere Arbeit nicht beeinträchtigen. Als Privatpersonen sind wir kämpferisch, betroffen oder beunruhigt, aber am Mikrofon sind wir Profis.

Das heisst?
Wir berichten ausgewogen über Pro und Kontra. Auch wenn wir dabei Argumente für unsere Abschaltung verbreiten müssen. Unseren journalistischen Grundsätzen gerecht zu werden und unseren Auftrag korrekt zu erfüllen, ist bei dieser Abstimmung echt hart, bricht einem manchmal fast das Herz.

Ich will einfach nicht ­glauben, dass die 2,6 Millionen Menschen, die jeden Tag ein SRF-Radio hören, auf uns verzichten wollen.»

Welche Position hat das Radio innerhalb des Unternehmens?
Radio ist das «R» von SRF. Aber man redet intern tatsächlich häufiger übers Fernsehen, weil mehr Aufwand damit verbunden, weil es der grössere Kostenfaktor ist. Im Zug der Konvergenz SRF ist der Wert der Radiosender jedoch schnell erkannt worden. 2,6 Millionen Menschen, die jeden Tag ein SRF-Radioprogramm einschalten, die ignoriert man nicht.

Hätten Sie nicht erwartet, dass SRF-Direktor Ruedi Matter in der Öffentlichkeit mehr über die Wichtigkeit des Radios geredet hätte?
Wenn immer nach dem Fernsehen gefragt wird, ist es schwierig, mit dem Radio zu antworten.

Erinnern Sie sich, was Sie gedacht haben, als Sie zum ersten Mal von der No-Billag-Initiative gehört haben?
Ich konnte fast nicht glauben, dass die vielen Radiohörerinnen und -hörer einer so radikalen Initiative zustimmen könnten. Aber wir haben die Initiative von Anfang an ernst genommen. Die Haltung, dass man etwas konsumieren, aber nicht dafür bezahlen will, ist auch in der Schweiz weit verbreitet. Dabei ist doch allen klar, dass Qualität kostet! Ob Radio und Fernsehen oder Zeitung, nichts entsteht gratis.

Mit dem Unterschied, dass man das Zeitungsabo kündigen kann, die Radio- und TV-­Gebühren jedoch sind Pflicht.
Stimmt. Obwohl ich glaube, dass sehr viele Leute unsere Angebote nützen, ohne dass es ihnen bewusst ist. Ob übers Smartphone, via App oder auf Youtube. Was mir als Chefredaktorin und als Bürgerin aber vor allem am Herzen liegt und mir auch Sorgen macht: Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft gut funktioniert, wenn man auch etwas mitfinanziert, das vor allem anderen zugutekommt – ob Schulen, Krankenkassen oder was auch immer.

Bildstrecke: Künstler mobilisieren gegen No Billag

Die sogenannten News-­Deprivierten bilden mit 31 Prozent des Schweizer Medienpublikums inzwischen die grösste Nutzergruppe. Diese Gruppe verwendet nur wenig Zeit, um sich über ­Nachrichten zu informieren. Wie wollen Sie diese Menschen erreichen?
Wir Medien – und damit meine ich alle Medien – müssen kreativ sein und uns anstrengen, unsere Inhalte so attraktiv zu gestalten, dass auch Nicht-Politikinteressierte auf sie aufmerksam werden. Mit speziellen Formaten für Smartphones zum Beispiel. Das ist alles andere als einfach. Aber wir geben nicht auf. News nur dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie emotional aufgeladen sind, ist gefährlich.

Immer mehr Menschen ­verweigern sich den News mit dem Argument, sie würden das Elend auf dieser Welt nicht mehr ertragen. Haben Sie Verständnis dafür?
Das kann ich verstehen – die Welt ist manchmal wirklich schwer auszuhalten! Aber Wegschauen ist ja auch keine Lösung. Besonders in einem Land wie der Schweiz, wo viermal im Jahr über komplizierte Vorlagen abgestimmt wird, welche die Zukunft unseres Landes bestimmen.

Wie informiert sich Ihr 19-jähriger Sohn?
Er ist im Netz unterwegs. Auf Youtube und Apps sucht er sich seine Informationen zusammen. Er konsumiert auch die SRF-App und die anderen Qualitätsmedien mit der Begründung: «Da weiss ich, dass es stimmt.»

Welche Kritik bekommen Sie von ihm zu hören?
Er findet, wir müssten mehr und ernsthafter über die virtuelle Welt berichten, über ihre ganz eigene Kultur und ihre Codes.

Das Fernsehen argumentiert mit Sportliveübertragungen, welche die Privaten nicht liefern könnten. Welches sind Ihre Trümpfe?
Die Vielfalt der Programme. Je nach Stimmung, Lebensgefühl oder Lebensphase begleitet einen ein entsprechendes Radioprogramm durch den Tag, versorgt uns mit den wichtigsten Infos und überrascht uns immer wieder.

Die grösste Konkurrenz des Schweizer Fernsehens kommt aus dem Ausland. Wer ist Ihre Konkurrenz?
Klar sind die privaten Radios in der Schweiz für uns eine Konkurrenz. Aber die grösste Konkurrenz ist für uns alle natürlich im Internet. Youtube, Spotify, all die Dienste, die Musik anbieten.

Radio-1-Besitzer Roger ­Schawinski sieht in seinem Buch «No Billag?» vor allem Sparpotenzial beim Radio. Radio SRF 2 Kultur sei eine «geschützte Werkstatt».
Radio SRF 2 Kultur hat ein breites Angebot von Wortsendungen, Musikjournalismus, Konzertübertragungen, Hörspielen. Das ist keine geschützte Werkstatt, sondern hoch seriöser Journalismus für 320'000 Hörer und Hörerinnen, die ebenfalls Gebühren zahlen. Kein Privater bietet etwas Ähnliches!

Radio SRF 1 und SRF 3, die sich laut Schawinski nicht mehr gross unterscheiden, könne man zusammenlegen.
Nein! Das 1 und das 3 haben ein total unterschiedliches Publikum, ein anderes Profil, andere Musik, einen anderen Rhythmus. Ich halte es für ausgeschlossen, die zwei Programme zusammenzulegen, ohne die Mehrheit der Hörer zu verlieren. Ein Programm, das für 30- bis 70-Jährige funktionieren soll, gibt es nicht.

Für die Nachrichtensendungen arbeiten bei Radio SRF rund 200 Leute, er, Schawinski, komme mit 9 Personen aus.
Wir bringen auf sechs Programmen stündlich Nachrichten, liefern in der Morgen-, Mittag- und Abendprimetime unterschiedlichste Hintergrundformate. Wir unterhalten ein Auslandkorrespondentennetz, berichten aus den Deutschschweizer Regionen, haben Journalistinnen in der Westschweiz und im Tessin. Das schafft man nicht mit 9 Personen.

Bildstrecke: No Billag hat Österreich erreicht

Braucht es denn tatsächlich verschiedene Nachrichten auf allen Programmen?
Neben der Musik oder dem Moderationsstil gehören Nachrichten und Infosendungen zu den prägenden Elementen eines Radioprogramms. In schnell getakteten Programmen können «langsame» Newsformate ein Grund zum Ausschalten sein. Und das wollen wir ja ganz und gar nicht!

Radio SRF 4 News, das 24-Stunden-News-Programm, das Sie entwickelt haben, würde Schawinski ganz ­einstellen.
SRF 4 News ist doch Service public in Reinkultur! News und Hintergrund aus Politik und Wirtschaft. Ein Programm, das von 240'000 Hörern täglich eingeschaltet wird.

Bildstrecke: No Billag spaltet die FDP

Das Jugendradio SRF Virus mit einer Hörerzahl von 113'000 könnte man wohl einstellen, ohne dass es zu grossem Protest käme.
Wir haben den Auftrag, Angebote für alle Altersgruppen anzubieten, also auch für die Jüngeren. Und wer, ausser Virus und Radio SRF 3, bietet so vielen Schweizer Bands eine öffentliche Plattform?

Wo sehen Sie persönlich ­Sparpotenzial?
Wenn wir die Abstimmung am 4. März überstehen, beginnt eine grosse Spardebatte. Dabei werden wir für alles offen sein müssen. Aber entscheidend ist die Frage, was ein gebührenfinanziertes Medienhaus seinem Publikum alles bieten muss. Und dieser Service public muss politisch ausgehandelt werden.

Haben Sie in der Vergangenheit auch Fehler gemacht?
Sicher. Wir haben den Dialog mit den Hörern zu spät und zu wenig intensiv gesucht. Wir haben zu wenig genau hingehört, gerade bei den Jüngeren.

Viele ärgern sich darüber, dass es offenbar erst eine solche Initiative braucht, damit sich etwas bewegt.
Wir haben durch die Diskussionen in den letzten Monaten total viel gelernt, oft auch auf die harte Tour. Aber der Veränderungsprozess hat schon vorher begonnen. Die Diskussion um den Service public, über die Aufgabe der Medien, hat das Bewusstsein für die Bedürfnisse der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und unseren Auftrag in der basisdemokratischen Schweiz deutlich geschärft.

Wie werden Sie den 4. März verbringen?
Ich werde den ganzen Tag im Radiostudio in Bern sein. Das Wichtigste an dem Tag ist: Wir machen eine Abstimmungssendung wie immer. Ich werde versuchen, meinen Leuten den Rücken zu stärken. Denn es wird auch für unsere Mikrofonprofis sehr schwierig, keine Emotionen hören zu lassen: weder bei einem Ja noch bei einem Nein.

Wie schätzen Sie die Aussichten gegenwärtig ein?
Ich persönlich bin vorsichtig optimistisch. Ich will einfach nicht glauben, dass die 2,6 Millionen Menschen, die jeden Tag ein SRF-Radio hören, auf uns verzichten wollen.

Der Schweizer hört im Schnitt täglich 110 Minuten Radio. Wo hören die Leute am häufigsten Radio? Im Auto, Büro, Stall?
Gemäss der neusten Studie finden circa 55 Prozent der Radionutzung über klassische Radiogeräte statt. Da bei SRF über die Hälfte der Hörerschaft über 60 Jahre alt ist, nehmen wir an, dass diese Radiogeräte zu Hause stehen. Die Nutzung im Auto liegt bei 9 Prozent.

Wann hören Sie Radio?
Liveradio höre ich jeden Morgen, aber auch abends beim Kochen – und beim Putzen, wie so viele Schweizerinnen und Schweizer wohl auch.

Beim Fernsehen regen sich die Zuschauer vor allem über Dreitagebärte auf. Was sind die Aufreger beim Radio?
Das Sprechtempo der Moderatoren sei zu schnell, hören wir oft. Und nasale Stimmen oder hohe Frauenstimmen haben es schwer. Je nach Interessengruppe sind wir zu links oder zu rechts. Den einen ist die Musik zu laut, die anderen finden, es müsse «inehaue».

Was kommt besonders gut an?
Der Berner und der Bündner Dialekt haben eine grosse Akzeptanz, die findet man «gmögig».

Sie sagten einmal, «Karriere» sei für Sie lange ein Schimpfwort gewesen. Warum?
Stimmt. Hierarchien hatten für mich lange Zeit etwas Verdächtiges, etwas Eigennütziges. Inzwischen habe ich gelernt, dass Führung viel Arbeit bedeutet, viel Kraft, Humor und Bescheidenheit braucht. Und ich habe gemerkt, dass es mir Spass macht, die Gegenwart und die Zukunft mitzugestalten.

Gehen wir davon aus, dass es das SRF weiterhin gibt. Ruedi Matter geht dieses Jahr in Pension. Hätten Sie Lust auf den Posten der ­Superdirektorin?
Wann auch immer Ruedi Matter in Pension gehen wird: Als Direktorin sehe ich mich nicht. Ich bin als Chefredaktorin sehr zufrieden. Mein Job könnte spannender nicht sein. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 19:44 Uhr

300 Mitarbeitende

Lis Borner, 58, ist seit Januar 2011 Chefredaktorin von Radio SRF und Mitglied der SRF-Geschäftsleitung. Sie führt ein Team von 300 Mitarbeitenden und ist verantwortlich für die Nachrichten und Informationssendungen aller sechs Radioprogramme. Lis Borner ist Mutter eines 19-jährigen Sohnes und lebt in Bern.

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