Wir Handy-Polizisten

Markus Somm über das Elend der Moderne.

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Unser jüngster Sohn hat vor wenigen Tagen endlich ein Handy erhalten, «endlich» aus seiner Sicht. Vorhergegangen war ein jahrelanger Abnützungskampf, in dem wir Eltern mit einer Mischung aus Liebe, Repression und würdelosen Kapitulationsverhandlungen abzuwenden versuchten, was wir bei seinen vier älteren Geschwistern und so vielen anderen Kindern, die schon ein Handy besassen, beobachten konnten: Wer ein Handy hat, hat es nicht, sondern es verschlingt ihn oder sie. Während sich Buben grusslos ins Nirwana des fortwährenden Gamens verabschieden, aus dem sie nur zeitweise zur Essensaufnahme zurückkehren, erliegen die Mädchen dem Reiz von Insta-­gram, sie plaudern mit Freundinnen, die sie ganz gut auch analog treffen könnten, sie kaufen ein, was sie genauso im Laden fänden, sie leben mit ihrem Handy, als wäre es ihr Herz. Unser zweiter Sohn war der Letzte in der Familie, der darauf verzichten musste: In seiner Klasse war er fast der Einzige, dem dieser zivilisatorische Notvorrat vorenthalten wurde, seine Freunde, so behauptete er, manchmal unter Tränen, begannen, ihn zu vergessen, wenn nicht zu ächten, er war der Vogelfreie unter den Adligen.

Was wir schon bei den älteren Kindern mehr oder weniger erfolgreich praktizierten, wird nun auch ihm auferlegt: Ein kleinkariertes, bürokratisches Regulationsregime, das ­sicherstellen soll, dass er ein Mensch bleibt und nicht zum Roboter mutiert. Es ist grotesk. Wir Eltern, die wir uns doch so viel darauf eingebildet hatten, dass wir einst als Studenten auf die Strasse gingen, um gegen Fichen und Schnüffelstaat zu protestieren – wir gleichen Eltern bauen nun einen familiären Inlandgeheimdienst auf, als Handy-Polizisten stellen wir unsere Kinder zur Rede, als Spione erforschen wir ihr elektronisches, vermeintlich subversives Leben im Widerstand. Lenins Maxime: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – haben auch wir übernommen, obschon ich ­Lenin immer verabscheut habe – und Trotzki vorzog.

«Der Moderne habe ich stets mehr abzugewinnen vermocht als anderen Epochen – und dennoch beschleichen mich manchmal Zweifel.»

Das ist das eine. Schlimmer sind die kulturellen und ­sozialen Auswirkungen dieser Online-Gegenwart generell, nicht nur im Fall unserer Kinder. Ich weiss: Das scheint nun ein weiter Gedankensprung, doch die Massenmörder in Amerika, die vor kurzem in El Paso oder Dayton wüteten, so lässt sich zusehends klarer feststellen, sind Menschen, die ihr Leben vorwiegend im Internet oder in den sozialen Medien verbrachten. Junge Männer ohne Kontakt, ohne Eltern oder Partner, die in den virtuellen Wahn abgleiten, sich im Netz über Einwanderer ärgern oder Kapitalisten, die sich an enthaupteten Menschen oder abstrusem Sex ergötzen, die einer ungeliebten Wirklichkeit entfliehen, um in einer Hölle anzukommen – die sie am Ende für die Realität halten. Einsam werden sie auch.

Die Hälfte der Amerikaner, so ergaben aktuelle Umfragen, fühlt sich einsam, in der Schweiz gibt immerhin ein Drittel an, darunter zu leiden. Und auch wenn offensichtlich ist, dass es dafür viele Ursachen gibt, das Internet und das Smartphone helfen nicht, selbst wenn deren Produzenten und Erfinder sie als soziale, ja freiheitliche Errungenschaften darstellen. Dass im Silicon Valley die gleichen Leute ihren Kindern das Internet und Handy verbieten, wie das in den amerikanischen Medien zu lesen war, zeigt auf, was uns alle in unterschiedlichem Masse erfasst hat: eine Art von Schizophrenie, was das Digitale betrifft. Wir beklagen es und möchten unsere Kinder davor schützen – gleichzeitig leben wir selber wie Besinnungslose im Digitalen. Wir alle sind Zauberlehrlinge, die die Besen, die wir gerufen, nicht mehr bändigen – und trotzdem dauernd nach neuen tanzenden Besen verlangen.

Wo führt das hin? Ich zähle mich nicht zu den Kulturpessimisten und bin ein Freund jeder neuen Technologie; dem Kapitalismus und der Moderne habe ich stets mehr abzugewinnen vermocht als jeder anderen Gesellschaftsform oder Epoche – und dennoch beschleichen mich manchmal Zweifel: Wir zeitgenössischen Menschen untergraben den Boden, auf dem wir so lange standen. Wenn uns etwas zu einem der erstaunlichsten Lebewesen der Evolutionsgeschichte ­gemacht hat, dann die Tatsache, dass wir miteinander reden, uns verbünden und zusammenarbeiten können. Wir Menschen sind soziale Wesen, und unser Hirn und unsere Seele sind seit Millionen von Jahren für den Austausch mit realen Menschen eingerichtet. Zwar gibt das Digitale vor, unsere sozialen Bedürfnisse zu stillen, tatsächlich ertrinken manche unter uns daran. Vor lauter Sucht nach dem Menschen ­werden sie süchtig nach dem Unmenschlichen.



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Erstellt: 17.08.2019, 23:28 Uhr

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