«Wir konnten Geldflüsse zu Terrorkämpfern stoppen»

Hennie Verbeek-Kusters ist die weltweit wichtigste Kämpferin gegen Terrorfinanzierung und Geldwäscherei – jetzt kritisiert sie die Aufsicht über Schweizer Anwälte.

«Der Kampf gegen Geldwäsche ist monumental»: Hennie Verbeek-Kusters. Bild: Sabina Bobst

«Der Kampf gegen Geldwäsche ist monumental»: Hennie Verbeek-Kusters. Bild: Sabina Bobst

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Hennie Verbeek-Kusters leitet seit vergangenem Jahr die Egmont-Gruppe, die weltweite Vereinigung aller Meldestellen für Geldwäscherei und Terrorfinanzierung. Zuvor führte sie die niederländische Meldestelle. Verbeeks Job ist nichts Geringeres als der Kampf gegen die weltweite Finanz­kriminalität. Die Egmont-Gruppe hat ihren Sitz in der kanadischen Metropole Toronto. Die Schweiz ist eines von 156 Mitgliedsländern.

Die kleine Schweiz meldete im vergangenen Jahr 16 Milliarden Franken verdächtige Vermögen – ein Anstieg von 300 Prozent. Haben Sie überhaupt eine Chance gegen die Geldwäscher, wenn wir von schmutzigem Geld derart überflutet werden?
Sie müssen schauen, wo wir herkommen. Noch vor zehn Jahren kümmerte sich die Welt weit weniger darum, was mit den Gewinnen aus Verbrechen geschieht. Man wollte einfach die Täter hinter Gitter bringen. Das hat sich gewaltig geändert.

Was ist geschehen?
Ganz einfach: Die Staaten haben begriffen, dass man Kriminelle jagen kann, solange man will. Wenn sie deren Gelder nicht einfrieren, macht das letztlich wenig Eindruck. Also verstärkten wir die Jagd nach dem illegalen Geld. Weltweit steigt die Zahl der Verfahren, auch wenn wir noch einen weiten Weg haben.

Sie stehen auch an vorderster Front bei der Bekämpfung der Terrorfinanzierung. Machen Sie Fortschritte?
Hier haben wir vorwärtsgemacht in den letzten Jahren. Wir konnten die Geldflüsse zu den Terrorkämpfern in Syrien zum Beispiel weitgehend stoppen.

«Nur 2,2 Prozent der illegalen Gelder in Europa werdeneingefroren.»

Wie gelang Ihnen das?
Die Mitglieder einer Terrorzelle kommen oft aus verschiedenen Ländern. Heute arbeiten diese alle zusammen und tauschen sich aus. So kriegen sie ein komplettes Bild. Wir haben auch die Ölverkäufe und die Banktrans­aktionen in den Kampfgebieten rund um Syrien genau analysiert, um die Finanzierung der Terrormiliz Islamischer Staat zu unterbinden. Aber beim Terrorismus gibt es noch grosse Herausforderungen.

Zum Beispiel?
Die Taktik der Terroristen hat sich geändert. Wir haben heute mehr individuelle Angriffe, die nur sehr wenig kosten. Etwa wenn ein Terrorist mit einem gemieteten Lastwagen in eine Menschenmenge fährt. Hier arbeiten wir daran, die Anzeichen für solche Anschläge frühzeitig zu erkennen. Das ist aber sehr anspruchsvoll.

Es heisst immer wieder, Hilfsorganisationen seien in die Terrorfinanzierung involviert.
Das stimmt leider. Gerade kleine Organisationen, die Dienstleistungen in einem Kampfgebiet anbieten, können gut ausgenutzt werden, um auch Geld zu Terroristen zu schaffen. Wir schauen da sehr genau hin.

Was ist mit den Milliarden, die die Schlepper den Flüchtlingen in Afrika abpressen. Wo landet dieses Geld?
Das ist noch weitgehend ein Mysterium. Wir sehen aber, dass die Anzahl der Geldwäschereimeldungen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge genau dann steigt, wenn auch die Migrantenströme sich verstärken. Das betrifft insbesondere den Geldtransfer über Dienstleister wie Western Union oder Moneygram. Irgendwo fliesst dieses Geld also hin. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch hier Fortschritte machen werden. Der Kampf gegen Geldwäsche ist aber monumental. Europol schätzte vor einigen Jahren, dass in Europa nur 2,2 Prozent der illegalen Gelder eingefroren werden.

Die Panama Papers zeigten, dass selbst die Entourage von Wladimir Putin Millionen verschieben kann, ohne dass Sie es bemerken.
Die Panama Papers waren auch für uns Meldestellen ein Alarmzeichen. Sie zeigten, dass wir noch genauer hinschauen müssen: Wie haben sie es genau gemacht? Wo kam das Geld her? Wo landete es? Es war ein Schuss vor den Bug. Aber wenn Banken und Treuhänder ein Imageproblem kriegen, kann das auch helfen.

Inwiefern?
Wenn eine Bank zum Beispiel eine Anklage aus den USA erhält, führt das sofort zu verstärkter Meldetätigkeit in der ganzen Branche. Und das wiederum führt zu mehr Verfahren.

Es braucht also immer die Amerikaner oder die Journalisten, bis sich etwas bewegt?
So kann man das nicht sagen, aber es kann den Ball ins Rollen bringen, und wir nehmen ihn dann auf.

Die Anwälte machen in der Schweiz einen grossen Teil der Geschäfte mit Offshorefirmen, mit sehr hohen Risiken für Geldwäsche. Von den 4200 Verdachtsmeldungen zu Geldwäscherei im letzten Jahr kamen aber nur vier von Anwälten.
Man könnte deutlich mehr erwarten von dieser Branche. Aber diese Probleme haben wir auf der ganzen Welt. Oft machen die Betreffenden das Anwaltsgeheimnis geltend. Damit kommen sie zu oft durch. Man müsste dies dringend besser regeln. Vor allem braucht es eine wirklich effiziente Aufsicht über die ­Anwälte.

Dafür machen die Schweizer Banken 40 Prozent ihrer Geldwäscherei-meldungen nur, weil ihre Kunden in den Medien genannt wurden. Journalisten veröffentlichen diese Namen aber oft unter erheblichem Risiko, manche begeben sich in Lebensgefahr.
40 Prozent erscheint mir doch sehr viel. Einerseits ist es gut, wenn die Banken öffentliche Informationen nutzen. Aber sie dürfen nicht warten mit einer Meldung, bis ein Verdacht in der Zeitung steht. In den Niederlanden klagen die Aufsicht und die Staatsanwaltschaft Banken und andere Finanzdienstleister, die Verdächtiges nicht melden, immer mal wieder sehr öffentlichkeitswirksam an. Dann merken die anderen sofort, dass sie nicht einfach warten können, bis Journalisten ihre Arbeit machen.

In vielen Ländern stehen auch Geldwäscherei-Meldestellen selber unter gewaltigem Druck.
Allerdings, und hier ist es die Aufgabe unserer Egmont-Gruppe, den Meldestellen internationalen Support zu geben und ihre Unabhängigkeit zu unterstützen. Wir brauchen zwingend eine absolute Unabhängigkeit, sowohl von den Finanzinstituten wie von unseren Regierungen.

Erstellt: 15.09.2018, 21:50 Uhr

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