«Wir müssen Frauen aufzeigen, dass der Dienst sinnvoll ist»

Verteidigungsministerin Viola Amherd räumt ein, dass die Armee ein Attraktivitätsproblem hat, und sagt, was sie dagegen unternehmen will.

«Die Bedrohungslage ändert sich dadurch ja nicht, dass die Verteidigungspolitik in Frauenhand liegt»: Bundesrätin Viola Amherd (CVP). Foto: Sebastian Magnani

«Die Bedrohungslage ändert sich dadurch ja nicht, dass die Verteidigungspolitik in Frauenhand liegt»: Bundesrätin Viola Amherd (CVP). Foto: Sebastian Magnani

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Viola Amherd ist nicht zu beneiden. Die Kampfjet-Beschaffung sorgt in ihrem Verteidigungsdepartement für Unruhe. Vor allem aber hat die Armee ein Attraktivitätsproblem: Junge Männer und Frauen wollen heutzutage lieber anderswo Karriere machen. Wir trafen die erste Schweizer Militär­vorsteherin am Donnerstag im Vorzimmer ihres Büros zum Interview.

Frau Amherd, die Armee hat ein Attraktivitätsproblem: Die Zahl der Rekruten ist 2018 auf einen neuen Tiefstand gesunken. Auch rücken zu wenig Soldaten in die Wiederholungskurse ein. Was tun Sie dagegen?
Wir stehen vor einer grossen Herausforderung und müssen den Militärdienst attraktiver machen.

Wie wollen Sie das erreichen?
Bereits beschlossen sind finanzielle Gutschriften für Armeeangehörige, die sich für eine militärische Laufbahn als höherer Unteroffizier oder Offizier entscheiden. Pro erreichte Gradstufe können sie um einen bestimmten Betrag ersuchen, den sie auch für zivile Aus- oder Weiterbildungen nutzen können. Aber auch bei den Berufsmilitärs ist es mir sehr wichtig, dass sie sich weiterbilden. Sie sollen sich für den Arbeitsmarkt fit halten.

Damit sie dann in die Privatwirtschaft wechseln?
Nein, das ist nicht das Ziel. Aber es entsteht eine neue Dynamik, wenn die Berufsmilitärs bessere Möglichkeiten haben, zum Beispiel nach zehn Jahren in die Privatwirtschaft zu wechseln. Eine solche Dynamik ist eine Chance für die Armee. Ich will nicht, dass meine Leute nur bleiben, weil sie keine Alternativen mehr haben.

Ein weiteres ungelöstes Problem sind die Rahmenbedingungen der Berufsmilitärs, die nicht mehr zeitgemäss sind.
Ja. Wir werden sie überdenken müssen, auch wenn die Aufgaben dieselben bleiben. So könnte man zum Beispiel Teilzeitarbeit ermöglichen, was den Job mit dem Privatleben kompatibel macht. Aber auch die geltende Versetzungspflicht muss überdacht werden. Sie hat für Familien weitreichende Folgen. Ich habe Verständnis, dass Junge keine Armeekarriere einschlagen, wenn sie alle paar Jahre den Wohnsitz ändern müssen. Wir müssen aber auch die Zusammenarbeit mit den Hochschulen intensivieren.

Ich will nicht, dass die Leute nur bleiben, weil sie keine Alternativen mehr habenVerteidigungsministerin Viola Amherd

Wozu?
Ich spreche hier von den Miliz­kadern. Wir wollen die Zahl der militärischen Ausbildungen erhöhen, bei denen wir Credits vergeben können, die wiederum von den Universitäten anerkannt werden. Wer zur Armee kommt, muss im zivilen Leben einen Nutzen davon haben. Dann werden sich auch wieder mehr Leute motivieren lassen, Militärdienst zu leisten.

Sie haben eben beschlossen, die Zahl der Athleten pro Sport-RS zu verdoppeln. Weshalb?
Die Schweiz steht im internationalen Vergleich sehr schlecht da, was die Förderung im Spitzensport angeht. 70 Prozent unserer Spitzensportler müssen neben ihrem Training einem Beruf nachgehen. Nun sollen mehr Junge die Chance haben, sich auf ihren Sport zu konzentrieren.

Motivieren Sie damit nicht vor allem männliche Sportler?
Nein, es gibt auch Frauen, die diese RS machen und danach Sportsoldaten sind. Auch beim Bundesamt für Sport möchte ich den Frauenanteil, wie in allen meinen Ämtern, steigern. Ein spezielles Augenmerk lege ich dabei auf die Hochschule für Sport Magglingen, wo es wenig Frauen hat. Mit neuen Aufnahmeprüfungen wollen wir das korrigieren.

Die Schweizer Armee hat aber grundsätzlich ein Frauenproblem. Wie wollen Sie es lösen?
Auf den Frauenanteil von 0,7 Prozent können wir tatsächlich nicht stolz sein. Ich habe eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Darin wirken Frauen mit, die Dienst leisten – aber auch Aussenstehende.

Mit welchem Ziel?
Sie sollen sich Gedanken darüber machen, was die Frauen daran hindert, in den Militärdienst einzutreten. Wie man sie dafür motivieren könnte und welche Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden müssen.

Wann liegen die Ergebnisse vor?
Mit den ersten Ideen rechne ich noch im Herbst. Nächstes Jahr erwarte ich einen Bericht mit konkreten Massnahmen. Wenn wir den Frauen aufzeigen können, dass der Dienst sinnvoll ist, werden wir auch mehr Frauen finden. Das beobachten wir schon heute.

Inwiefern?
Bei den Auslandeinsätzen der Swisscoy verzeichnen wir einen Frauenanteil von 20 Prozent. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Friedensförderung als besonders sinnvoll betrachtet wird.

Es gäbe ein ganz einfaches Mittel, den Frauenanteil zu steigern. Steht für Sie die Wehrpflicht für Frauen nicht zur Diskussion?
Wir arbeiten besonders intensiv an einem Bericht, der unser heutiges Dienstpflichtsystem ganz grundsätzlich prüft. Sobald dieser Bericht vorliegt, kann man auch diesen Punkt diskutieren. Die Wehrpflicht für Frauen steht für mich aber nicht im Vordergrund.

Wir wollen das Flugzeug mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis kaufen.Verteidigungsministerin Viola Amherd

Bei der Wahl des neuen Chefs der Armee war mit Germaine Seewer eine Frau in der letzten Runde. Sie hatten die Gelegenheit, die erste Armeechefin zu ernennen. Weshalb haben Sie es nicht getan?
Alle vier Kandidaten, die in der letzten Runde waren, hätten das Zeug zum Armeechef gehabt. Ich bin aber der Meinung, dass Thomas Süssli durch seine Erfahrung im Cyberbereich und im Management von grossen, komplexen Projekten in der heutigen Situation die richtige Person für diese Funktion ist.

Die Schweizer Offiziersgesellschaft plante, die Flugzeughersteller für die Pro-Kampagne für die neuen Kampfjets zur Kasse zu bitten. Sie erfuhren aus der SonntagsZeitung davon. Fehlt Ihnen der Draht zur Basis, dass Sie von dem Plan nicht schon vorher Kenntnis hatten?
Nein, überhaupt nicht. Ich stehe mit der Offiziersgesellschaft im regelmässigen Austausch. Aber sie ist ein privatrechtlicher Verein und muss mir nicht rapportieren, was sie vorhat. Ihr Vorstand hatte diesen Entschluss gefasst. Ich habe davon erfahren und es zur Kenntnis genommen . . .

. . . dann haben Sie eingegriffen.
Ich habe die Führung der Offiziersgesellschaft zu einem Gespräch eingeladen, um diese Angelegenheit zu diskutieren. Den Entschluss, den Plan aufzugeben, hat die Offiziersgesellschaft gefällt.

Die technische Evaluation der vier zur Auswahl stehenden Kampfjets ist abgeschlossen. Was, wenn zwei Jets technisch gleich gut sind?
Dann kommen die politischen Fragen zur Abwägung hinzu. Beispielsweise, mit welchen Ländern wir am besten zusammenarbeiten können und welche Nationen für die Schweiz strategisch interessant sind. Ich werde aber nie eine politische Gewichtung den Ausschlag geben lassen.

Sie schliessen also aus, dass der technisch schlechteste Kandidat am Schluss das Rennen macht – so, wie es beim Gripen der Fall war?
Ja, wir wollen das Flugzeug mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis kaufen.

Die Sicherheitskommission des Ständerats will die Kampfjetbeschaffung gegen Ihren Willen zum Goldesel für Schweizer Firmen machen und fordert 100 statt nur 60 Prozent Kompensationsgeschäfte. Warum konnten Sie sich nicht durchsetzen?
Das müssen Sie die Mitglieder der Kommission fragen. Man will so offenbar Industrie- und Regionalpolitik betreiben. Für den Bundesrat war klar, dass man bei diesem hohen Betrag die Offsets auf die sicherheitsrelevante Industrie beschränken soll, also eben auf 60 Prozent des Kaufpreises.

Vor acht Monaten haben Sie ein Männer-Departement übernommen. In verschiedenen Ländern Europas liegt die Landesverteidigung nun ebenfalls in Frauenhand. Ist das für Sie ein Vorteil?
Mich freut das sehr. Mein erster Auslandkontakt war in Wien. Da habe ich Frau von der Leyen kennen gelernt, die damalige Verteidigungsministerin Deutschlands. Wir hatten einen sehr guten Austausch und waren als Frauen sofort auf einer gemeinsamen Basis. Das war auch mit der französischen Verteidigungsministerin so.

Wird sich die Verteidigungspolitik verändern, weil sie in Frauenhand liegt?
Schwierig zu sagen. Die Bedrohungslage ändert sich dadurch ja nicht.

Aber vielleicht der Umgang damit?
Der Umgang innerhalb eines Departements oder eines Ministeriums ist wohl anders. Wir Frauen setzen andere Akzente. Das Bewusstsein für Frauenförderung beispielsweise in der Armee ist mit einer weiblichen Führung sicher grösser. Auch im Bereich der militärischen Friedensförderung, die ich verstärken will, ist die Sensibilität eine andere.

Wäre die Welt friedlicher, wenn mehr Frauen Verteidigungsministerinnen wären?
Den Mut, dies zu behaupten, habe ich nicht. Ich glaube, so gross ist der Einfluss der einzelnen Verteidigungsministerinnen nicht.

Was halten Sie von der aktuellen Kampagne Ihrer Partei, in welcher die CVP Kandidaten der anderen Lager angreift?
Als Mitglied des Bundesrats habe ich mich nicht zur Kampagne meiner Partei, der CVP, zu äussern.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 22.09.2019, 14:43 Uhr

Artikel zum Thema

Wie Amherd in einer Geheimaktion den Armeechef auswählte

Die Verteidigungsministerin übergab dem Bundesrat am Dienstagabend einen streng geheimen Umschlag. Und: Auch eine Frau war im Rennen. Mehr...

Viola Amherd ist ein Glücksfall für die Armee

Kommentar Die Verteidigungsministerin entstaubt das Militär und stärkt es dadurch. Die Offiziere müssen nun ihre Reihen hinter ihr schliessen. Mehr...

Millionenauftrag für die «Hauslieferantin»

Das Rüstungsamt des Bundes soll zugunsten seiner bevorzugten Dienstleisterin den Wettbewerb ausgeschaltet haben – zum Schaden der Steuerzahler. Mehr...

Neuer Tiefststand

Die Armee kämpft mit Personalmangel. Nur 16'300 junge Frauen und Männer konnten letztes Jahr rekrutiert werden, wie diese Woche bekannt wurde. Das ist ein neuer Tiefststand in der Geschichte der Schweizer Armee. Für den Erhalt des Armeebestandes bräuchte es 2000 Rekruten mehr als letztes Jahr. Der Hauptgrund der tiefen Rekrutierungszahlen ist laut einem Armeesprecher eine neue Regelung: Seit letztem Jahr können junge Schweizer den Zeitpunkt für die Rekrutenschule (RS) zwischen dem 20. und dem 25. Altersjahr selber wählen. Das führte dazu, dass viele den Start ihrer RS aufschieben.

Aktuell ist der Armeebestand mit 140 000 Armeeangehörigen zwar noch genügend. Bei der Armee befürchtet man aber, dass es bald zu wenig Wehrpflichtige gibt, weil nun Frauen und Männer geburtenschwacher Jahrgänge ins Rekrutenalter kommen.
Dazu kommt ein weiteres Problem: Viele scheiden bereits vor dem 26. Altersjahr aus dem Militärdienst aus, weil sie alle ihre Wiederholungs­kurse (WK) absolviert haben. Sie sind dann zwar noch wehrpflichtig, müssen aber keinen Dienst mehr leisten. Die Folge sind hohe Unterbestände bei den WK. Durch drei Reformen wurde der Armeebestand seit 1990 bereits drastisch reduziert. Damals zählte die Armee noch 600'000 Angehörige. (ma)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...