«Google ist in die eigene Falle getappt»

Tim Wu arbeitete einst für den Internet-Giganten. Mittlerweile gehört er zu dessen einflussreichsten Kritikern.

Geliebt und gehasst: Firmensitz von Facebook in Menlo Park Foto: Laura Morton/Laif

Geliebt und gehasst: Firmensitz von Facebook in Menlo Park Foto: Laura Morton/Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In New York ist es 11 Uhr morgens. Tim Wu, der an der Columbia Law School lehrende Publizist und Rechtsprofessor, erscheint im Trainer zum Videogespräch. Unter der Regierung Obama war er Sonderberater der US-Handelskommission und des Nationalen Wirtschaftsrats. Er ist einer der profiliertesten Kommentatoren der US-Technologiewirtschaft und prägte den Begriff «Netzneutralität». Dieser besagt, dass alle Daten bei der Übertragung im Internet gleich behandelt werden.

Haben Sie einen Facebook-Account?
Ich habe ihn gelöscht. Es war einfach genug. Die Firma hat einmal zu viel bewiesen, dass es ihr an Ethik mangelt, dass sie bereit ist, die Öffentlichkeit zu belügen und Geld über wichtigere Werte zu stellen. Facebook kann man nicht trauen.

Sie halten auch Facebooks Geschäftsmodell für schädlich: die Verwertung von Nutzerdaten für Werbung. Warum?
Aufmerksamkeit und Daten sind die wertvollsten Ressourcen der Zukunft. Darum besteht das Geschäftsmodell von Facebook, Google, Amazon und anderen darin, so viel davon aus uns zu saugen wie nur möglich. Deshalb haben sie ihre Produkte so gebaut, dass sie süchtig machen.

Sie nehmen alles von uns, aber wir bekommen wenig zurück.
Genau. In den USA gibt es jetzt eine starke Bewegung, die das nicht mehr akzeptiert, die Leute ändern ihr Leben, halten Kinder vom Computer fern.

Was heisst das?
Sie lassen sie nicht mehr spielen auf iPads und Handys. Sie sagen sich: weg vom Schirm.

Nur noch ein halbe Stunde pro Tag?
Nein, extremer, überhaupt nicht mehr.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Aufmerksamkeitshunger der Internetfirmen um?
Ich habe bildschirmlose Zeit- und Raumzonen eingerichtet. Zu Hause gibt es keinen Bildschirm und nach 18 Uhr und am Wochenende ebenfalls nicht. Ich fühle mich so besser und gesünder. Ich habe zwei Kinder, zwei und fünf Jahre alt. Mir ist es wichtig, wirklich präsent zu sein, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Das alles geht einher mit der Bewegung für gesünderes Essen, Bionahrung, Slow Food, der Sorge um die Umwelt. Ich bin nicht perfekt, aber das sind meine Regeln.

«Firmen führen das Land, während seine Bürger die Kontrolle verlieren.»

Sie werfen Google und Facebook vor, dass sie an Fake News schuld sind und unmerklich unsere Entscheidungen beeinflussen.
Ja. Sie beherrschen das Internet und haben damit eine fundamentale Macht darüber, was wir denken und was wir lesen. Ihnen gehört zusammen mit Amazon und ein paar anderen die Zukunft. Diese Machtkonzentration beunruhigt mich.

Was lässt sich dagegen tun?
In den Vereinigten Staaten gibt es eine Tradition, wie man mit dem Problem der Grösse von Firmen umgeht. Es gibt Gesetze, auch in Europa, um sie in kleinere Stücke aufzuteilen. Bei Facebook wäre das einfach, weil es sich so viele Konkurrenten einverleibt hat.

Whatsapp, Instagram ...
... sollte man aufteilen, und schon gibt es Wettbewerb. Von Google könnte man Google Europa abtrennen und den Rest in Google Search und in seine Ökosysteme aufteilen und so die Machtkonzentration vermindern.

Mark Zuckerberg und Larry Page werden das nicht gern hören.
Nein, aber sie müssen den Gesetzen gehorchen.

Werden die Gesetze denn nicht angewendet?
In den USA kam das Kartellgesetz zum letzten Mal bei Microsoft zum Einsatz, als es um den Browser ging. Europa hat mit ähnlichen Gesetzen Google etwas herumgescheucht, aber sie sollten noch viel frecher genutzt werden.

Elefanten gibt es nicht nur in der Technologiewelt.
In der Tat werden weltweit viele Wirtschaftssektoren von zu wenigen Firmen getragen. Die Wirtschaft hat sich in eine Monopolwirtschaft verwandelt. In den USA haben wir viele Branchen, die von Monopolen bestimmt sind: Fernsehen und Kabelnetze, Fliegerei, Spitäler, Versicherungen, das Bankwesen. Diese wenigen Firmen führen zunehmend das Land, während seine Menschen die Kontrolle über ihr Leben und ihre Entscheidungen verlieren.

Grosse Konzerne bedrohen die Demokratie, schreiben Sie in Ihrem neusten Buch. Wie das?
Die Wähler in den USA wollen vieles: besser kontrollierte Medikamentenpreise wie in der Schweiz, höhere Steuern für die Reichen und tiefere für den Mittelstand, bezahlten Elternurlaub. Dafür gibt es in der Bevölkerung grosse Mehrheiten, aber solche Richtlinien bleiben Wunschträume, weil die Firmen und Monopole die Regierung sehr stark kontrollieren. Es wird zu einer grossen Krise in den USA kommen, weil die Leute das nicht mehr aushalten. Deshalb wählten sie Trump.

Wollen Sie sagen, dass die grossen Firmen und die Regierung zusammenspannen?
Ja, genau.

«Google hat sich selbst in eine miese Lage manövriert.»

Sie haben einst für Google gearbeitet. Enttäuscht?
Ja. Google wurde von wirklich guten Leuten gegründet. Aber sie haben Fehler gemacht.

Das Geschäftsmodell geht doch auf.
Aber es ist nicht gesund. Google hat sich selbst in eine miese Lage manövriert und muss ständig noch mehr Geld machen, das ist die Regel im US-Business. Sie sind in die eigene Falle getappt. Wenn du nicht grösser wirst, bist du tot. Das tut ihnen wirklich weh.

Alle Firmen wollen doch wachsen.
Klar, aber wie viel ist genug? Die grosse Frage für das nächste Jahrzehnt ist doch: Können wir Firmen hervorbringen, die profitabel und gesund sind, aber nicht so vom Wachstum abhängig, dass sie ihre Ethik über Bord werfen und ihr Produkt verschlechtern müssen?

Gibt es Vorbild-Firmen?
Ja, zum Beispiel Kickstarter, Wikipedia, Patagonia. Und die «New York Times».

Warum die «New York Times»?
In ihrem Leitbild steht, dass Profit zweitrangig ist. An erster Stelle steht das Produkt. Sie könnte mehr Geld verdienen, wenn sie Reporter entlassen würde, aber das tut sie nicht, weil das Produkt leiden würde.

Facebook dagegen war nie eine idealistische Firma.
Nein, immer etwas opportunistisch. Anders als Google oder Twitter. Aber diese haben es verpasst, Strukturen zu schaffen, damit sie ihre Ideale erhalten können.

Die Online-Riesen werden nichts an ihrem Verhalten ändern.
Nein, weshalb die Regierungen aktiv werden müssen. Wir müssen die grossen Online-Imperien zerschlagen und stattdessen viele installieren – also föderalistisch werden wie die Schweiz.

Dieser Artikel wurde erstmals am 3. März 2019 in der SonntagsZeitung publiziert. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.03.2019, 11:30 Uhr

«Wir müssen föderalistisch werden wie die Schweiz», sagt Tim Wu.

Berater und Bestsellerautor

Bestsellerautor Tim Wu, 46, ist Professor für Wettbewerbs-, Urheber und Telekommunikationsrecht an der Columbia University Law School in New York. Zu seinen erfolgreichen Büchern gehören «Aufstieg und Niedergang der Medienimperien» und «Wer kontrolliert das Internet?». Am 13. März hält er am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon ZH einen Vortrag. (luc)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...