«Die UBS-Krise löste bei Hans-Rudolf Merz einen Herzinfarkt aus»

Vor zehn Jahren musste die UBS von Bund und SNB gerettet werden. Alt-Bundesrat Couchepin blickt auf die turbulente Zeit zurück.

«Unser Plan war inhaltlich gesehen vielleicht der eleganteste in ganz Europa»: Pascal Couchepin. Fotos: Yvain Genevay

«Unser Plan war inhaltlich gesehen vielleicht der eleganteste in ganz Europa»: Pascal Couchepin. Fotos: Yvain Genevay

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Am 20. September 2008 erlitt der damalige Finanzminister Hans-Rudolf Merz einen Herz­infarkt – zum selben Zeitpunkt, als die Finanzkrise in der Schweiz angekommen war und die Grossbank UBS am Abgrund stand. Alt-Bundesrat Pascal Couchepin war damals Innenminister. Im Interview erzählt er, wie die Landesregierung verhinderte, dass die Situation ausser Kontrolle geriet. Und er sagt, dass auch ein Verkauf der UBS an eine Bank im Ausland in Betracht gezogen wurde.

Wie haben Sie erfahren, dass die UBS dem Zusammenbruch nahe ist?
Ich habe es an einem Sonntag im Herbst 2008 erfahren, als mein Bundesratskollege Hans-Rudolf Merz einen Herzinfarkt erlitt. Die Affäre UBS war unterschätzt worden, was den Infarkt übrigens ausgelöst hat. Er schwebte während mehrerer Tage zwischen Leben und Tod.

Sie wussten nicht, dass sich die Schweizerische Nationalbank seit dem Herbst 2007 auf die mögliche Rettung einer Grossbank vorbereitete?
Wir wussten, dass sie alle Eventualitäten in Betracht zieht, in ihrer Rolle als Garantin für die Stabilität des Schweizer Finanzsystems. Aber wir hatten das Problem UBS mit der Nationalbank vor dem Herbst 2008 niemals direkt zur Sprache gebracht.

Wirklich? Die Finanzkrise hatte schon Monate zuvor begonnen.
Wird ein solches Problem nicht heraufbeschworen, indem man es direkt anspricht? Wir wussten, dass zwei Banken ein systemisches Risiko für die Schweizer Wirtschaft darstellten, die berühmten «Too big to fail», und dass es unter der Oberfläche brodelte. Jede der beiden Grossbanken ging die Krise auf ihre Art an. Die Credit Suisse ist allein damit fertig geworden, auch wenn die Sanierung nachher lange gedauert hat. Die UBS brauchte unsere Unterstützung, und ihre Bilanz konnte schnell bereinigt werden.

«Mehr als eine Million Menschen und 300'000 Firmen hatten ein Konto bei der Bank.»

Wovon haben Sie sich bei Ihrem Vorgehen leiten lassen?
Am Montag nach dem Infarkt wurden die Kompetenzen von Hans-Rudolf Merz auf seine Stellvertreterin Eveline Widmer-Schlumpf übertragen. Wir haben in aller ­Diskretion den Ernst der Lage bei der UBS besprochen. Die breite Öffentlichkeit wusste von nichts, und wir mussten unbedingt vermeiden, dass Panik aufkommt. Wir haben das Finanzdepartement beauftragt, eine Notfall-Besprechung für den Mittwoch anzusetzen und drei mögliche Szenarien zu analysieren.

Welche Szenarien waren das?
Das erste sah vor, die UBS ihrem Schicksal und einem möglichen Konkurs zu überlassen. Beim zweiten wäre sie an eine grosse, europäische Bank verkauft worden. Das dritte bestand darin, Massnahmen zu ergreifen, die es der UBS erlaubten, weiter der Schweizer Wirtschaft zu dienen.

Dieses und die folgenden Treffen mussten unter grösster Geheimhaltung stattfinden.
Absolut, keinerlei Besprechungsprotokolle wurden an die betroffenen Departemente verschickt. Die Zahl der Personen, die über die Probleme der UBS Bescheid wussten, musste auf ein Minimum reduziert werden, um ein Informationsleck und Panik in der Bevölkerung zu verhindern.

Warum wurde beschlossen, die UBS nicht fallen zu lassen?
Es wurde schnell klar, dass wir sie retten müssen. Mehr als eine Million Menschen und 300'000 Firmen hatten ein Konto bei der Bank. Die Schweiz hätte ein Liquiditäts­problem bekommen, wenn der Zugang zur UBS nicht mehr gewährleistet gewesen wäre.

Man hätte sie auch einer anderen Bank überlassen können?
Wir mussten unter Hochdruck eine Lösung finden. Das Risiko wäre gross gewesen, dass ein möglicher europäischer Käufer zu weit gehende Garantien von uns verlangt hätte. Es bestand die Gefahr, dass zusätzliche Risiken in der Bilanz der UBS auftauchen und die Eidgenossenschaft in letzter Minute drei oder vier Milliarden draufzahlen muss.

«Im Fernsehen war der übliche Unfug zu hören.»

Wie hat die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Beteiligten funktioniert?
Ich kann nur dem Können derer Tribut zollen, die den Rettungsplan entworfen haben. Auf Ebene des Bundesrats haben wir stets kollegial agiert. Es gab keine komische Stimmung und keine Beeinträchtigungen, was selten ist.

Kann man sagen, dass die Nationalbank die UBS gerettet hat?
Ohne Unterstützung und Genehmigung der Regierung hätte sich gar nichts getan. Die Nationalbank hat ihren Teil zur Lösung beigetragen und die toxischen Aktiva der UBS übernommen, aber der Bundesrat hatte den Lead.

Mussten Sie Druck aufsetzen, damit der Plan durchkam?
Ja. Für die Intervention haben wir uns auf den Artikel 102 der Bundesverfassung gestützt, der uns erlaubt, zu handeln, wenn es um die übergeordneten Landesinteressen geht. Das Parlament hat anschliessend darüber diskutiert. Das hat uns viel Flexibilität ermöglicht. Unser Plan war inhaltlich gesehen vielleicht der eleganteste in ganz Europa. Wir haben nebenbei fast zwei Milliarden Franken Gewinn für die Bundeskasse erzielt.

Standen Sie nicht im Dialog mit der UBS?
Nein, in dieser Phase hatten wir zur UBS keinen Kontakt.

Um die Rettung gab es damals viel Wirbel. Hat Ihnen das keine Sorgen bereitet?
Nein, im Fernsehen war der übliche Unfug zu hören: Wenn es Verluste gibt, wird der Staat zur Kasse gebeten und bei Gewinnen kommen diese den Unternehmen zugute. Tatsache ist aber, dass bei der Bewertung und dem Weiterverkauf der toxischen Vermögenswerte der UBS Flexibilität gefragt war. Und die Zeit hat uns recht gegeben.

Von der Politik wurden Sie damals harsch kritisiert.
Ja, damals haben die Sozialdemokraten Alain Berset und Christian Levrat gefordert, dass die UBS verstaatlicht statt unterstützt wird. Rückblickend möchte ich aber festhalten, dass eine verstaatlichte UBS grosse wirtschaftliche und politische Risiken für den Bund bedeutet hätte.


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Die Arroganz der Banker, ihre Gier und die falschen Anreizsysteme werden immer wieder als Auslöser der Finanzkrise genannt. Haben Sie darüber auch mit dem Management der UBS gesprochen?
Nach der Rettung hatte ich Peter Kurer am Telefon, den damaligen Verwaltungsratspräsidenten. Er war der Meinung, dass es uns nicht gebraucht hätte, um die Krise zu meistern – und das, obwohl sein Team die Institution an den Rand des Abgrunds getrieben hatte. Wahrscheinlich ist das einfach eine menschliche Reaktion. Ich habe das Gespräch dann abgebrochen und seither nicht mehr mit ihm geredet.

Was sind heute die grössten Risiken für die Märkte?
Wir wissen alle, dass politische und wirtschaftliche Systeme angreifbar sind. Aber ich glaube, es bringt nichts, über Krisen zu reden, weil man sie so nur provoziert. Ich würde aber sagen, dass ich gerade keine unmittelbare Gefahr sehe, auch wenn die Welt nicht sicherer ist als vor zehn, fünfzehn Jahren.

Die Tweets von US-Präsident Donald Trump bereiten Ihnen keine Sorgen?
Diese Art der Kommunikation seitens des Staatsoberhaupts der grössten Weltmacht ist natürlich entsetzlich. Zum Glück ist er aber von militärischem Personal umgeben, das darin trainiert ist, ihn zu beobachten und Alternativen zu unterbreiten. So lassen sich auch Positionen anpassen. Seine Generäle begradigen seine seltsamen Kommunikationswege. Es ist nicht unmöglich, dass es eines Tages heissen wird: Gut, dass er mal Staub aufgewirbelt hat und so zumindest kleine Schritte zur Lösung grosser Probleme gemacht wurden – etwa die wirtschaftlichen Ungleichgewichte mit China.

* Dieser Artikel erschien am 23. September 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 24.09.2018, 17:34 Uhr

Anwalt, Bundesrat, Provokateur

Der heute 76-jährige FDP-Politiker Pascal Couchepin sass elf Jahre lang im Bundesrat. Von 1998 bis 2002 war er Wirtschaftsminister und von 2003 bis 2009 Innenminister. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine politische Karriere begann der Rechtsanwalt im Gemeinderat von ­Martigny. Vor der Wahl in den Bundesrat sass er auch in mehreren Verwaltungsräten. Während seiner politischen Karriere löste Couchepin mit seiner provokativen Art immer wieder heftige Diskussionen aus. Auch nach seinem Rücktritt äusserte er sich regelmässig zu politischen Themen.

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