«Wir planen neue Kombinationstherapien»

Grégoire Courtine von der ETH Lausanne hat die Grundlagen für die neue Behandlung von Querschnittlähmungen gelegt.

Der querschnittgelähmte Sebastian Tobler: Er kann seine Beine dank Elektrostimulation des Rückenmarks wieder bewegen. Bild: Jean-Baptiste Mignardot

Der querschnittgelähmte Sebastian Tobler: Er kann seine Beine dank Elektrostimulation des Rückenmarks wieder bewegen. Bild: Jean-Baptiste Mignardot

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David Mzee aus Wetzikon, Sebastian Tobler aus Freiburg und der Niederländer Gert-Jan Oskam haben einiges gemeinsam. Alle waren seit einem Unfall vor mehreren Jahren querschnittgelähmt. Bei allen waren die Mediziner nach der Reha-Phase mit dem Latein am Ende, weitere Fortschritte waren unwahrscheinlich – und alle Männer wurden angefragt, an einer Studie teilzunehmen, bei der sie dank einer neuartigen Elektrostimulation des Rückenmarks wieder lernen sollten, ihre Beine willentlich zu bewegen.

Die Therapie hat voll eingeschlagen, Mzee und Oskam können mit einer Gehhilfe, aber ohne weitere Unterstützung, wieder ein paar Schritte tun, Tobler ist nahe dran. Grégoire Courtine, Professor für Neurotechnologie an der ETH Lausanne (EPFL), ist der Mastermind hinter der revolutionären Stimulationstherapie. Wir haben ihn Anfang Woche in Lausanne auf einen Kaffee getroffen.

Grégoire Courtine, vor zehn Jahren zeigten Sie erstmals, dass querschnittgelähmte Ratten dank einer Elektro-stimulation auf einem Laufband wieder gehen können. Und nun funktioniert das auch bei Patienten. Haben Sie Ihr Ziel erreicht?
Es ist ein grosser Meilenstein, aber auch nur ein erster Schritt.

Insgesamt nahmen acht Patienten an der klinischen Studie teil. Warum präsentieren sie nur drei?
Die Studie läuft immer noch. Das waren die ersten drei Patienten. Erst letzte Woche haben wir bei einem weiteren Patienten die Elektroden ins Rückenmark implantiert. Er war jahrelang gelähmt, und nun läuft er mit Unterstützung auf dem Laufband nach nur zwei Tagen! Das ist unglaublich! Den achten und letzten Patienten in dieser Studie werden wir im Ja­nuar operieren.

Wie gehts dann weiter?
Im Sommer 2019 starten wir die nächste Phase der klinischen Versuche, mit zwanzig frisch verletzten Patienten. Davon versprechen wir uns noch bessere Ergebnisse. Professor Armin Curt von der Universitätsklinik Balgrist in Zürich wird diese Studie koordinieren, die an vier verschiedenen Zentren, unter anderen in Lausanne und Zürich, durchgeführt wird.

Was werden Sie im Vergleich zur aktuellen Studie ändern?
Die Software wird besser sein, die Portabilität der Technologie ebenfalls, aber die Schlüsselinnovation wird eine neue Elektrodenplatte sein, welche die natürliche Steuerung der Muskeln noch besser berücksichtigt.

Waren die Patienten in der Studie komplett gelähmt?
Funktionell waren die meisten Patienten komplett gelähmt, aber alle hatten in den Beinen noch sensorische Empfindungen.

Wie sich in den Versuchen gezeigt hat, ist ein Restgefühl in den Beinen wichtig für den Therapiefortschritt.
Ja, ich bin aber überzeugt, dass wir mit unserer Methode auch motorisch und sensorisch komplett gelähmte Patienten wieder zum Laufen bringen können, vermutlich aber nur im Labor. Etwa 20 bis 30 Prozent der Patienten haben gar keine Empfindungen mehr.

Heisst das, die Methode kann nicht allen helfen?
Für einen Teil der Patienten wird es sicher eine Behandlung geben, für andere wird die Methode allein nicht reichen. Allerdings könnte man die elektrische Stimulation künftig mit biologischen Reparatureingriffen wie etwa Stammzellen kombinieren. Daran arbeiten wir ziemlich offensiv.

Die Stammzellen sollen sich im Rückenmark in Nervenzellen entwickeln. Die ersten ­­Experimente mit Stammzellen haben aber überhaupt nicht funktioniert.
Viele Forscher beginnen voreilig mit Therapien, obwohl sie die Biologie der Stammzellen kaum verstehen. Das geht natürlich nicht. Wir arbeiten eng mit Mark Tuszynski von der University of California in San Diego zusammen. Er hat sehr beeindruckende Daten zur Stammzellentherapie.

Planen Sie, eine Stammzellen-therapie mit Ihrer Methode zu kombinieren?
Ja, genau. Derzeit laufen in Kalifornien dazu Versuche an Rhesusaffen. Kombinationstherapien sind sehr kompliziert. Wenn man zwei Methoden miteinander kombiniert, ist es nicht simple Mathematik, eins plus eins. Es braucht viel Zeit, um zu verstehen, wie die beiden Methoden interagieren. Erst dann kann man es richtig machen.

In den ursprünglichen Rattenversuchen spritzten Sie auch einen Cocktail an pharmakologisch aktiven Substanzen ins Rückenmark, um die Regeneration zu beschleunigen. Ist diese Idee mittlerweile gestorben?
Nein, wir verfolgen sie sogar sehr offensiv. Wir wollen das schon bald an Patienten testen. Ich bin mit Swissmedic in Kontakt.

Sie wollen den gespritzten Neuro-Cocktail mit der Stimulation kombinieren?
Genau.

Wie weit sind die Pläne gediehen?
Zuerst wollen wir zeigen, dass das Prinzip funktioniert, und zwar bei den bereits operierten Patienten. Die Stoffe wirken unmittelbar. Eine elektrische Stimulation ist gut, mit den Substanzen geht es aber viel besser.

Einen anderen Ansatz haben Sie bei Affen getestet. Sie haben den Tieren einen Chip ins Gehirn eingepflanzt, der dann die Elektroden auf dem Rückenmark direkt stimuliert hat. Planen Sie solche Versuche auch bei Patienten?
Das wird kommen. Ich hoffe, dass wir damit in den nächsten drei Jahren beginnen können. Die Chips wollen wir direkt auf die Hirnoberfläche implantieren, unter der Schädeldecke. Oberflächenelektroden halten viele Jahre.

Sie arbeiten an vielen Projekten, leiten eine Forschungsgruppe mit dreissig Mitarbeitern. Sind Sie vor allem ein Manager?
Ja, aber zum Glück bin ich schon noch in die Forschung involviert. Ich operiere zum Beispiel die Affen immer noch selber. Ich bin auch viel in der Klinik, um die Stimulationen zu machen.

Affenversuche sind umstritten, ein sehr emotionales Thema. Wie gehen Sie damit um?
Die klinische Studie wäre ohne Primatenversuche nicht möglich gewesen. Wir optimierten alles in diesen Versuchen, die Stimulatoren, die Software, die Algorithmen etc. Ein paar wenige Affen können eine grosse Wirkung haben. Es gibt Leute, die sagen, der Erfolg rechtfertige die Versuche nicht. Für mich aber ganz klar schon. Es geht hier nicht um Grundlagenforschung, sondern wirklich um die kritischen Schritte, bevor man klinische Studien mit Patienten beginnt.

Wo werden in der Schweiz Experimente mit Affen durchgeführt?
In Freiburg leben 25 Affen in der Versuchsanlage. Nicht alle werden aber derzeit für Experimente eingesetzt. Dann gibt es noch ein paar Affen in Zürich.

Diskutieren Sie gelegentlich mit Tierversuchsgegnern?
Nicht oft, nein. Ich bin eher überrascht, wie wenig Reaktionen kommen, ein, zwei E-Mails schon, aber nicht mehr. Vielleicht sehen die Menschen, dass wir bei der Querschnittlähmung Fortschritte machen, auch dank der Affenversuche. Das Argument, dass Primatenversuche nicht auf den Menschen übertragbar seien, haben wir widerlegt.

Was für Experimente machen Sie derzeit mit Affen?
Es geht darum, eine machbare Lösung für die Gehirn-Rückenmark-Schnittstelle beim Menschen zu entwickeln. Wir wollen heraus­finden, ob die Oberflächenelektroden im Gehirn reichen. Das wäre ein weniger invasiver Zugang, als wenn man die Elektroden tiefer im Gehirn positioniert.

Sie haben eine Zeit lang in Zürich geforscht, dann gingen Sie, auch wegen mangelnder Unterstützung, an die EPFL. Ist die Unterstützung hier besser?
Wir haben grundsätzlich sehr grosse Unterstützung für die Primatenversuche. Allerdings sehen sie es an der EPFL nicht so gerne, dass wir einen Teil der Affenversuche in China machen.

Ihr Labor ist in Genf. Haben Sie auch ein Büro in Lausanne?
Ich habe ein kleines Büro auf dem Campus und noch ein Büro an der Klinik. Aber das Labor und die Ratten sind in Genf.

Zufrieden sind Sie mit der Situation nicht?
Die EPFL müsste nun schon etwas machen für mich. Ich hatte dieses Jahr acht Papers in «Nature». Das ist einigen Menschen unangenehm, es gibt überall Eifersucht.

Was heisst das? Haben Sie Abwanderungspläne?
Ich habe einen wichtigen Meilenstein erreicht. Wenn man an so einem Punkt angelangt ist, gibt es viele Menschen, die einen nicht mögen. Und wenn die Unterstützung der Hochschule fehlt, kann man den nächsten grossen Schritt nicht machen. Momentan spüre ich diese Unterstützung zu wenig.

Haben Sie Angebote?
Ja, viele, sehr tolle Angebote.

Von der UC San Diego?
Ja, zum Beispiel.

Die Möglichkeit besteht also, dass Sie die Schweiz bald verlassen werden?
Ich war in Los Angeles, in Zürich, nun bin ich in Lausanne. Ich gehe immer dorthin, wo ich meine Forschung machen kann. Mein Ziel ist es, etwas zu bewirken. Die EPFL ist wirklich ein grossartiger Ort. Wenn ich die Unterstützung der Hochschule spüre, dann werde ich bleiben.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 16:38 Uhr

Experimenteller Mediziner

Grégoire Courtine, 44, hat ursprünglich Mathematik und Physik studiert und in Experimenteller ­Medizin promoviert. Nach einem vierjährigen Forschungsaufenthalt an der UCLA wurde der gebürtige Franzose Assistenzprofessor an der Universität Zürich. 2012 folgte er einem Ruf an die ETH Lausanne (EPFL), wo er seither den Lehrstuhl der International Paraplegic Foundation am Zentrum für Neuroprosthetik und am Brain-Mind-Institut innehat. Mit seinem Team erforscht er neue Ansätze für die Therapie von Querschnitt­lähmungen. Courtine ist verhei­ratet und hat eine zweijährige Tochter. (nw)

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