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Wir sind Berlinerinnen

Die Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat, Véronique Reymond und Andrea Štaka prägen das erste Berlinale-Wochenende.

Véronique Reymond (ganz rechts) und Stéphanie Chuat. Foto: Sophie Brasey
Véronique Reymond (ganz rechts) und Stéphanie Chuat. Foto: Sophie Brasey

PROLOG

Nina Hoss ist eine gefragte deutsche Schauspielerin, aber wie engagieren zwei relativ unbekannte Regisseurinnen aus der Romandie sie? Ganz einfach. Sie treffen sie zufällig in einer Berliner Boutique. Sprechen sie an. Und . . . fünf Jahre später stehen sie mit «Schwesterlein» im Wettbewerb der Berlinale. Womit die Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond sowie die Hauptdarstellerin Chancen auf einen der begehrten Bären haben.

Es ist der erste Schweizer Spielfilm, dem dies gelungen ist, seit Ursula Meiers «L’enfant d’en haut» – das ist bereits acht Jahre her. Die Frau hinter beiden Produktionen ist die Zürcherin Ruth Waldburger. Und es gibt noch eine weitere Schweizerin, die an diesem Wochenende in Berlin im Rampenlicht steht: Andrea Štaka präsentiert am Sonntagabend im geschichtsträchtigen Zoopalast ihren Spielfilm «Mare». Ein Wochenende, geprägt von Schweizer Frauen also.

1. WURZELN

Nervös? «Seit heute bin ich es tatsächlich ein wenig», sagt Andrea Štaka, 46, fünf Tage vor der Uraufführung bei einem Kaffee in Zürich, «am Morgen beim Joggen habe ich gemerkt, dass ich alles andere als entspannt bin.» Der Schlussspurt für den Film sei geschafft, jetzt gehe es um einen tollen Auftritt an der Berlinale, die ersten Kontakte zum Publikum seien die emotionalsten. Dabei hat sie einige Festivalerfahrung. Gleich mit ihrem ersten Kinofilm «Das Fräulein» gewann Štaka 2006 den Goldenen Leoparden von Locarno. Es geht darin um drei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, deren Wege sich in der Schweiz kreuzen. Die Regisseurin selber wuchs in Zürich auf, ihre Vorfahren stammen aus Kroatien und Bosnien.

Štakas zweiter Kinofilm «Cure – The Life of Another» (2014) spielte dann zur Hauptsache in ihrer zweiten Heimat Kroatien, wo zum Beispiel ihre Grossmutter lebte. «Anschliessend wollte ich mich mit einem ganz anderen Thema beschäftigen als mit meiner Herkunft», erzählt sie. Während eines Werkjahrs der Zürcher Filmstiftung habe sie an fünf verschiedenen Projekten gearbeitet, vier davon hätten in Zürich gespielt. Aber irgendwie sei das fünfte am einfachsten zu erarbeiten und zu finanzieren gewesen. So entstand «Mare», ein starker Film über eine Frau, die mit ihrer Familie gleich neben dem Flughafen von Dubrovnik lebt. Und versucht, ihre Rolle als Mutter und Ehefrau sowie ihre Sehnsüchte zu leben.

2. AUSBRÜCHE

«Schwesterlein», der Spielfilm von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, ist stark im Theatermilieu verwurzelt. Neben Nina Hoss spielt Lars Eidinger die Hauptrolle, der Star der Berliner Schaubühne. Deren künstlerischer Leiter Thomas Ostermeier ist in einer wichtigen Nebenrolle zu sehen. Und zwar als das, was er im wirklichen Leben auch ist: der Chef und Vertraute der Hauptdarsteller, die Geschwister spielen – Brüderlein und Schwesterlein, wie es im titelgebenden Brahms-Lied heisst. Meist wird Deutsch gesprochen.

Nina Hoss und Lars Eidinger (oben) sind die Geschwister im Film Schweizer Regisseurinnen. Foto: PD
Nina Hoss und Lars Eidinger (oben) sind die Geschwister im Film Schweizer Regisseurinnen. Foto: PD

«Das ist nur auf den ersten Blick sehr weit weg von allem, was wir sonst tun», sagt Stéphanie Chuat. Dann Véronique Reymond: «Unseren Karrieren begannen als Schauspielerinnen auf Theaterbühnen, wir fühlen uns dieser Welt sehr verbunden.» Worauf wieder Stéphanie Chuat an der Reihe ist: «Aber wir hatten auch grosse Lust, aus unserer vertrauten Welt auszubrechen, in einer anderen Sprache zu drehen.» «Ja, und wir lieben deutsche Schauspieler», ergänzt Véronique Reymond.

Die beiden sind ein eingespieltes Duo und beste Freundinnen seit Mitte der Achtzigerjahre. In der Schule spielten sie damals Theater, das Aufführen von eigenen Clownnummern auf der Strasse stärkte ihre Verbundenheit. «Die Freundschaft war auch eine Art Oase, unsere Familienverhältnisse waren nicht einfach», sagt Stéphanie Chuat.

Mit der Zeit kam beim Hobby, das zur Arbeit wurde, auch das Medium Film ins Spiel, zuerst als Videoeinspieler bei Theaterstücken, dann mit eigenen Kurzfilmen. Und 2010 folgte der vielfach preisgekrönte Kinofilm «La petite ­chambre», ein Drama über das Sterben mit dem grossen französischen Schauspieler Michel Bouquet. Auch «Schwesterlein» ist kein leichter Stoff: Der Bruder hat Leukämie. Die Schwester will ihn pflegen und retten.

ZWISCHENSPIEL

Auffallend, dass sich diese Regisseurinnen – Sehnsüchte, Krankheit, Tod – mit schwierigen, aber lebensnahen Themen befassen. Auffallend auch, dass viel Zeit vergeht zwischen den einzelnen Filmen (wobei Chuat / Reymond zwischendurch die Dokumentation «Les Dames» und eine TV-Serie drehten). Auffallend schliesslich, dass es in den letzten Jahren meist Werke von Filmemacherinnen waren, wenn Schweizer Produktionen an Festivals Preise bekamen. Drehen sie weniger, aber lebensnaher? Gekonnter? Einfach anders?

3. HÖHENFLÜGE

«Guten Tag, wir sind zwei Schweizer Filmemacherinnen, wir schreiben einen Film für Sie, haben Sie Zeit für einen Kaffee?», sagten Stéphanie Chuat und Véronique Reymond zu Nina Hoss, als sie diese zufälligerweise in der Berliner Boutique entdeckt hatten. Das war nicht gelogen, sie kannten die Schauspielerin aus «Barbara» von Christian Petzold. Bald darauf begannen sie mit ihr im Kopf ein Projekt zu entwickeln, in dem sie die Frau eines Schulleiters in einem Schweizer Internat spielen sollte. Einfach auf gut Glück.

Nina Hoss gab sich erstaunt, war in Eile, steckte aber die Telefonnummer der beiden ein, mit dem Versprechen, zwei Tage später zurückzurufen. Zum Erstaunen der beiden tat sie es tatsächlich, daraus wurde eine Verabredung zu einem «quick coffee» (sie sprachen Englisch miteinander). Diese erweiterte sich zum dreistündigen Gespräch, und am Ende sagte Nina Hoss einfach: «Gut, wann drehen wir?»

Es ging noch beinahe fünf Jahre, die Freundinnen schrieben das Drehbuch auf Französisch, es wurde auf Deutsch übersetzt, sie arbeiteten dann mit diesem Text weiter. Und zwar so, wie sie es immer tun: Sie spielen ganze Passagen zu zweit durch, um zu sehen, ob es funktioniert. Weitere Darsteller mussten gefunden werden, zum Beispiel die Basler Hollywoodschauspielerin Marthe Keller, die sich hervorragend macht als Mutter der Geschwister. Und natürlich der zweite Hauptdrehort, die Leysin American School. In den Waadtländer Ferienort nimmt die Schwester ihren Bruder mit, zur Genesung. Aber auch sie hat ein komplexes Familienleben.

Dort, in den Bergen, spielt eine Schlüsselszene: Der kranke Bruder geht mit seinem Schwager auf einen Tandem-Gleitschirmflug, mit gefährlichen Turbulenzen. Wie das inszeniert ist, hoch über dem Boden, dass es einem schon beim Betrachten schwindlig wird, ist grosse Kunst. Und vereint auch im Technischen, was diesen Film so speziell macht: Einfachheit der Geschichte, hohe Symbolkraft und bis ins kleine Detail gekonnte Inszenierung.

4. BLEIBEN ODER GEHEN?

Auch in Andrea Štakas «Mare» gibt es Flüge, aber die Frau neben dem Flughafen hat noch nie eine Maschine betreten. Sie bleibt da, als im Nachbarhaus vorübergehend ein polnischer Arbeiter einzieht, entwickelt sie ein Begehren. Daraus wird eine Dreiecksgeschichte, die man als banal bezeichnen könnte. Aber die davon lebt, dass sie gegen den Strich inszeniert ist, es geht nicht um Schuld und schlechtes Gewissen. Es geht um die Selbstbestimmung dieser Frau.

Das Drehbuch entstand nach langen Gesprächen der Regisseurin mit ihrer Cousine, die in ebendiesem Haus lebt, das dann zum Drehort wurde. Auch drei der Kinder, die dort wohnen (die Cousine hat vier), spielen mit. Die Hauptrolle aber verkörpert Marija Škaricic, die bereits im «Fräulein» brillierte. Und in «Cure» auch auftrat. «Ich habe den Film für sie geschrieben», sagt Andrea Štaka.

Andrea Štaka erzählt die Geschichte einer Frau, die ihre Familie liebt – aber noch ganz andere Sehnsüchte hat. Foto: PD
Andrea Štaka erzählt die Geschichte einer Frau, die ihre Familie liebt – aber noch ganz andere Sehnsüchte hat. Foto: PD

Aber dann wurde es kompliziert. «Wir haben zusammen geprobt», erzählt die Regisseurin, «aber es ging einfach nicht, sie hatte Mühe, sich voll reinzugeben, die Geschichte eines sexuellen Ausbruchs ging ihr zu weit.» Schliesslich haben sie beschlossen, bei diesem Film nicht zusammenzuarbeiten, Štaka hat nach neuen Darstellerinnen gesucht. Aber niemand passte wirklich. So hat sie nach neun Monaten – «einer Schwangerschaft später» – zum Telefonhörer gegriffen und gesagt: «Ich will es mit dir machen!» Die Antwort war kurz: «Ja, klar.»

Auch bei den Dreharbeiten wurde noch oft diskutiert, vielleicht auch befeuert durch die Tatsache, dass der Ehemann im Film von Goran Navojec gespielt wird, dem wirklichen Partner der Hauptdarstellerin, der in Kroatien ein Star ist. «Drei Stunden Diskussion, eine Stunde filmen», sagt Andrea Štaka lachend.

Sie drehte, heute eine Seltenheit, nicht digital, sondern auf richtigem Filmmaterial, was dem Endprodukt einen fast taktilen Look gibt, der perfekt passt. «Mare» im Titel ist übrigens die Abkürzung von Marija, dem Namen der Hauptdarstellerin und der Hauptfigur, er wird hauptsächlich am Meer in Südkroatien häufig gebraucht. Das Meer selber heisst dort allerdings nicht «Mare», wie in Italien, sondern «More», was wiederum dem englischen «Mehr» entspricht. Das passt wunderbar, der Film ist so einfach und reich wie dieser Titel.

EPILOG

Diese beiden Schweizer Berlinale-Filme könnten unterschiedlicher nicht sein, aber Gemeinsamkeiten gibt es viele: Sie sind ganz nahe bei ihren Regisseurinnen, aber doch allgemeingültig. Sie erzählen eine einfache Geschichte, aber anders, als wir uns das gewohnt sind. Sie präsentieren hochkomplexe Frauenfiguren. Sie hatten beide eine langwierige Entstehungszeit, aber die Beharrlichkeit hat sich gelohnt. Sie sind das beste Beispiel dafür, dass im Kino und an den Festivals noch viel mehr Filme von Regisseurinnen laufen müssten.

Marija Škaricic in «Mare». Foto: PD
Marija Škaricic in «Mare». Foto: PD

Apropos Beharrlichkeit: Stéphanie Chuat und Véronique Reymond haben in Berlin ganz zu Beginn ihrer Karriere schon einen Kurzfilm gedreht, «Berlin Backstage» (2004), in dem Axel Prahl (ja, der Kommissar aus dem Münster-«Tatort») einen Obdachlosen spielte, den es in die Philharmonie verschlägt.

Auch dazu können die Regisseurinnen eine Geschichte erzählen, in der es von haarsträubenden Zufällen (eine am Boden gefundene elektronische Agenda zwischen zwei Autos, zum Beispiel) und schönen Wendungen nur so wimmelt. Sie läuft darauf hinaus, dass die beiden vom damaligen Berlinale-Direktor Dieter Kosslick für ihr Projekt ausgezeichnet wurden und deswegen von ihm eine Plastikrose überreicht bekamen. Dabei sagte er: «Bis bald, auf dem roten Teppich.»

Mehr als fünfzehn Jahre später sind sie angekommen. Mal schauen, ob ihr Berliner Weg nicht noch weiter führt. Zu den Bären, zum Beispiel.

Nach der Berlinale starten beide Filme bald im Kino: «Mare» bereits am 12. März, «Schwesterlein» am 23. April

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