Wir sind gekommen, um zu bleiben

Die persönliche Geschichte, die Tamara Funiciello vor über 40'000 Frauen auf dem Bundesplatz am Frauenstreik vom 14. Juni erzählte.

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Am 14. Juni 2019 fand die bisher grösste Demonstration in der Geschichte der Schweiz statt. Weit über 500'000 Frauen (und solidarische Männer) haben sich am Streiktag beteiligt. Und dennoch fragen immer noch Menschen, wieso. Hier die persönliche Geschichte, die ich vor über 40'000 Frauen auf dem Bundesplatz letzte Woche erzählen durfte: «Ich war 14, als ich lernte, meinen Körper zu hassen. Wir waren zu Hause. Wir lasen Heftchen. Die sagten uns, wie wir auszusehen haben – und wie nicht. Was schön ist. Und was nicht.

Ich war 17, als ich lernte, dass mein Wort keinen Wert hat. Wir waren in einer Disco, wir haben getanzt. Da kam ein Typ und begrapschte mich. Als ich «Nein!» sagte, hörte er nicht auf. Er packte mich. Ich riss mich los. Ich ging. Er blieb. Am nächsten Tag hatte ich blaue Flecken an meinen Armen.

Ich war 18, als ich lernte, dass wir selber schuld sind. Weil wir uns halt anders anziehen müssen. Weil wir da halt nicht alleine hingehen sollen – oder besser gar nicht. 20, als ich lernte, dass meine Arbeit weniger wert ist. 21, als ich lernte, dass ich immer mitgemeint bin. 22, als ich ­lernte, dass ich mich mehr anstrengen muss. 26, als ich lernte, dass Gewaltandrohungen auch online wehtun. Als man mir weiszumachen versuchte, dass ich halt mit Massenvergewaltigungsdrohungen umgehen muss, sonst sei ich einfach nicht für den Job gemacht.

«Wir streiken, weil wir sterben.»

Ich war 26, als ich begriff, dass es nicht nur mir so ging. Dass keine Frau sicher ist, solange sie lebt. Denn jede meiner Freundinnen kann mindestens eine solche ­Geschichte erzählen. Und viele meiner Freunde haben ­keinen Plan, wovon zur Hölle ich rede. Ich begriff, dass es nicht Einzelfälle sind, sondern die Regel. Ich begriff, dass es um Macht geht und nicht um Lust. Ich begriff, dass es darum nie enden würde.

Dann haben Heldinnen wie Jolanda mir beigebracht, dass wir nicht schweigen müssen, egal wie mächtig die anderen sind. (#teamjolanda!) Heldinnen wie Anja, Nina, Tanja, Samira, Lotti, Anna, Kathrin, Julia haben mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin. Heldinnen wie Ruth, Micheline, Simonetta, Barbara, Regina, Geraldine haben mich daran erinnert, dass ich nie alleine war. Darum habe ich entschieden, mir das nicht länger gefallen zu lassen. In die Offensive zu gehen. Ich habe entschieden, mich zu lieben.

Ich habe entschieden, mich zu wehren. Ich habe entschieden, solidarisch zu sein mit den Frauen auf der ganzen Welt. Darum stehe ich heute hier. Darum streiken wir heute hier. Wir streiken, weil wir sterben. Alle zwei Wochen eine Frau in ihren eigenen vier Wänden.

«Wir streiken, weil unser Nein nicht gilt.»

Wir streiken, weil mindestens 800'000 Frauen in diesem Land bereits sexualisierte Gewalt erlebt haben. Wir ­streiken, weil es in unseren Freundeskreisen mehr Frauen gibt, die vergewaltigt werden, als solche, die es in eine ­Kaderposition schaffen. Wir streiken, weil 92 Prozent der Fälle gar nicht erst gemeldet werden! Wir streiken, weil Menstruationsblut eklig ist – aber Vergewaltigungspornos boomen. Wir streiken, weil sie uns ­sagen, wir sollen keine Opfer sein – statt ihnen zu sagen, sie sollen keine Täter sein.

Wir streiken, weil unser Nein nicht gilt. Weder in der Bar noch im Bett noch vor Gericht. Wir streiken, weil ­Leute, die auf Kinder schiessen, besser bezahlt werden als solche, die sie grossziehen. Wir streiken, weil wir nicht nur die Hälfte des Kuchens ­wollen, sondern die ganze ­verfluchte Bäckerei.

Wir streiken, weil wir genug haben!

Wir, wir sind der Widerstand.

Wir, wir sind die Hoffnung.

Wir, wir sind die Zukunft.

Das hier, heute, ist nicht das Ende, es ist erst der ­Anfang. Wir sind gekommen, um zu bleiben.

P.S.: Wir meinen es ernst. Entweder wir kriegen (mehr) Geld für die Care-Arbeit, tiefere Arbeitszeiten, höhere ­Renten, faire Löhne für uns und unsere Männer, Sicherheit für uns und unsere Kinder – oder wir kommen wieder. Unterschätzt uns nicht. Der nächste 14. Juni ist schon in Planung.



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Erstellt: 22.06.2019, 23:07 Uhr

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