Wir Ungeheuer

Was bleibt, wenn unsere Zivilisation untergeht? Autor Robert Harris betreibt eine Archäologie der Gegenwart.

Führt den Leser in ein neues Mittelalter in der Zukunft: Autor Robert Harris, 62. Foto: Dukas

Führt den Leser in ein neues Mittelalter in der Zukunft: Autor Robert Harris, 62. Foto: Dukas

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Unter den Romanciers ist Robert Harris ein britischer Superstar. Klug, distinguiert, eloquent, ironisch, dabei von erlesener Höflichkeit – ein Gentleman ohne Melone. Barhäuptig jedenfalls empfängt er in einer Suite in einem Münchner Hotel, dirigiert seinen Besucher an Stapeln von Kisten vorbei, die alle sein neues Buch enthalten. Er hat gleich noch eine Veranstaltung, ist aber auf den Punkt konzentriert und gedankenschnell.

Das muss ein Wesenszug von ihm sein, anders sind der Umfang seiner Stoffe und die Tiefe der Recherchen nicht zu erklären. Nicht nur, dass er die Antike mit Romanen zu Pompeji und einer Cicero-Trilogie erschlossen hat, in «München» führte er seine Leser nach Nazideutschland zur Zeit der Appeasement-Politik der Briten, er schrieb über den Memoirenschreiber eines britischen Premiers, aber auch über die Tricks von Finanzjongleuren. Er hat mit Roman Polanski zusammengearbeitet und wurde «Kolumnist des Jahres» für seine Texte im britischen «Telegraph». Harris ruht nicht.

Anders aber als die Johnson-Boys in der aktuellen britischen Regierung, die sich selbst für das eingelöste Versprechen der Geschichte halten, wirkt Robert Harris weder versnobt noch elitär. Sein Anliegen ist im Gegenteil die Demut vor der geschichtlichen Erfahrung, sein Thema ist die Vergänglichkeit allen Ruhms, die Brüchigkeit jeder Kultur, mag sie sich auch für überlegen halten.

Es geht um das, was gesagt und gewusst werden darf

All dies ist für ihn nicht nur eine Diagnose der fernen Vergangenheit. Auch unsere Kultur, sagt er, habe ihren Zenit überschritten: «Unsere gesellschaftlichen Systeme und Institutionen, aber auch unsere Methoden der Informationsverarbeitung stammen noch aus analogen Zeiten. Vielleicht gelingt es uns deshalb nicht, mit den Krisen der Gegenwart angemessen umzugehen», sagt er. Unsere Demokratien seien anfällig «für Fake News und die Blasen aus den sozialen Medien».

Die Einsicht in die historische Relativität aller zivilisatorischen Errungenschaften macht Harris, den Bestseller-Autor, zu einem Schriftsteller der Parahistoire, einer Geschichtsumschreibung mit dem klaren Blick für die Gegenwart.

In «Der zweite Schlaf» hat er dazu ein Setting gewählt, das einer anderen Galionsfigur postmoderner Belletristik wohl zutiefst behagt hätte: Umberto Eco. Denn wie im «Namen der Rose» erfahren wir zum Auftakt von einem Novizen, einem Priester, der sich in die ihm unbekannte Welt eines späten Mittelalters aufmachen muss und dort auf einen unerbittlichen, geheim gehaltenen Glaubensstreit stösst. Auch hier geht es um mittelalterliche Deutungshoheit, um das, was gesagt und gewusst werden darf.

Der Nobelpreisträger unserer Zeit warnt vor Kollaps, Ignoranz und Hybris, vor Klimakatastrophe, Antibiotika-Resistenz und Atom- wie Cyberkrieg.

Wie der Novize Adson von Melk bei Umberto Eco befindet sich auch Robert Harris' Christopher Fairfax in einer unerschütterlichen, von der katholischen Kirche unnachgiebig durchherrschten Wirklichkeit, die jeden Abweichler erbarmungslos verfolgt. Doch je mehr Fairfax von dieser Welt erfährt, umso mehr erweist sich die feste Ordnung als brüchig. Nichts stimmt in dieser Spätgotik.

Das erste Opfer dieser Enttäuschungen ist der Leser. Harris lässt ihn nach und nach merken, dass das Mittelalter, durch das Fairfax stolpert, gar nicht in unserer Vergangenheit, sondern in der Zukunft spielt. Daraus folgt: Was wir heute Gesellschaft, Moderne, Fortschritt nennen, ist da längst verschwunden. Auch das Wissen davon. Denn die Kirche, in deren Auftrag Fairfax unterwegs ist, unterdrückt alles, um das Gedächtnis an unser Zeitalter, das in einer grandiosen Apokalypse gescheitert sein muss, gar nicht erst in die Köpfe unserer Nachfahren eindringen zu lassen.

Das ist ein typisch Harris’scher Entwurf. Natürlich tauchen dann doch Spuren auf, Plastik etwa, eine Glasscheibe, ein unbrauchbares iPhone, von denen in Fairfax’ Welt niemand ahnt, was sie waren und wozu sie nützlich gewesen sein könnten. Doch es gibt auch Briefe. Einer stammt von einem Nobelpreisträger aus unserer Gegenwart. Darin warnt er vor Kollaps, Ignoranz und Hybris, vor Klimakatastrophe, Antibiotika-Resistenz und Atom- wie Cyberkrieg.

Als Leser erschrickt man bei diesem Warnschuss aus dem Zukunftsmittelalter. Wir hätten es besser wissen können. Wenn man Robert Harris auf seine eigentümliche Futur-II-Konstruktion eines neuen Mittelalters in der Zukunft anspricht, führt er erst einmal aus, wie sehr es ihn schon immer fasziniert habe, dass eine Landschaft, ein Ort derselbe geblieben ist, auch wenn er schon lange vor uns bewohnt war: von Menschen, die sich genau wie wir für die Avantgarde der Schöpfung und das Optimum der Geschichte hielten.

«Die Brandbeschleunigerin den sozialen Medien»

Doch stelle sich ja die Frage, warum auch überlegene, hoch entwickelte und technisch avancierteste Zivilisationen kollabieren? Kann es sein, dass es in ihnen einen Punkt maximaler Kultiviertheit und Kommunikation gibt, eine feinnervige Ausdifferenzierung auch in technischen Fragen, die den Zusammenhalt des Ganzen sprengt? Ein Dekadenz-Phänomen? Eine Art tödlicher Überkomplexität?

Nach Harris steckt in der Aufdeckung aller historischen Relativität und Fragilität von Gewissheiten durchaus ein Stück Aufklärung: «Dass Vernunft und Wahrheit in liberalen Demokratien von Fake News und Verschwörungstheorien strapaziert und geschwächt werden, dass sich unsere Gesellschaftssysteme als verwundbar erweisen, erkennt man leichter mit dem Blick des Archäologen auf unsere Gegenwart», sagt er: «Man sieht dann nicht nur die Brandbeschleuniger in den sozialen Medien, man erkennt auch, dass autoritäre Strukturen, irrationales Denken und Verschwörungstheorien überall an Kraft gewinnen. Und das, obwohl wir doch so super-informiert sein wollen.»

Nein, er habe nicht nur eine Dystopie des Jetzt formulieren wollen. «Falsche Mythen haben die Menschen immer nur schwächer, primitiver gemacht. Wir wissen es doch besser.» Wirklich? Auch Robert Harris räumt ja ein, dass wir «gerade ein Wiederaufblühen des Fanatischen, der Irrationalität» erleben.

Harris hat seinem grossen, vielleicht ernüchternden Gesellschaftsbefund mit «Der zweite Schlaf» ein spannendes neues Kapitel hinzugefügt: Hybris und irregeleiteter Glaube haben noch immer zu Regress geführt, nicht zum Fortschritt. Wenn also der – zweite – Schlaf der Vernunft wieder Ungeheuer gebiert, dann sind wir diese Ungeheuer.

«Der zweite Schlaf», Heyne, 416 Seiten, ca. 22 Franken



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Erstellt: 16.11.2019, 16:58 Uhr

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