«Wir werden dümmer»

Der Psychologe Jakob Pietschnig untersucht, wie sich unsere Intelligenz verändert – und was das mit den Einwanderern zu tun hat.

Jakob Pietschnig: «Wir wissen, dass sich die Intelligenz einer Person über die Zeit verändert» . (Fotos: Rois & Stubenrauch)

Jakob Pietschnig: «Wir wissen, dass sich die Intelligenz einer Person über die Zeit verändert» . (Fotos: Rois & Stubenrauch)

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Jakob Pietschnig sitzt in seinem Büro an der Universität Wien. In der kleinen Studierstube im dritten Stock des Departements für Psychologie erforscht der Österreicher, wie sich der Intelligenzquotient (IQ) in den Bevölkerungen wandelt, was die Grösse des Gehirns bei Männern und Frauen bedeutet und ob Mozarts Musik die Kinder wirklich schlauer macht.

Herr Pietschnig, was haben Sie für einen IQ?
Es wäre etwas unsportlich, wenn ich mich testen lassen würde, und wäre auch nicht sehr aussagekräftig, weil ich mich ständig mit Intelligenztests befasse. Intelligenz kann man zwar nicht trainieren. Aber Intelligenztests schon.

Man muss sein Kind also nur oft genug in den IQ-Test schicken und irgendwann kommt ein hochbegabtes Genie heraus?
Ja, wenn man immer das Gleiche testet, wird das Kind besser und besser. Aber wenn man die Regeln, die ein Test verlangt, verändert, ist das eine völlig andere Ausgangslage und ermöglicht eine gute Einschätzung.

Sie erforschen, wie sich die Intelligenz in der Bevölkerung unterschiedlicher Länder verändert. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
In den letzten über 100 Jahren ist die durchschnittliche Intelligenz der Bevölkerung weltweit um 30 Punkte gestiegen. In der Wissenschaft nennen wir das den Flynn-Effekt, benannt nach dem US-Forscher James Flynn. Die IQ-Tests mussten ständig nachnormiert werden, damit die Menschen im Mittel weiterhin 100 Punkte erreichen und nicht alle als hochbegabt gelten. Seit den Neunzigerjahren beobachten wir, dass sich die Zunahme verlangsamt, in einigen westlichen Ländern hat sich das sogar umgekehrt. Die Intelligenz sinkt.

Es geht also bergab?
Ja, salopp ausgedrückt: Wir werden dümmer.

Die Einwanderer sollen dazu beitragen, dass die Intelligenz der Bevölkerung in ihrer neuen Heimat abnimmt, so wird allenthalben befürchtet.
Ich kann klar sagen: Das ist nicht der Fall. Wir haben keinen Zusammenhang zwischen der Zahl der Zuwanderer und dem durchschnittlichen IQ der Bevölkerung festgestellt.

Warum haben Sie das überhaupt untersucht?
Dass der IQ in einigen Ländern sinkt, nehmen wir seit 2015 wahr. Das war gleichzeitig das Jahr, in dem die grossen Flüchtlingsströme unterwegs waren. Einige Forscher vermuten, dass die Migration schuld ist an diesem Anti-Flynn-Effekt. Ich wollte diese These überprüfen.

Wie haben Sie das gemacht?
Wir haben uns weltweit zwei Millionen Ergebnisse von IQ-Tests aus verschiedenen Ländern angeschaut, darunter auch Tausende aus Deutschland und Österreich. Diese Ergebnisse haben wir in jedem Land in Beziehung gesetzt zur jährlichen Nettoeinwanderung, zum absoluten Ausländeranteil und zur Anzahl der Asylbewerber. Das Resultat unserer Untersuchung ist klar: Der IQ sinkt nicht, wenn die Zahl der Migranten steigt.

Die Menschen in verschiedenen Ländern erzielen in IQ-Tests nicht überall die gleichen Resultate. Das hängt auch mit dem Schulsystem zusammen. Wie ist es dann möglich, dass die Migration keine Rolle spielt?
Mehrere Studien zeigen, dass die Unterschiede zwischen Migranten und Einheimischen kurzlebig sind. Innerhalb von einer Generation sind sie verschwunden. Das heisst, der IQ der Einwanderer gleicht sich demjenigen der Bevölkerung in ihrer neuen Heimat an, nach oben und nach unten.

Haben Sie eine Erklärung für dieses Phänomen?
Plausibel wären Umwelteffekte. Nehmen wir ganz plakativ einen zentralafrikanischen Staat mit einer schlechten Infrastruktur. Wer hier zur Schule geht, dürfte bei Tests schlechter abschneiden als jemand in Zentraleuropa. Ganz einfach, weil er nicht die gleichen Möglichkeiten hat. Wandert er nach Zentraleuropa aus, gleicht sich das in der nächsten Generation aus.

Manche Forscher vermuten, dass auch die Geburtenraten einen Einfluss haben, weil Menschen mit einem niedrigeren IQ mehr Kinder bekämen.
Das geht zurück auf eine Hypothese des britisch-amerikanischen Psychologen Raymond Bernard Cattell. Er schrieb 1937 das Buch «The fight for our national intelligence», der Kampf um unsere nationale Intelligenz. Darin hat er dargelegt und auch in einer Formel berechnet, dass die Intelligenz in Grossbritannien alle zehn Jahre um einen IQ-Punkt sinken muss. Er erklärte das damit, dass Intelligenz bis zu einem gewissen Mass erblich sei und sich das untere Segment einer Population stärker fortpflanze. Wenn man das Buch liest, glaubt man das alles auch, weil Cattell völlig überzeugend argumentiert.

Aber es stimmt nicht?
Nein. Nachdem das Buch erschienen war, zeigten die Daten in die andere Richtung. Der IQ nahm zu, wie in vielen anderen Ländern auch. Cattells Hypothese geriet in Vergessenheit. Doch als sich dann der Flynn-Effekt umkehrte und der IQ zu sinken begann, dachten manche Forscher: Vielleicht hatte Cattell doch recht. Das haben wir überprüft und uns global die Geburtenraten angesehen. Wir haben keinen Zusammenhang mit den Veränderungen des durchschnittlichen Intelligenzquotienten gefunden.

Wenn weder die Migration noch die Geburtenraten der Grund sind, dass die Intelligenz sinkt: Was ist es dann?
Es hat vermutlich mit der Spezialisierung zu tun. Wir verfügen über immer spezifischere Fähigkeiten. Die Studiengänge sind so ausgelegt und auch die Unternehmen bilden ihre Mitarbeiter für ganz spezifische Aufgaben aus. Wenn wir bestimmte Fähigkeiten trainieren, zum Beispiel die Raumvorstellung, werden wir darin besser. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt, dann stossen wir an eine Decke. Noch besser werden geht nicht. Gleichzeitig vernachlässigen wir andere Fähigkeiten, zum Beispiel das logische Denken oder Kopfrechnen. Irgendwann kann man diesen Verlust dann nicht mehr ausgleichen.

Um wie viel hat diese «Fachidiotie» den IQ gesenkt?
Die genaue Punktezahl lässt sich schwer beziffern. Aber in Deutschland und Österreich dürfte es sich um rund acht Punkte handeln.

Und in der Schweiz?
Die Datenlage ist momentan recht dürftig. Es zeigt sich aber ein identischer Trend in allen untersuchten europäischen Ländern, darunter auch in den Nachbarländern der Schweiz: Deutschland, Österreich und Frankreich. Es scheint mir äusserst wahrscheinlich, dass die Schweiz einem ähnlichen Trend unterworfen ist, und ich sehe keinen Grund, warum die zunehmende Spezialisierung und das abnehmende Generalistentum in der Schweiz weniger relevant sein sollte als in anderen industrialisierten Ländern.

Kann man sagen, in welcher Altersgruppe der IQ-Knick am grössten ist?
Man ist noch nicht so weit, dass man diese Frage beantworten kann. Wir wissen aber, dass sich die Intelligenz einer Person über die Zeit verändert. Beim schlussfolgernden Denken erreichen wir den Zenit mit 18, 19 oder 20 Jahren, dann nimmt das wieder ab.


«Frauen haben eine höhere Neuronendichte im Gehirn. Das ist viel effizienter.»

Deprimierend.
Ja. Es wird immer deprimierender, je länger ich mich mit dem Thema befasse. Es gibt eine Grafik, die den Verlauf zeigt – da bin ich nicht mal mehr drauf.

Führt neben der Spezialisierung auch die moderne Welt mit dem Internet zur Verblödung?
Ob es uns dümmer oder schlauer macht, kann man nicht sagen. Es macht das Ganze anders. Einen Internetbrowser zu öffnen, erfordert von mir eine gewisse Fähigkeit, die ich vor 50 Jahren nicht gebraucht hätte. In irgendeiner Form hat mich das schlauer gemacht. Es gibt gefühlt alle zwei Jahre einen Artikel in irgendeinem Fachjournal, der behauptet, dass Computerspiele oder das Internet die Intelligenz trainierbar machen. Da wird dann das grosse Heil zelebriert. Zwei Jahre später gibt es einen anderen Artikel, der genau das Gegenteil sagt und zeigt, wie schlecht die Effekte sind, die das Internet und Computerspiele provozieren.

Man weiss also nicht, wie sich die Digitalisierung auswirkt?
Die Forschungsergebnisse sind ­widersprüchlich.

Fakt ist aber: Wissen ist heute im Netz abrufbar, Kopfrechnen muss ich nicht mehr können, dafür gibt es Taschenrechner, und Kartenlesen geht ohne räumliches Vorstellungsvermögen, man folgt einfach dem Pfeil auf Google Maps. Das soll alles keine Rolle spielen?
Das Schulwissen ändert sich sicher. Man muss nicht mehr Stunden darauf verwenden, die Namen von Hauptstädten zu lernen. Die kann man nachschauen, wenn man es wissen will. Darum hat man das heute vielleicht nicht mehr so präsent. Auf der anderen Seite ist es auch nicht trivial zu wissen, was meine beste Strategie ist, um an ­Informationen zu kommen.

Wenn wir heute andere Fähigkeiten brauchen als früher, heisst das nicht, dass man Intelligenz neu definieren muss?
Nein. IQ-Tests messen bis zu einem gewissen Grad immer das Gleiche, das sogenannte psychometrische G, den Generalfaktor der Intelligenz. Das muss man nicht neu definieren, man muss aber die Tests regelmässig nachjustieren. Eine der massivsten Implikationen des Flynn-Effekts betrifft Strafgefangene in den USA. In etlichen US-Bundesstaaten gibt es Richtlinien, die besagen, dass ein Strafgefangener nicht hingerichtet werden darf, wenn er einen IQ von weniger als 70 hat. Wenn er einen veralteten Test vorgesetzt bekommt, erzielt er eine höhere Punktzahl als bei einem richtig normierten Test. Er liegt dann möglicherweise über 70 Punkten und wird deswegen hingerichtet.

Werden bewusst veraltete Tests eingesetzt?
Es würde mich nicht wundern, falls das zum Teil gemacht würde. Ich kann allerdings keinen Fall dazu benennen.

Sie haben auch zur Frage geforscht, was die Grösse des Gehirns mit Intelligenz zu tun hat. Klären Sie uns auf!
Wir haben hier nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Grösse des Gehirns und Intelligenz gefunden. Wie intelligent man ist, hängt vor allem von der Struktur des Gehirns ab.

Das heisst, Männer haben zwar ein grösseres Gehirn als Frauen, sind aber nicht schlauer?
Ja. Frauen haben übrigens eine höhere Neuronendichte im Gehirn. Das ist viel effizienter. Gewisse Klischees wie jenes, dass Frauen nicht einparken können, treffen allerdings zu. Männer sind bei Raumvorstellungsfähigkeiten wesentlich besser. Dafür haben Frauen ein besseres verbales Gedächtnis.

Alle reden von der Wissensgesellschaft, aber Intelligenz ist offenbar ein Tabu. Weltweit gibt es keinen einzigen Lehrstuhl für Intelligenzforschung. Warum?
Möglicherweise verbindet man mit unserer Forschung, dass wir Menschen als besser oder schlechter darstellen wollen. Aber darum geht es gar nicht. Ein IQ-Test ist kein Label und kein Werturteil.

Was hat Sie selber zur Intelligenzforschung geführt?
Das war ein Zufall. Ich habe meine Diplomarbeit über den Mozart-Effekt geschrieben. Dieses Thema hatte mit Intelligenz zu tun.

Als Mozart-Effekt wird die Hypothese bezeichnet, dass Kinder schlauer werden, wenn man sie mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart berieselt.
Da ist natürlich nichts dahinter. Leider.

Wie kam es dann dazu, dass dieses Versprechen bei hoffnungsvollen Eltern einen wahren Hype auslöste?
Das hatte nicht zuletzt mit einer unglücklichen Kommunikation in populären Medien zu tun. Die ursprüngliche Untersuchung ging nämlich um etwas sehr Spezifisches: Um Raumvorstellungsfähigkeit und Mozarts Sonate in D-Dur, Köchelverzeichnis 448 für zwei Klaviere. Die Leistung bei der Raumvorstellung bei Erwachsenen soll angeblich zunehmen, wenn sie vorher zehn Minuten diese Mozart-Sonate anhören. Das wurde dann in «Nature» publiziert.

Was passierte dann?
Andere Wissenschaftler versuchten, das Experiment zu wiederholen – es hat nie funktioniert. Sie konnten den angeblich leistungssteigernden Effekt nicht feststellen. Aber ein Journalist hatte den Artikel in «Nature» gelesen und spitzte das Ganze noch zu, indem er schrieb: «Mozarts Musik macht Studenten schlauer.» Das wiederum sah ein Cellolehrer. Er liess sich den Namen Mozart-Effekt patentieren und zog eine kleine Industrie auf. Die Webpage gibt es heute noch. Es werden dort CDs für Kinder verkauft.

Wenn Mozart nichts bringt: Wie halten Sie als Intelligenzforscher Ihr Gehirn fit?
Ich beschäftige mich jeden Tag mit neuen Inhalten. Darum bin ich auch in die Wissenschaft gegangen, weil mich das fasziniert. Wenn man jeden Tag etwas Neues machen muss, trainiert das die Flexibilität – und die macht im Endeffekt das aus, was wir Intelligenz nennen.



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Erstellt: 03.08.2019, 21:11 Uhr

Der Intelligenz auf der Spur

Jakob Pietschnig, 37, ist in Wien aufgewachsen. Er schrieb 2012 seine Doktorarbeit über den Flynn-Effekt. Dieser bezeichnet die Tatsache, dass die gemessene ­Intelligenz in Industrieländern jahrzehntelang zunahm. Pietschnig habilitierte sich 2018 und ist Board-Mitglied der International Society for Intelligence Research. Heute lehrt und forscht er an der Universität Wien. Pietschnig ist verheiratet und ­Vater von zwei Kindern. Er lebt mit seiner Familie in Wien.

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