«Die Renner in China sind Blévita-Cracker und abgepackte Nüsse»

Migros-Industrie-Chef Walter Huber will mit eigenen Läden unter der Marke Orange Garten die Expansion in China forcieren. Zugleich muss er sparen.

Die Migros wirbt im grössten Markt der Welt mit ihrer Tradition –  Führt 14 000 Angestellte: Walter Huber

Die Migros wirbt im grössten Markt der Welt mit ihrer Tradition – Führt 14 000 Angestellte: Walter Huber

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Diese Woche hat Ihre Tochterfirma Mibelle den Kauf der südkoreanischen Kosmetikfirma Gowoonsesang bekannt gegeben. Warum ausgerechnet Südkorea?
Korea hat sich in den letzten Jahren zum Trendsetter in Sachen Beauty entwickelt. Dies hat auch mit der sehr weissen Haut der Koreaner zu tun, die weniger Pigmente hat und dadurch sensibler ist als unsere. Dies hat dazu geführt, dass in diesem Land sehr viel intensiver über die Haut geforscht wird und sich einige interessante Firmen dort angesiedelt haben. Von diesem Know-how wollen wir profitieren.

Sie wollen aber vor allem auch Produkte verkaufen.
Ja klar, Südkorea ist mit fünfzig Millionen Konsumenten ein interessanter Markt. Das Ziel ist aber auch, von dort aus Produkte weiter nach Südostasien und China zu verkaufen. Südkorea soll ein Hub für uns werden – sowohl für unsere eigenen Mibelle-Artikel wie auch für die Schönheitsprodukte von Gowoonsesang.

Der Korea-Beauty-Boom hat Schattenseiten. Die Weissmacher-Cremes, die die Haut bleichen, sind umstritten. Das Land hat eine der höchsten Raten an Schönheits-OPs. Sollte die Migros nicht ein natürliches Schönheitsideal fördern statt ein künstliches?
Wir sind der natürlichen Schönheit verpflichtet. Die Mibelle-Wirkstoffe sind alle auf pflanzlicher Basis hergestellt

Dr G, die Marke Ihrer neuen Firma, bietet aber auch Weissmacher-Cremes an.
Solche Produkte gehören zum Standardsortiment in Südkorea. Schönheitsideale sind stark kulturell beeinflusst. Während sich im Fernen Osten die Menschen eine möglichst weisse Haut wünschen, ist in Europa die gebräunte Haut ein Zeichen von Vitalität und Gesundheit.

Auch Gründervater Gottlieb Duttweiler und seine Frau Adele spielen bei der Expansion nach China eine prominente Rolle. Bild: Orange Garten

Also finden wir bleichende Cremes bald auch im Regal der Migros-Supermärkte?
Nein. Mittelfristig möchten wir tatsächlich auch Marken aus Südkorea nach Europa importieren. Ich denke dabei aber weniger an unsere Supermärkte als an Verkaufsstellen mit Beratungskompetenz – beispielsweise Globus. Die Südkoreaner fokussieren viel stärker als wir auf den individuellen Hauttyp und analysieren diesen mit hoch entwickelten Geräten. Das braucht Fachexpertise.

Haben Sie Ihre Haut in Südkorea auch analysieren lassen?
Ja, ich habe mich vor ein solches Gerät gesetzt, und meine Haut wurde gescannt. Da erfährt man dann die ungeschminkte Wahrheit, etwa, wie hoch der Anteil abgestorbener Hautzellen ist. Und das Gerät schlägt einem Produkte vor, die der Haut guttun. Es war beeindruckend, wie viele Daten man bei Gowoonsesang schon aus diesen Analysen herausfiltern kann. Mit diesen Daten lernt das Gerät und kann immer individuellere und damit bessere Beratungsvorschläge machen. Das Projekt ist dort in einer Testphase.

Wann werden wir solche Hautanalysegeräte auch in den Schweizer Läden sehen?
Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis sie massentauglich sind. Aber wir werden unsere Forscher nun natürlich regelmässig nach Südkorea schicken, damit sie vom Know-how profitieren können. Ein riesiges Thema in Süd­korea sind auch sogenannte Skin-Barrier-Produkte – Cremes, die vor Umwelteinflüssen schützen. Auch das dürfte irgendwann zu uns herüberschwappen.

Grosse Pläne hat die Migros-Industrie auch in China. Unter der Marke Orange Garten werden seit kurzem Migros-Produkte online verkauft. Stimmt es, dass die Geschäfte nur schleppend laufen? Die «Bilanz» schrieb von 50 bis 60 Artikeln pro Tag.
Momentan testen wir verschiedene Geschäftsmodelle im chinesischen Markt. Die erwähnte Zahl kann ich nicht nachvollziehen, und sie stimmt auch nicht. Zutreffend ist hingegen, dass wir das Geschäftsmodell verbessern und ausweiten müssen.

Wie?
Der Onlinekanal allein reicht nicht für die Bewirtschaftung des chinesischen Marktes. Das ist eine zentrale Erkenntnis. Darum werden wir nun unter dem Namen Orange Garten punktuell auch physische Geschäfte eröffnen. Denkbar sind Shop-in-Shop-Konzepte oder kleinere Läden in Shopping Malls.

Führt 14'000 Angestellte: Walter Huber. Bild: Michele Liminia

Eigene Läden in China – wollten Sie das nicht vermeiden?
Wir gehen diesen Weg nicht wahnsinnig gern, denn Läden kosten Geld. Aber wenn wir die Geschäfte beschleunigen wollen, macht der Schritt Sinn. Parallel dazu sind wir daran, das Onlinekaufverhalten der Chinesen noch besser zu verstehen.

Wie ticken denn die Chinesen?
In China wird hauptsächlich an speziellen Verkaufstagen wie dem Muttertag oder dem Single’s Day im grossen Stil eingekauft. Wir lernen, welche Produkte und Aktionen an solchen Tagen gefragt sind. Die Chinesen wollen vor allem gute Deals machen.

Finanziert die Migros diese Läden allein oder mit Partnern?
Wir stecken mitten in den Diskussionen darüber. Ich stelle mir aber vor, dass wir einen Teil des Online-Budgets künftig in den sta­tionären Handel investieren.

Welche Migros-Produkte laufen gut auf der Plattform?
Alles, was mit Gesundheit zu tun hat. Ein Renner sind zum Beispiel unsere Blévita-Crackers und abgepackte Nüsse von Sun Queen, weil diese gentechfrei sind. Weiter sind Babyprodukte sehr gefragt. Mineralwasser läuft weniger gut. Und unsere Schokoladeprodukte lassen sich wegen der Kühlkette online nur in der kühleren Jahreszeit vermarkten. Sonst schmilzt die Schokolade beim Transport.

Im Zug der Eurokrise hat die M-Industrie einen Mibelle-Produktionsbetrieb in Grossbritannien aufgebaut. Auch in den USA wird produziert. Verlagern Sie die Produktion weiter ins Ausland?
Nein, das ist nicht unsere Strategie. Wir können heute sogar wieder mehr in der Schweiz produzieren als noch vor ein paar Jahren. Das hat mit den Möglichkeiten von Industrie 4.0 zu tun, die es erlaubt, durch neue Technologien und optimierte Prozesse zu wettbewerbsfähigen Kosten zu produzieren.

«Wir sind sehr zufrieden mit Robbie Williams. Er hat Café Royal gestärkt. Er ist ein super Typ.»

Die Migros hat ein Sparprogramm inklusive Stellenabbau angekündigt. Welchen Beitrag muss die M-Industrie liefern, um die Kosten zu drücken?
Natürlich müssen auch wir sparen. Einen starken Hebel sehen wir beim Bereinigen unseres Produktportfolios. Wir produzieren zurzeit 20'000 verschiedene Artikel. Nun überprüfen wir, bei welchen es sich noch lohnt, sie zu produzieren, und ob diese Artikel auch wirklich zu unserer Sortimentskompetenz gehören. Bei den Beau­ty­produkten könnte es auf eine Spezialisierung – zum Beispiel auf Haut- und Haarprodukte – hinauslaufen. Diese Beurteilung werden wir in allen Migros-Industriebetrieben machen.

Meine bevorzugte Bodylotion oder meine Lieblingsschoggi gibt es also vielleicht bald nicht mehr in der Migros?
Das wollen wir nicht hoffen. Aber einige Produkte werden schon aus dem Sortiment fallen, weil die Profitabilität für uns nicht stimmt oder die Nachfrage zu gering ist.

Wird die M-Industrie auch Personal abbauen müssen?
Ich kann nicht garantieren, dass es zu keinem Abbau kommen wird. Aber bis jetzt ist es uns stets gelungen, dass wir den Mitarbeiterbestand aufgrund unseres Wachstums im Ausland halten oder leicht ausbauen konnten. Unsere Führungsteams werden alles daran setzen, dass dies so bleibt.

In der Migros-Zentrale wurden gewisse Stabsstellen aufgebläht. Hat die M-Industrie auch Fett angesetzt?
Nein. Der M-Industrie hat sicher geholfen, dass wir immer deminternationalen Wettbewerb ausgesetzt waren und verschiedene Druckwellen durchstehen mussten – unter anderem die Frankenstärke. Ich behaupte, wir hätten es uns gar nicht leisten können, ex­treme Kostenblöcke aufzubauen.

Die Migros-Industrie wächst faktisch nur noch im Ausland. Der Umsatzanteil ausserhalb der Schweiz beträgt aber erst knapp 14 Prozent. Wie hoch soll er in fünf Jahren sein?
Das ist so. Wir sind während der letzten Jahre stark im Ausland gewachsen und haben unsere Posi­tion im Inland gehalten. Wegen unserer schon starken Schweizer Position wird das Wachstum auch künftig vor allem aus dem Ausland kommen. Ich möchte mich zum Auslandsanteil nicht festlegen. Er wird aber deutlich höher sein.

Welche Ambitionen hat die Migros-Industrie in den USA?
Dort liegt der Fokus klar auf Chocolat Frey. Wir verkaufen unsere Produkte dort angepasst an den amerikanischen Geschmack.

Wie lange läuft der Vertrag mit Sänger Robbie Williams, Ihrem Aushängeschild für Café Royal in Europa, noch?
Wir haben mit Robbie zu diesem Punkt Vertraulichkeit vereinbart. Wir sind sehr zufrieden mit ihm, speziell mit seinen Aktivitäten in den sozialen Medien. Er hat unsere Marke Café Royal gestärkt. Ich habe ihn schon einige Male getroffen, er ist ein super Typ.

Robbie Williams wird also nicht weggespart?
Solange er in unsere Kommunikationsstrategie passt, nein. Seine Café-Royal-Gage ist erfolgsabhängig. Er verdient an den verkauften Kapseln. Das ist für uns ein guter Deal.

Erstellt: 19.08.2018, 17:14 Uhr

Mister Industrie

Walter Huber, 61, führt die Migros-Industrie seit zehn Jahren und ist Mitglied der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes. Früher stand der Maschinenbauingenieur dem Luzerner Milchkonzern Emmi vor. Die Migros-Industrie erzielt einen Umsatz von 6,5 Milliarden Franken und beschäftigt mehr als 14'000 Mitarbeitende. Zu den 25 Unternehmen in Hubers Departement gehören unter anderem Chocolat Frey (Schokolade), Jowa (Backwaren), Mibelle (Kosmetik), Micarna (Fleisch), Aproz (Mineralwasser) und Delica (Kaffee).

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