Wo Bahn und Bus das Flugzeug schlagen

Unsere Analyse zeigt: Die Hälfte ihrer Lieblings-Reiseziele erreichen Schweizer und Schweizerinnen schneller mit Zug und Bus als im Flieger.

Sie sparen CO2 und Zeit: ICE, Giruno, und der TGV-Doppelstockzug im HB Zürich bei der Präsentation der neuen Flotte für den internationalen Personenverkehr.  Foto: Keystone (Walter Bieri)

Sie sparen CO2 und Zeit: ICE, Giruno, und der TGV-Doppelstockzug im HB Zürich bei der Präsentation der neuen Flotte für den internationalen Personenverkehr. Foto: Keystone (Walter Bieri)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Flygskam ist inzwischen das wohl bekannteste schwedische Wort neben Heja und Köttbullar. Aus dem skandinavischen Land kommt die Flugscham-Bewegung, die Fliegen als etwas Unmoralisches bezeichnet. Und schon bald könnte ein anderes schwedisches Wort hierzulande ebenso allgemein bekannt werden: tågskryt. Das heisst übersetzt so viel wie Zugstolz. Natürlich gibt es bereits den entsprechenden Hashtag.

Nicht nur in Schweden sind Zugreisen als Alternative zu Flügen plötzlich wieder en vogue. Fast ein Viertel der vom Transportmittel-Vergleichsportal Omio befragten Nutzer hat in den letzten zwölf Monaten bei Reisebuchungen den Einfluss auf die Umwelt bedacht.

Doch bedenken bedeutet noch lange nicht, dass die Reisenden ihre Absicht umsetzen. Denn Fakt ist ebenfalls: Die Passagierzahlen der Fluggesellschaften nehmen nicht ab, auch nicht auf innereuropäischen Strecken, die mit dem Zug zurückgelegt werden könnten. Ein Argument der Reisenden, warum sie sich oft doch für den Flug entscheiden, ist die gesparte Zeit. Fast die Hälfte (49 Prozent) der von Omio Befragten erklärte sich bereit, auf den Zug umzusteigen, wenn dieser schneller ist als das Flugzeug. Und das ist vielleicht sogar öfter der Fall, als man denkt: Berechnet man die Anfahrt zum Flughafen, die Reise nach der Landung ins Stadtzentrum und die Check-in-Dauer mit ein, kommt zu einer kurzen Flugzeit schnell einiges hinzu.

Nach Paris ist der Zug immer die bessere Alternative

Omio hat für die SonntagsZeitung die beliebtesten europäischen Reiseziele ab der Schweiz analysiert. Grundlage waren die Anfragen der Nutzer, die auf dem Portal im Sommer 2019 buchten. Das Ergebnis: Von den zwölf beliebtesten Destinationen sind sechs schneller mit dem Zug oder dem Bus zu erreichen als mit dem Flugzeug.

Rund eine Stunde schneller als mit dem Flugzeug gelangt man zum Beispiel mit dem Zug ab Basel und Genf nach Paris. Auch ab Zürich lohnt sich die Fahrt mit dem Zug in die französische Hauptstadt – auch wenn da die Zeitersparnis nur neun Minuten beträgt. Aber: Man hat 86 Kilogramm CO2 gegenüber dem Flug eingespart. Eine Zugfahrt verursacht 17 Kilo, ein Flug 103 Kilo.

In einem Fall – auf der Strecke von Zürich nach München – ist nicht der Zug, sondern der Bus die schnellste Alternative. Für die 242 Kilometer braucht man mit dem Bus 223, mit dem Flieger229 Minuten. Gerade auf dieser Strecke wird schon lange bemängelt, dass die Zugverbindungen mangelhaft sind. Man braucht mindestens 285 Minuten auf der Schiene.

Omio hat jeweils den Hauptbahnhof als Ausgangspunkt für die Reise genommen – und ab da die laut Google Maps schnellste Verbindung mit dem öffentlichen Verkehr. Hinzu kommen Zeiten für den Weg zwischen Gate und Bahnhof beziehungsweise Busbahnhof sowie für das Check-in.

Dass schnelle Bahnverbindungen für Reisende attraktiv und für Fluggesellschaften eine grosse Konkurrenz sind, zeigen die Beispiele von Frankreich und Spanien. Im westlichen Nachbarland haben die Schnellzüge seit der Einführung des TGV der Fluglinie Air France zunehmend Marktanteile abgegraben. Je nach Länge der Strecke liegt der Marktanteil des TGV auf Inlandstrecken zwischen 45 und 86 Prozent. Das zeigt die europaweite Rangliste von Omio. Auf vielen Strecken wie von Paris nach London, Lyon, Marseille oder Rennes ist der Zug deutlich mehr als eine Stunde schneller – nach London sogar mehr als zwei.

In Spanien punkten die Schnellzüge durch Pünktlichkeit und Komfort. Flug und Zug liegen bei der Anzahl der transportierten Passagiere seit Jahren ungefähr gleichauf. Der Zeitvorteil ist auch hier oft gross. Auf der Strecke Madrid–Valencia etwa braucht der Zug 98 Minuten, mit dem Flugzeug dauert die Reise 206 Minuten. Zwischen Madrid und Barcelona sieht die Zeitersparnis ähnlich aus.

Fluggesellschaften erkennen, dass der Zug eine ernsthafte Alternative wird – und sehen die Lösung im Zusammenschluss. Die Swiss hat zwischen Basel und ­Zürich sowie Lugano und Zürich den «Flugzug» im Angebot – Passagiere reisen statt wie bisher mit dem Flieger neu mit der Bahn. Die Airline arbeitet daran, das Angebot gemeinsam mit den SBB ­auszuweiten.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 21.12.2019, 19:55 Uhr

Artikel zum Thema

Die 10 grössten Klima-Irrtümer

Soll man den alten Kühlschrank ersetzen? Ist Plastik des Teufels? Lässt sich mit Bio die Welt retten? Umweltmythen im Check. Mehr...

Was am CO2-Versprechen von Easyjet dran ist

Billigflieger positionieren sich als die grünen Vorreiter. Doch kann man deshalb mit gutem Gewissen mit ihnen fliegen? Mehr...

Vom Wunsch, klimaneutral zu fliegen

Der CO2-Ausstoss des Flugverkehrs steigt trotz besserer Technik. Die Hoffnung liegt in synthetischen Treibstoffen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...