Das sind die Pestizidhöllen der Schweiz

Erstmals zeigen Zahlen des Bundesamtes für Umwelt, wo Pestizidwerte 27-mal höher sind, als sie sein dürften.

Gewisse Pflanzenschutzmittel können grossen Schaden anrichten, wenn sie ins Grundwasser geraten. Ein Landwirt trägt Pestizid aus. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Gewisse Pflanzenschutzmittel können grossen Schaden anrichten, wenn sie ins Grundwasser geraten. Ein Landwirt trägt Pestizid aus. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Bundesamt für Umwelt liess in 31 Gemeinden zwischen Genf und Bodensee die Konzentration von Chlorothalonil-Rückständen im Grund­wasser messen. An 20 Standorten lagen die Messwerte eines Chlorothalonil-Abbauproduktes über dem seit Januar geltenden Grenzwert, zum Teil massiv. Doch das Bundesamt hielt die Daten zu den einzelnen Messstellen bis jetzt unter Verschluss. Mehrere Anfragen im Dezember und im Januar wimmelte die Umweltbehörde ab. Die Bevölkerung sollte nicht erfahren, in welchen Gemeinden die Grenzwerte um wie viel überschritten werden.

Erst auf Druck eines Gesuches gemäss Öffentlichkeitsrecht gibt das Amt die Daten nun frei. Das Amt betont, dass es sich um Grundwasser- und nicht um Trinkwassermessungen handelt. Zudem werde das Wasser aus mehreren Quellen oft gemischt. So könnten zu hohe Pestizidwerte einer Quelle manchmal korrigiert werden. In aller Regel ist das Grundwasser aber Basis für das Trinkwasser.

In Fischbach weiss man nichts von hohen Pestizidwerten

Die Daten führen Brisantes zutage. Erstens erstrecken sich die verseuchten Gebiete über das gesamte Mittelland. Zweitens wurden Gemeinden ungenügend informiert. So zeigt die Tabelle der Bundesbehörden, dass die Werte des Chlorothalonil-Rückstandes R471811 in der Luzerner Gemeinde Fischbach den Grenzwert um das 12-Fache überschreitet. Die Messungen stammen aus dem Jahr 2017, ausgewertet wurden sie letztes Jahr durch das Wasserforschungsinstitut ­Eawag. Die Forscher hielten in ihrer Analyse fest, dass die Messwerte dieses Stoffes besonders besorgniserregend seien, weil er sich nur langsam abbaue und seine Gesundheitsgefährdung kaum erforscht sei.

Die verheerenden Messwerte des Umweltamtes sind aber nie bis zu den Gemeindebehörden von Fischbach gelangt. Der für das Trinkwasser zuständige Gemeinderat Ivo Häfliger sagt: «Dass das Bundesamt für Umwelt in unserer Gemeinde so hohe Konzentrationen von Chlorothalonil-Abbauprodukten gemessen hat, erstaunt mich sehr.» Und: «Ich bin überrascht, dass der Bund uns das nicht mitgeteilt hat.»

In Fischbach ist man bis jetzt immer davon ausgegangen, dass das Trinkwasser tadellos ist: «Wir hatten bis jetzt nie Probleme mit Pestizidrückständen im Wasser», sagt Häfliger. Die Konzentrationen seien unter den Grenzwerten gelegen. Bei einer Messung im Juli letzten Jahres sei auch die Chlorothalonilkonzentration unter dem erlaubten Grenzwert gewesen.

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch zu den Messungen des Bundes. Denn für das von den Bundesbehörden gemessene Chlorothalonil-Abbauprodukt R471811 gab es im Juli letzten Jahres noch keinen Grenzwert, deshalb wurde er auch nicht beanstandet.

Ebenfalls nicht informiert wurde die Gemeinde Vully-les-Lacs VD zwischen dem Neuenburger und dem Murtensee. Dabei liegt in dieser Gemeinde mit der Grundwasserfassung Montmagny die Chlorothalonil-Hölle der Schweiz. Die Forscher der Eawag haben dort eine Konzentration des Schadstoffes gemessen, der den erlaubten Grenzwert um das 27-Fache übersteigt. «Wir haben nie etwas von einer solchen Messung gehört», sagt auch Blaise Clerc, Gemeindepräsident von Vully-les-Lacs, auf Anfrage.

Immerhin hat man in dieser Gemeinde Glück im Unglück. Vor einigen Jahren mussten die Gemeindebehörden die Quelle von Montmagny wegen anderer Schadstoffe bereits stilllegen. Danach hat die Gemeinde Vully-les-Lacs die Wasserversorgung umgebaut und bezieht jetzt ihr Trinkwasser gänzlich aus dem Neuenburgersee.

«Die Leute haben ein Recht, informiert zu werden»

Zu den am stärksten belasteten Ortschaften zählt die Zürcher Gemeinde Trüllikon. Die Konzentration des Chlorothalonil-Abbauprodukts R471811 übersteigt dort den neu geltenden Grenzwert um das 18-Fache. Die Trüllikoner erfuhren bereits letztes Jahr, dass ihre Gemeinde ein Pestizidproblem hat. Wegen eines anderen Stoffes mussten sie deshalb im September eine ihrer drei Quellen schliessen.

Doch nun kommt es noch schlimmer für Trüllikon: Weil nun auch für das Chlorothalonil-Abbauprodukt R471811 ein tiefer Grenzwert gilt, «können wir die Quelle wohl sehr lange nicht mehr brauchen», sagt der zuständige Gemeinderat Manuel Frei. Die Überschreitung sei so gross, dass «es sich nicht lohnt, das kontaminierte Wasser mit sauberem Wasser aus anderen Quellen zu mischen», sagt Frei. Immerhin war Frei informiert über die Messwerte des Bundes.

Das Chlorothalonil-Abbauprodukt R471811 hält derzeit Gemeindebehörden und Trinkwasserversorgungen in der ganzen Schweiz auf Trab. Im Dezember hat der Bund Chlorothalonil als Pestizid verboten. Durch das Verbot wurden automatisch alle Abbauprodukte, die sogenannten Metaboliten des Pestizids, einem tiefen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser unterstellt. Betroffene Gemeinden müssen dafür sorgen, dass sie innert nützlicher Frist sauberes Wasser liefern können.

Allerdings weiss man in vielen Gemeinden noch gar nicht, ob das Wasser zu viel von dem Chlorothalonil-Abbauprodukt enthält. Deshalb führen Gemeinden und Kantone nun unter Zeitdruck Messungen durch. Diese Woche hat die «Berner Zeitung» publik gemacht, dass mittlerweile bereits bei 36 Berner Gemeinden feststeht, dass der neu geltende Grenzwert überschritten wird.

Nicht nur die Bundesbehörden tun sich schwer mit der Veröffentlichung von Daten zur Wasserqualität. Auch viele Kantonsbehörden würden die schlechten Nachrichten lieber unter Verschluss halten. Die Berner Behörden haben die Informationen zu ihrer Wasserqualität auch erst auf Druck der Journalisten freigegeben.

Immer noch keine Auskunft erteilen wollen die Aargauer Behörden. Das ruft Kritiker aus den Gemeinden auf den Plan. So sagt Hanspeter Flückiger, Gemeindeammann in einem anderen Fischbach, jenem im Kanton Aargau: «Die Behörden des Kantons Aargau halten die Informationen zu den Pestizidkonzentrationen unter Verschluss.» Das sei unverantwortlich. «Die Leute haben ein Recht, informiert zu werden, ob ihr Wasser gesundheitsschädlich ist oder nicht», sagt Flückiger.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 09.02.2020, 08:46 Uhr

Artikel zum Thema

Bauernpräsident will einen Deal mit den Grünen

Interview Markus Ritter denkt an eine überraschende Agrar-Allianz und verteidigt die umstrittenen Mittel der Agrochemie und Masthallen, obwohl er Biobauer ist. Mehr...

Nulltoleranz für Pestizide im Trinkwasser? «Keine Hektik»!

Ein unveröffentlichtes Schreiben zeigt, wie der Bund das «wahrscheinlich krebserregende» Chlorothalonil in den Griff kriegen will – mit «verhältnismässigen» Massnahmen. Mehr...

Schweiz verbietet Chlorothalonil per sofort

Weil es das Trinkwasser gefährden könnte, darf das Pflanzenschutzmittel nicht mehr eingesetzt werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...