Wo Kunst aufhört und Leben beginnt

Wir wissen wenig darüber, was in den Köpfen unserer Mitarbeiter vorgeht.

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In meinem neuen Stück «Der Genter Altar» treten neben Schafen, Kindern, der Mutter eines Jihadisten und einem Metzger auch nackte Schauspielerinnen und Schauspieler auf. Denn die Hauptfiguren des Altars sind die vielleicht berühmtesten Nacktmodelle der europäischen Kunstgeschichte: Adam und Eva scheinen aus dem Van Eycker Altarbild von 1432 hervorzutreten, so realistisch sind sie gemalt. Nun leben wir bekanntlich in einer sensiblen Zeit, was Nacktheit angeht. Als erste Probenfotos erschienen und wir zur Spielzeiteröffnung des Genter Theaters die Stadt mit Nacktmodellen in Eva- und Adamsposen plakatieren liessen, machte ich mich auf eine Debatte gefasst. Aber niemand fragte sich, ob die Darsteller wirklich wussten, was es heisst, vielleicht noch jahrelang nackt im Internet und im Fernsehen zu zirkulieren. Was eine durchaus gerechtfertigte Kritik gewesen wäre.

Dabei wird in Belgien gerade ein neues Kapitel von #MeToo geschrieben. Vor einer Woche wurde der Antwerper Starchoreograf Jan Fabre in einem offenen Brief des Psychoterrors und Missbrauchs angeklagt. Ich kenne Fabre ein wenig, seine ehemalige Tourmanagerin arbeitet zum Beispiel für mich. Was genau vorgefallen ist, weiss ich nicht. Die Begebenheiten liegen, wie meist bei #MeToo, Jahre, manchmal Jahrzehnte zurück. Was mich auf eine beunruhigende Idee bringt: Warum sollten die Modelle unserer Plakatkampagne nicht in fünf oder zehn Jahren der Meinung sein, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist? Dass, wenn auch ironisch, von meinem Team Psycho-Druck angewendet wurde.

Nun bin ich natürlich der Meinung, dass meine Proben ein absolut herrschaftsfreier Raum sind: freier, unbeschwerter als irgendein anderer Ort. Aber denkt das nicht jede Regisseurin, jeder Regisseur? Hat sich nicht Jan Fabre selbst, der aktuell als Unhold durch die Medien getrieben wird, vor nicht einmal einem Jahr schockiert über die Missbrauchsenthüllungen in der Kunstszene gezeigt? Und hat er das nicht, nun ja, ehrlich gemeint – nach fast 40 Berufsjahren und als Angehöriger einer Generation von belgischen Künstlern, für die Grenzüberschreitung und künstlerische Partnerschaft eins sind?

Natürlich will ich die Realität von Machtmissbrauch im Kunstsektor nicht kleinreden. Aber als ich gestern von einer belgischen Zeitung zum Fall Fabre befragt wurde, wurde mir auf einmal klar, wie wenig wir eigentlich wirklich darüber wissen, was in den Köpfen unserer Mitarbeiter vorgeht. Welcher Witz sie verletzt, welche extreme Idee dann eben doch nicht ihre, sondern ein Regieeinfall war. Wo die Kunst aufhört und das Leben beginnt. Sicher ist nur Folgendes: Wenn meine und auch Jan Fabres Stücke längst vergessen sein werden, dann werden Adam und Eva noch immer vom Genter Altar zu uns herabschauen. Unsterblich und geheimnisvoll, gerade in ihrer nackten Zerbrechlichkeit.

Erstellt: 22.09.2018, 23:18 Uhr

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