Wo sich die «Grillini» treffen

Die Bewegung Cinque Stelle um Beppe Grillo formierte sich auf der Plattform Meetup, wie eine neue Analyse zeigt.

Zuerst traf sich die 5-S tern-­Bewegung im Netz, heute auch auf der Strasse, wie hier in Rom. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir schwimmen im Datenmeer – wohl denen, die gelernt haben, darin zu fischen. Nicht nur Unternehmerinnen, Journalisten oder Investoren veredeln so ihre Arbeit. Auch Sozialwissenschaftler machen sich zunehmend für ihre Forschungen auf die Suche nach Perlen in den Meerestiefen – indem sie im Internet Daten sammeln.

«Soziologen mussten schon immer trickreich sein, um an Daten zu gelangen, die politisches und soziales Verhalten erklären», sagt die Politikwissenschaftlerin Reini Schrama im Videogespräch. Sie hat an der ETH doktoriert und forscht jetzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität in Kopenhagen. Obwohl menschliches Verhalten uns ständig umgebe, sei es schwierig und oft kostspielig, Daten zu erheben, die diese Phänomene akkurat erklären. Schrama hat sich deshalb etwas ein­fallen lassen: Sie hat die Freizeit-Website Meetup.com nach Daten abgegrast. Dabei konnte sie zeigen, dass die soziale Plattform ein wesentlicher Treiber des Erfolgs der italienischen Protestbewegung Movimento Cinque Stelle (M5S) war. Der Reihe nach:

Die Plattform Meetup.com wurde Anfang der Nullerjahre in den USA gestartet, um persönliche Treffen zwischen Menschen mit denselben Interessen zu ermöglichen. Man findet sich dort, um analog zu joggen, kochen oder programmieren. Es gibt auch Meet-ups zu allgemeineren Themen wie Umwelt, Feminismus oder lokale Politik. Heute zählt die Plattform weltweit fast 40 Millionen Mitglieder und 320'000 Gruppen. «Als ich von einer Plattform hörte, auf der Leute weltweit andere für politische und soziale Aktivitäten mobilisieren, hat mich das als Sozialwissenschaftlerin natürlich interessiert», sagt Schrama. «Diese Daten musste ich haben.»

Vor allem Umwelt und Bebbe Grillo

Doch statt auf der Website Gruppe um Gruppe aufzurufen und Infos über deren Themen und Mitgliederlisten zu sammeln, hat Schrama ein kleines Programm geschrieben, das genau das tut – aber automatisiert und viel schneller; «Web scraping» heisst das im Fachjargon. Dann begann sie mit den Daten «zu spielen», sie zu befragen und zu analysieren.

Sofort fiel ihr auf, dass es in Italien überproportional viele Gruppen gibt. Sie visualisierte die Daten auf einer interaktiven Karte, die dann eindrücklich vor Augen führte: Die ersten Treffen in Europa wurden im Jahr 2005 in Norditalien anberaumt und breiteten sich dann explosionsartig im ganzen Stiefel aus, später im restlichen Europa. Was hatte es damit auf sich? Warum in Italien? Schrama wollte es genauer wissen, ging mit einer Textanalyse tiefer und fand, dass sich die Nutzer vor allem für die Themen «Umwelt» und «Beppe Grillo» engagierten.

Erste Meet-ups wurden in Italien im Jahr 2005 anberaumt

Die «Grillini» organisierten sich laut Schrama bereits 2005 über Meetup, also vier Jahre vor der Parteigründung, damals unter dem Namen «Amici di Beppe Grillo». Erst im Jahr 2013 seien erste offizielle Movimento-Cinque-Stelle-Gruppen aufgetaucht, und es wurden nie viele: «Daraus lässt sich schliessen, dass Grillo stets populärer war als seine Partei.»

Das alles passt. Tatsächlich spielte Meetup für die Protestbewegung um den Komödianten Beppe Grillo eine wichtige Rolle. Seit seinen politischen Anfängen im Jahr 2005 setzte Grillo auf das Internet. Die junge Infrastruktur sollte ihm helfen, Italien aus den Fängen der Korruption zu befreien, die etablierten Parteien zum Verschwinden zu bringen und das Regieren zu einer Sache von Leuten wie du und ich zu machen. Er startete damals seinen Blog Beppe­grillo.it und rief dort seine Anhänger explizit dazu auf, sich über Meetup zu lokalen Gruppen zusammenzuschliessen.

Daraufhin passierte, was zuvor in Italien noch nie geschehen war: Tausende von Bürgern gingen auf die Strasse und begannen sich einzumischen. Plötzlich wurde Grassroots-Politik gemacht, Politik von unten. Tatsächlich sitzen heute Coiffeusen und Taxifahrer als Abgeordnete in Brüssel. M5S ist eine richtige Internetpartei geworden, eine der erfolgreichsten in Europa.

Schrama ging tiefer in die Daten und analysierte, zu welchen Themen M5S Gruppen bildete und Leute mobilisierte. Es waren Umwelt, alternative Energie, gefolgt von Politik und Lokalpolitik. «Obwohl diese Interessen in scharfem Kontrast zu dem stehen, was die Bewegung jetzt, da sie in der Regierung ist, tatsächlich umsetzt, scheinen sie der Beschreibung der M5S-Wähler als politisch aktiv und gegen das Establishment zu entsprechen», so Schrama.

Auch in der Schweiz gibt es aktuell fast 2000 Nutzer, die Meet­up.com für soziale und politische Bewegungen einsetzen, darunter Anhänger von Beppe Grillo. Man trifft sich regelmässig, isst zusammen und politisiert, erzählt der 72-jährige Leonello Zaquini. Der weissbärtige Grillino der ersten Stunde lebt seit 20 Jahren in Le Locle und lehrt an einer Fachhochschule, wie man präzise Uhren baut. Im Movimento hat er sich einen Namen gemacht mit einem Büchlein, das den Amici erklärt, wie die direkte Demokratie in der Schweiz funktioniert.

Tatsächlich eigne sich Meetup wie keine andere Plattform für eine Politik von unten, sagt er im Videochat aus seiner Küche: «Wir konnten damit zum Beispiel gemeinsam Texte schreiben, bis wir eine Version hatten, die allen passte.» Umso mehr bedauert er, dass die Zahl der M5S-Gruppen dramatisch zurückgeht. Und viele Mitglieder auf Facebook ausweichen. Denn: «M5S ist nicht nur eine Internetpartei. Sie wurde auf Meet­up geboren.»

Das Potenzial von Meetup.com hat vor Beppe Grillo übrigens schon der US-Präsidentschaftskandidat Howard Dean im Jahr 2004 erkannt. Seither haben sich in den USA Politiker jeder Couleur, von den Demokraten bis zur rechtskonservativen Tea Party, das soziale Netzwerk politisch zunutze gemacht.

Aber ist es legal, Daten von einer Internetplattform abzusaugen? Ja, sagt die gebürtige Holländerin. Sie habe lediglich automatisiert gemacht, was alle registrierten Nutzer auch von Hand machen könnten, sagt sie. Zudem habe sie die sogenannte API (Application Programming Interface) verwendet, die Schnittstelle, die der Website-Entwickler extra zu diesem Zweck Dritten zu Verfügung stellt. Die Personendaten hat sie zudem anonymisiert.

In drei Monaten Programmieren gelernt

Das alles kann Reini Schrama, weil sie sich in einem dreimonatigen Bootcamp in der Zürcher Programmierschule "Propulsion Academy " erste Codierschritte beigebracht hat: «Dass man selbst datenwissenschaftliche Tools bauen kann, wird in den Sozialwissenschaften immer wichtiger», sagt sie. Neue Datenquellen wie Meetup seien für die Untersuchung sozialer und politischer Bewegungen überaus nützlich und wertvoll. Sie ermöglichen quasi kostenlose Forschung, und die Entstehung von politischen Bewegungen lassen sich so analysieren, bevor sie in den traditionelleren Datenquellen auftauchen.

Der Einsatz solcher Tools bedeutet aber nicht, dass die wichtigsten Regeln der Sozialforschung ignoriert werden dürfen. Schrama: «Sozialwissenschaftler müssen weiterhin sicherstellen, dass die Daten zuverlässig und repräsentativ sind.» Gerade bei Analysen sozialer Netzwerke, wo die Stichprobe ziemlich sicher nicht der tatsächlichen Population entspreche, seien zusätzliche Tests nötig.

Erstellt: 24.11.2018, 18:12 Uhr

Artikel zum Thema

«Danke dafür, dass Sie unser Land in den Abgrund führen»

Die EU hat im Schuldenstreit mit Italien den Weg für ein Strafverfahren geebnet. Der Innenminister kontert und erntet Kritik. Und auch Berlusconi meldet sich. Mehr...

Lega-Plan: Tempo 150 auf Italiens Autobahnen

Die Regierungspartei will das Höchsttempo heraufsetzen. «Dann fahren wir 170», heisst es in einer Reaktion. Mehr...

«Dann würde Salvini neuer Regierungschef»

Die EU-Kommission hat beschlossen, ein Strafverfahren gegen Italien einzuleiten. Wie geht es nun weiter im Konflikt um den Haushaltsplan? Die möglichen Szenarien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Das wird teuer, liebe Italiener

Von Kopf bis Fuss 50 und plötzlich Pölsterchen?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...