Wolle ist der neue Pelz

70 Modeunternehmen nehmen Mohair aus dem Sortiment – zu verstörend sind die Bilder aus den Zuchtfarmen.

Nastassja Kinski im Film «Paris, Texas» im legendären pinkfarbenen Mohair-Pullover

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Ende Mai hatte die Nachricht niemanden so richtig interessiert, da stand einem der Sinn nach Sommerkleidern, nicht nach Wollpullovern. Und so blieb der grosse Aufschrei aus, als die «Washington Post» die üblen Videos der Tierschutzorganisation Peta veröffentlichte, die diese in südafrikanischen Mohairziegen-Farmen gedreht hatte. Umso erstaunlicher war die Reaktion von rund 70 Unternehmen, die trotz medialem Desinteresse umgehend verkündeten, Mohairwolle ab 2019 oder spätestens 2020 aus dem Sortiment zu nehmen.

Zu denen, die sich entsprechend geäussert hatten, gehörten bekannte Namen wie Marks & Spencer, Primark, H&M, Gap, Banana Republic, Esprit, Mango, Topshop, Inditex mit Zara, Massimo Dutti und Bershka – allesamt Giganten, allesamt milliardenschwer.

Nur einen Monat später ging ein anderer Gigant noch einen Schritt weiter: Das zweitgrösste britische Onlineunternehmen Asos – Jahresumsatz 1,9 Milliarden Pfund – erklärte, ab 2019 nicht nur auf Mohair, sondern auch auf Kaschmir, Seide, Federn, Perlen und Daunen zu verzichten. Die Begründung klang so schlicht wie verblüffend: «Wir halten es für inakzeptabel, dass Tiere im Namen der Mode oder im Namen der Kosmetik leiden müssen.»

«Wer sicher sein will, kein Qualprodukt zu tragen, verzichtet ganz auf Merinowolle.»Christine Künzli, Stiftung Tier im Recht

Ethisches Bewusstsein und kritischer Konsum hören nicht mehr beim Pelzboykott auf – da fängt es gerade erst an. Und deshalb ist jetzt die Wolle dran. Die segelte bis anhin unbehelligt kuschelig im Windschatten des offensichtlich unsympathischen Pelzes, wurde wie Leder angepriesen als ökologisch einwandfreies Naturprodukt – dafür muss kein Tier sein Leben lassen, was bitte soll daran verwerflich sein? Ziemlich viel, leider.

Weil die Bilder, die Peta in den südafrikanischen Mohairziegen-Farmen drehte, so verstörend sind wie jene, die man aus Schlacht­höfen kennt, in denen Tiere misshandelt werden. Weil dieser Umgang mit ihnen keine Ausnahme ist. Weil sich die meisten Zuchten (Angorahasen, Mohair- und Kaschmirziegen) in Ländern wie China befinden, wo Tierschutz­gesetze ganz oder nahezu inexistent sind. Weil die Schweiz zwar ein vergleichsweise strenges Tierschutzgesetz hat, aber den Import von Qualprodukten wie lebend gerupfte Daunen oder Mulesing-Merinowolle erlaubt. Weil die Hasen, Schafe und Ziegen in den Farmen meist ohne Narkose enthornt und kastriert werden. Weil sie so häufig geschoren werden, dass sie unter Erfrierungen leiden. Weil sie so gewalttätig geschoren werden, dass daraus schwere Verletzungen resultieren. Weil sämtliche Wollfarmtiere im Schlachthaus enden. Weil sie, genau wie Pelztiere, als reine Ware behandelt werden.

Es ist kaum möglich, die Herkunft von Wolle nachzuvollziehen oder gar mit Bestimmtheit sagen zu können, unter welchen Umständen die Wolle produziert worden ist. Christine Künzli, stellvertretende Geschäftsleiterin der Stiftung Tier im Recht, sagt es kurz und bündig so: «Wer sicher sein will, kein Qualprodukt zu tragen, verzichtet ganz auf Merinowolle.»

H&M hat das schon lange erkannt: Angora zum Beispiel verkaufen die Schweden seit 2013 nicht mehr, Merinowolle, die nicht garantiert Mulesing-frei ist, genauso wenig, und längerfristig wolle man «nur noch Wolle des zertifizierten Gütesiegels ‹Responsible Wool Standard› verwenden». Als einziges Schweizer Unternehmen verkauft Manor schon jetzt Biokaschmir, dessen Label eine anständige Herstellung garantiert.

Als das britische Luxuskaufhaus Selfridges 2005 den Pelz aus dem Sortiment verbannte und Stella McCartney als Designerin und überzeugte Veganerin von Anfang an auf sämtliche tierischen Produkte verzichtete, wurde das Engagement belächelt. Man fand das noch herzig, ein wenig spleenig auch. Heute lacht niemand mehr, vor allem die Konkurrenz nicht. Heute ist es eine Imagefrage, ethisch bewusst einzukaufen, und vor allem die junge Kundschaft fordert ein entsprechendes Angebot ein. Hinzu kommt, dass die sozialen Medien dem Tierschutz Auftrieb verliehen haben – nichts fürchten die Marken so sehr wie einen Shitstorm der Millennials.

Nerz oder Zobel zu tragen, ist wie wenn jemand «Neger» sagt

Sie haben so grosse Angst davor, dass dafür sogar finanzielle Einbussen in Kauf genommen werden. Bei Gucci zum Beispiel machte der Pelz letztes Jahr mit 10 Millionen Euro zwar nur 0,2 Prozent des Gesamtumsatzes aus, trotzdem ist man bereit, fortan auf dieses Geld zu verzichten – die Gefahr, ansonsten als uncool zu gelten, wird offenbar als zu gross erachtet. Und es stimmt ja auch: Pelz ist kein Statussymbol mehr, er steht nicht mehr für Luxus. Er steht vielmehr für die schlimmste Beleidigung, die einem im Zeitalter der Information um die Ohren gehauen werden kann: uninformiert zu sein, und damit dumm, ignorant und peinlich. Nerz oder Zobel zu tragen, wirkt heute in etwa so, wie wenn jemand immer noch «Neger» sagt.

Dennoch: Jahrzehntelang hatten sich die Tierschutzorganisa­tionen bemüht, Kundschaft und Händler zu sensibilisieren, hatten mal mit grauenvollen Bildern, mal mit Supermodels auf das Elend aufmerksam gemacht, es nützte nicht sehr viel. Weshalb jetzt dieser Sinneswandel?

Markus Wild, Professor für Philosophie an der Uni Basel mit Schwerpunktgebiet Tierethik, vermutet darin eine Mischung aus ethischen und finanziellen Gründen: «Vegane Produkte waren letztes Jahr die Produktgruppe mit der höchsten Wachstumsrate überhaupt. Das heisst nicht, dass nun alle Leute Veganer werden. Aber es ist ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass ein neues Bewusstsein vorhanden ist. Das bekommen auch Modehäuser mit. Und sie haben sich offenbar entsprechende Gedanken gemacht.»

Trotzdem staunt auch Philosoph Wild, wie schnell sich da mit einem Mal nun so viel bewegt. In Berkeley und West Hollywood ist der Verkauf von Pelz bereits seit 2013 beziehungsweise 2017 per Dekret verboten, San Francisco und Los Angeles arbeiten entsprechende Gesetze aus; selbst im Land des Kapitalismus scheint die Gewerbefreiheit gegen die neu entdeckte Moral chancenlos. Allein in der vergangenen Woche haben zwei weitere Kaufhäuser der gehobenen ­Klasse bekannt gegeben, ab 2020 auf Pelz zu verzichten: Breuninger in Deutschland und Jelmoli in der Schweiz. Ihnen voran ging der Luxus-Online-Pionier Net-A-Porter, der letztes Jahr bekannt gab, fortan kein Fell mehr anzubieten, Konkurrent Farfetch zog vor kurzem nach.

Jetzt soll auch beim Leder genauer hingeschaut werden

Und die Liste der Designer, die sich offiziell vom Pelz verabschiedet haben, wird immer schneller immer länger: Burberry, Gucci, Versace, Giorgio Armani, Calvin Klein, Ralph Lauren, Tommy Hilfiger, Michael Kors, Vivienne Westwood, Diane von Fürstenberg, Hugo Boss, Tom Ford. Prada erklärte im Branchenblatt «Business of Fashion» verschämt, man verwende noch Pelz, stelle diesen aber nicht mehr im Schaufenster aus, «um die Nachfrage nicht anzuregen».

Nach ähnlich schlechtem Gewissen tönt es bei PKZ und Grieder, die im Unterschied zu Manor (seit 2014 pelzfrei) und Globus (seit 2017 pelzfrei) nicht darauf verzichten: Das Angebot werde sukzessive verkleinert, und selbstverständlich verkaufe man keinen Pelz aus China, heisst es. Dafür bietet PKZ keine Produkte mehr an, die Angorawolle enthalten.

Bei Asos ist man schon wieder einen Schritt weiter. Und kündigte an, nun auch beim Leder genauer hinzusehen. Denn Leder ist nicht nur kein Abfallprodukt der Fleischindustrie, es ist auch kein «Naturprodukt». Es ist ein eigener Wirtschaftszweig, der jährlich eine Milliarde Tiere tötet und für die Herstellung von 100 Kilo Leder 50 Kilo Chemikalien benötigt.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 21. Oktober 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 24.10.2018, 19:59 Uhr

Was stammt von welchem Tier?


  • Angora Vom Angorakaninchen, zu 95 Prozent in China gezüchtet. Sie werden in Einzelkäfigen gehalten, damit sie sich nicht gegenseitig das Fell abfressen, und alle drei Monate zur Schur auf einer Art Streckbank fixiert. Manchmal werden sie nicht geschoren, sondern gerupft.

  • Federn und Daunen Von Enten und Gänsen. Die Tiere bei lebendigem Leib zu rupfen, ist in der Schweiz verboten, der Import von derart hergestellten Produkten nicht. Ein Hinweis sind Etiketten mit dem Vermerk «Kein Lebendrupf».

  • Kaschmir Von der Kaschmirziege, ausschliesslich in China und der Mongolei gezüchtet. Wegen der immer höheren Nachfrage werden die Tiere auch im bitterkalten Winter geschoren. Die gigantisch grossen Herden sorgen zudem für Versteppung und Wasserknappheit.

  • Merino Vom Merinoschaf, hauptsächlich in Australien gezüchtet. 70 Prozent werden dem Mulesing unterzogen: Um zu verhindern, dass sich Parasiten einnisten, werden am Hinterteil ohne Narkose Hautlappen weggeschnitten. Die Prozedur ist so blutig wie schmerzhaft.

  • Mohair Von der Angoraziege (nicht dem Kaninchen!), hauptsächlich aus Zuchten in Südafrika. Die Tiere werden zweimal jährlich geschoren und dabei oft schwer verletzt.

  • Seide Von den Raupen des Seidenspinners, einer Schmetterlingsart. Nach der Verpuppung werden sie in kochendem Wasser getötet – 6000 davon pro Kilo Seide.

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