«Wow, da geht es ja um mich»

Warum Julianne Moore, die coolste Schauspielerin der Welt, ein Remake des chilenischen Films «Gloria» wollte.

«Sie  staucht ihn total zusammen. Das gefällt mir»: Julianne Moore über ihre Gloria.

«Sie staucht ihn total zusammen. Das gefällt mir»: Julianne Moore über ihre Gloria. Bild: Jake Chessum

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«Nein.» Die erste Antwort von Julianne Moore ist kurz und bestimmt. Die Frage drehte sich um die Sexualität der 58-Jährigen, um die es im Film «Gloria Bell» geht. Und darum, ob dieses Thema immer noch ein Tabu im Kino sei. Mit «Nein» gibt Julianne Moore die kürzest mögliche Antwort, aber sie setzt sie mit Effekt, schweigt einfach danach, schaut streng.

Klar, sie ist ebenfalls 58 Jahre alt wie diese Gloria, die sie spielt. Ist sie vielleicht beleidigt, denkt sie ...? Doch jetzt beginnt sie zu lachen, nicht einfach entwaffnend, sondern auch unterstreichend, was mit diesem «Nein» alles mitschwingt. Man möchte es wieder und wieder hören. Also:

Julianne Moore, ist die Sexualität einer Frau in Ihrem Alter immer noch ein Tabu im Kino?
Nein. (Pause. Lachen.)

Warum sieht man es dann so selten?
Weil man vieles, was mit dem wirklichen Leben zu tun hat, selten sieht im Kino. Das merkt man erst, wenn es tatsächlich vorkommt. Manchmal schaue ich mir einen Film an und denke plötzlich, völlig überrascht: Wow, da geht es ja um mich.

Wollen Sie nicht unterhalten werden im Kino?
Natürlich. Ich mag Fantasy. Aber auch die abgefahrensten Dinge müssen etwas mit mir zu tun haben. Kürzlich ist mir eine Bemerkung meiner Mutter wieder in den Sinn gekommen, die mir einst über eine Schauspielerin in einer TV-Soap sagte: «Die ist total unecht.» Ich erwiderte: «Komm schon, Mama, das ist eine Sitcom, was ist da schon echt?» Jetzt weiss ich genau, was sie meinte. Es muss sich trotz aller Künstlichkeit um das echte Leben drehen, also meines.

Echtes Leben – Sie sind doch eine der bekanntesten Schauspielerinnen der Welt?
Nun gut. Aber ich arbeite doch nur ein paar Wochen im Jahr. Sonst führe ich ein ziemlich normales Familienleben in New York mit meinem Mann (dem Regisseur Bart Freundlich) und zwei Kindern. Ich bin privilegiert, das ist mir schon klar. Aber ich muss nicht in einem so schicken Hotel sitzen wie wir jetzt (es ist das Corinthia in London). Und ich muss auch keine Designerkleider tragen (heute ist es eines von Valentino). Es gibt Tage, an denen ich nur über den Haushalt nachdenke.

Und das wollen Sie wirklich auch noch im Kino sehen?
Unbedingt, wenn es gut gemacht ist. Ich kann mich zum Beispiel bestens an eine Szene erinnern, in der eine Frau nur das Frühstück zubereitet, während ihre Schwester zu Besuch ist. Nichts geschieht, nichts ist künstlich überhöht. Aber ich war hin und weg, weil ich das so noch nie gesehen habe. Der Film heisst übrigens «Una mujer fantástica» und ist einer der Gründe, wieso ich mit Sebastián zusammenarbeiten wollte.

Sebastián ist der chilenische Regisseur Sebastián Lelio. Der präsentierte 2013 an der Berlinale seinen Film «Gloria» über eine Frau gegen 60, deren Leben langsam einsam zu werden beginnt: Die Kinder sind weg und gehen nicht mehr immer ans Telefon, der Ex hat eine Neue, und die seltsame nackte Katze ohne Fell, die sich aufdringlich bei ihr einzuschleichen versucht, macht ihr auch keine Freude. Ihre Leidenschaft ist das Tanzen, wo sie tatsächlich einen Mann kennen lernt, der zu ihrem Liebhaber wird. Es gibt kein Happy End mit ihm, aber sie geht gestärkt aus dem Abenteuer, und am Ende gibts den von Umberto Tozzi geschriebenen Hit «Gloria», den alle mitsingen. Der Film wurde zum Arthouse-Erfolg.

Dass jetzt eine zweite Version gedreht wurde – die US-Fassung heisst «Gloria Bell» –, ist eigentlich einem Missverständnis zu verdanken: Julianne Moore wollte Sebastián Lelio unbedingt kennen lernen. Beim Treffen lobte sie die Filme des Chilenen. Irgendwie stand auch dieses US-Remake im Raum, aber Lelio dachte nicht im Traum daran, ein solches zu drehen, und glaubte, auch Moore sei nicht interessiert. Plötzlich aber sagte sie: «Ich mach es, falls du Regie führst.» Und er konnte nicht anders, als spontan zu antworten: «Ich drehe es nur, wenn du mitspielst.» Gesagt, getan.

Julianne Moore, was verbindet Sie mit Gloria?
Wir sind gleich alt, haben beide zwei Kinder. Wir kümmern uns um unsere Freunde. Aber den Film habe ich nicht deswegen gemacht. Sondern weil es mich interessiert, wie sie die Welt sieht.

Was ist besonders daran?
Sie ist extrem verwundbar. Das bin ich auch, trotz meinem Starstatus. Aber sie ist mutiger als ich, sie geht Konflikten nicht aus dem Weg.

Das tun Sie?
Manchmal schon, aus Bequemlichkeit. Sie nicht? Gloria aber stellt sich den Konfrontationen. Es gibt diese Szene, in der sie ihren Lover, der sie mies behandelt hat, wiedersieht in einem Parkhaus. Er macht wieder schöne Worte, ich würde vermutlich schmelzen, ihn mit grossen Augen anschauen und ihm sofort verzeihen. Sie aber staucht ihn total zusammen. Das gefällt mir.

Mit der #MeToo-Bewegung ist die Stimmung auf den Filmsets ganz anders geworden.

Ist es ein feministischer Film?
Wenn die Definition von Feminismus die ist, dass Frauen die gleichen Chancen haben müssen wie Männer, dann ja. Unbedingt.

Haben Frauen in Hollywood die gleichen Chancen?
Nein, aber es wird besser. Es gibt mehr Filme mit Frauen in den Hauptrollen, Superheldinnen, aber auch ganz normale wie Gloria. Davon kann es nicht genug geben. Und etwas hat sich wirklich total verändert mit der #MeToo-Bewegung: Die Stimmung auf den Filmsets ist ganz anders geworden.

Tatsächlich?
Oh ja. Ich hoffe, es ist nicht nur in Hollywood so, sondern auf der ganzen Welt. Aber bei den Dreharbeiten gibt es viel weniger derbe Witze, die früher gang und gäbe waren. Vorher pflegte man fast alles zu akzeptieren, sagte zum Beispiel, «ach komm, das ist ein achtzigjähriger Regisseur, und er ist weltberühmt, lassen wir ihm seine Sprüche». Heute nicht mehr.

Denken Sie an jemanden bestimmten?
Ha!

Klar sagt sie es nicht, aber sie entwaffnet einen mit einem Kopfschütteln, das ihre roten Haare nur so fliegen lässt. Sie muss viel mitbekommen haben, schliesslich ist sie seit Beginn der Neunzigerjahre im Geschäft. Aber einen gewissen Grad an Bodenverbundenheit hat sie sich bewahrt, auch weil es zu Beginn langsam ging mit ihrer Karriere. Zuerst tauchte sie in zahlreichen Nebenrollen auf, einige davon sehr markant wie der unvergessliche Unten-ohne-Auftritt 1993 als Telefonsexarbeiterin in Robert Altmans «Short Cuts». Zu den Nacktauftritten aus dieser Zeit erwähnt sie wieder ihre Mutter, die ihr sagte: «Ich sehe dich lieber nackt als tot.»

Es ist wirklich einfach, Julianne ­Moore zu mögen, wenn sie so erzählt. Sie kann alles spielen, vom Mauerblümchen bis zur Weltherrscherin. Erst mit 38 Jahren ergatterte sie in «The End of the Affair» ihre erste grosse Hauptrolle, liess sich also viel Zeit. Heute, da alles schneller und vergänglicher wird, wirkt sie als Diva wie ein Relikt aus einer guten alten Zeit, als das Kino noch eine feste Grösse war. Und gleichzeitig ist sie, in der Wahl ihrer Rollen, modern und cool, weil sie nur ein Kriterium hat: ihren eigenen Instinkt.

Ist Netflix die ultimative Bedrohung für das Kino?
Nein. Aber mit dem Internet hat sich alles verändert. Es ist eine Umwälzung, wie es die industrielle Revolution auch war. Ähnliches geschah in der Musikindustrie mit den Streamingdiensten. Und mit dem Fernsehen, als die Kabelsender aufkamen. Alles verändert sich. Aber ich glaube immer noch ans bewegte Bild. Und versuche, mich gegen die Beschleunigung zu wehren.

Wie denn?
Vorhin las ich die «New York Times» online. Und ich merkte: Sogar die Schlagzeilen dieser angesehenen Zeitung sind inzwischen extrem hochgetunt, um Klicks zu generieren. Ich sass da, hatte wenig Zeit vor unserem Interview, wollte aber noch schnell das lesen, und noch das und das, klickte wie wild auf meinem Smartphone herum. Bis ich mir sagte: Wow, wow, wow, beruhige dich.

Schaffen Sie das?
Es braucht schon Selbstkontrolle, um sich dem zu entziehen. Nächstes Mal nehme ich, obwohl ich ein politisch interessierter Mensch bin, eher ein Buch hervor. Lesen war meine erste Leidenschaft. Sie brachte mich zur Schauspielerei. Ich wollte nicht spielen. Ich wollte Geschichten erzählen.

Das tut sie mit Bravour und Souveränität. Dazu muss man sich nur die letzte Szene von «Gloria Bell» ansehen. Natürlich ertönt auch hier der Discohit, wie im ersten Film, diesmal in der Version von Laura Branigan. Moore als Gloria erhebt sich, deprimiert, erleichtert, erschöpft, voller Kraft. Alle widersprüchlichen Gefühle drückt sie in diesem Tanz aus, der ganze Film wird noch einmal komprimiert in einer herausragenden Einstellung ohne Schnitt.

Ihre Figur sagt: «Wenn die Welt untergeht, möchte ich, dass sie das tut, wenn ich tanze.» Gilt das auch für Sie?
Mir gefällt auch hier die Konsequenz von Gloria. Sie drückt sich wirklich tanzend aus. Das kann ich nicht. Ich bin keine Tänzerin. Das kann ich nicht.

Kaum zu glauben, nach diesem Film. Sie können wirklich nicht tanzen?
Nein. (Pause. Lachen.)

«Gloria Bell»: ab Donnerstag im Kino.



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Erstellt: 20.04.2019, 16:39 Uhr

Julianne Moore: 6 von über 70 bemerkenswerten Auftritten

Boogie Nights (1997)

Als fürsorgende Mom auf dem Porno-Drehplatz. Höhepunkt: Die Prüfung des Kandidaten Dirk Diggler: Gelassen schaut sie Mark Wahlberg in die Hose, sagt trocken «this is a giant cock» und bleibt auch in den schmutzigsten Szenen sauber.


The Big Lebowski (1998)

Im Kultfilm der Coen-Brüder hat sie einen Gastauftritt als wilde Performance-Künstlerin – und Tochter des grossen Lebowski. Höhepunkt: Aufgehängt an einem Seil schwebt sie durch ihr Atelier und spritzt Farbe aus der Vagina. Da braucht selbst der unerschütterliche Dude Jeff Bridges sofort einen Drink.


Far From Heaven (2002)

Hommage an den Klassiker von Douglas Sirk: Sie spielt eine Vorstadtfrau in den Fünfzigerjahren, die sich ein wenig in den schwarzen Gärtner verliebt. Inszeniert von Todd Haynes und ausgeleuchtet in den schönsten Technicolor-Farben. Höhepunkt: Gegen Ende des Films kommt es zur einzigen Zärtlichkeit zwischen den Liebenden. Er küsst ganz kurz ihre Hand, es ist ergreifender als die schönste Liebesszene – und zugleich ein endgültiger Abschied.


Still Alice (2014)

Dafür gab es den Oscar: Sie spielt eine brillante Uniprofessorin, die an Alzheimer erkrankt. Höhepunkt: Das Ende. Kristen Stewart als Tochter erzählt ihr eine herzergreifende Geschichte, die Kamera zeigt immer wieder das Gesicht der Zuhörenden, schwer zu sagen, ob sie etwas verstanden hat. Die Tochter fragt nach. Und Julianne Moore antwortet mit einem Wort: «Liebe.» Ja, darum gings.


Maps to the Stars (2014)

David Cronenberg präsentiert Hollywood als Irrenhaus, und Julianne Moore als alternde Schauspielerin ist eine der Verrücktesten dort. Höhepunkt: Sie behält ihre Würde selbst dann, wenn sie mit einem Oscar erschlagen wird.


Gloria Bell (2018)

Das Remake gehört Julianne Moore als einsamer Tänzerin Gloria – und ein klein wenig ihrem von John Turturro gespielten Tanzpartner. Höhepunkt: Manchmal könnte man die Männer auf den Mond schiessen. Das tut Gloria gegen Ende, in einer Szene, in der sie sich rächt, ohne wirklich gewalttätig zu sein. Dafür gibts oft spontanen Szenenapplaus.

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