Den Prämienzahlern droht ein grosser Kostenschub

Dieses Jahr steigen die Prämien kaum, doch in den nächsten fünf Jahren kosten Pflege, Ärzten und Medikamente insgesamt fast zehn Milliarden mehr.

Mehrausgaben von einer Milliarde pro Jahr: Neue und teure Medikamente wirken als Kostentreiber. Foto: Keystone

Mehrausgaben von einer Milliarde pro Jahr: Neue und teure Medikamente wirken als Kostentreiber. Foto: Keystone

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Nach einer Verschnaufpause in diesem Jahr werden die Gesundheitskosten bald wieder kräftig ansteigen. In den nächsten fünf Jahren drohen neue Kosten von mehr als zehn Milliarden Franken. Rund die Hälfte davon wird auf die Krankenkassenprämien überwälzt, der Rest kommt auf die Steuerzahler oder die selbst zahlenden Patienten zu. Dies ergeben Berechnungen des Krankenkassenverbandes Santésuisse. Die Grundlage dafür bilden die Daten über die Kostensteigerungen in diesem Jahr, welche im nächsten Jahr auf die Prämien durchschlagen.

Drei Bereiche kosten in den nächsten Jahren zusammen fast zehn Milliarden zusätzlich: die Pflege, die Ärzte und die Arzneimittel. Neue und teure Medi­kamente wie beispielsweise das neue Medikament Kymriah von ­Novartis, bei dem eine Therapie 370'000 Franken kostet, dürften die Kosten um eine Milliarde pro Jahr ansteigen lassen. Santésuisse geht davon aus, dass bis in fünf Jahren dreissig solche Therapien erhältlich sind und sie pro Jahr rund hundertmal eingesetzt werden. Direktorin Verena Nold fordert die Pharmaindustrie deshalb auf, Hand zu bieten für Kompromisse bei den Preisen. Interpharma, der Verband der forschenden Pharmaunternehmen, sagt dazu, man kommentiere die Zahlen nicht, da man deren Quelle nicht kenne. Der Anteil der Medikamentenkosten sei aber in den vergangenen Jahren konstant geblieben, obwohl zum Wohl der Patienten zahlreiche bahnbrechende Therapien auf den Markt gekommen seien.

Streit um Auswirkungen des neuen Ärztetarifs

Der zweite grosse Kostenschub droht mit dem neuen Abrechnungstarif für die Ärzte. Curafutura, der zweite Kassenverband neben Santésuisse, hat zusammen mit der Ärzteverbindung FMH beim Bundesrat einen Vorschlag mit zwei Varianten der Umsetzung eingereicht. Kommt der Vorschlag der Ärzteschaft zum Tragen, rechnet Santésuisse mit Zusatzkosten von 2,5 Milliarden Franken. Diese Schätzung beruht auf einer Simulation mit den Leistungsdaten eines grossen Versicherers.

Von Gesetzes wegen darf der neue Tarif jedoch gar keine Zusatzkosten verursachen. Dies sei auch so, beteuern Curafutura und die FMH. Die Berechnung von Santésuisse entbehre jeder Grundlage, sagt Ralph Kreuzer von Curafutura. «Santésuisse verbreitet falsche Zahlen», sagt auch Urs Stoffel von der FMH. Man habe dem Bundesrat eine Einführung vorgeschlagen, die sicherstelle, dass es nicht zu Mehrkosten komme. Verena Nold findet es ein gutes Zeichen, wenn sich die FMH nun für einen kostenneutralen Tarif ausspreche. «Die FMH müsste den Tarif, den sie beim Bundesrat eingereicht hat, demzufolge zurückziehen», findet sie. Der neue Tarif erlaube es den Ärzten immer noch, Einzelleistungen abzurechnen statt Pauschalen. «Das hat bis jetzt immer zu Kostensteigerungen geführt.»

Die dritte Kostensteigerung in Milliardenhöhe droht bei der Pflege. Einerseits rechnet Santésuisse mit einem Mehrbedarf an Pflegenden von zehn Prozent in den nächsten Jahren. Das wären knapp 19'000 zusätzliche Stellen, was bei einem Lohn von durchschnittlich gut 80'000 Franken zu Mehrkosten von 1,6 Milliarden Franken führen würde.

Hinzu kommen laut Santésuisse Mehrkosten von mehreren Milliarden Franken bis 2030, falls die eingereichte Volksinitiative des Schweizer Berufsverbandes der Pflege (SBK) angenommen würde. Dies, weil sie zu jährlichen Lohnerhöhungen von 1,8 Prozent bis 2030 führen würde. Yvonne Ribi vom SBK findet die Zahlen «an den Haaren herbeigezogen». Der Bedarf an Pflegeleistungen steige wegen der Alterung der Bevölkerung um 65'000 Pflegende. Damit liegen die Schätzungen über die Kosten nahe beieinander.

Mehrausgaben für Besuche bei Psychologen

Zu diesen drei grossen Kostensteigerungen kommen weitere hinzu: Das neue Anordnungsmodell in der Psychiatrie, das Psychologen auch ohne ärztliche Ausbildung das Abrechnen auf Kosten der Krankenversicherung ermöglichen soll, könnte ab 2021 mindestens 100 Millionen Franken kosten. Eine höhere Abgeltung für die Kindermedizin, die politisch gefordert wird, könnte zu 180 Millionen Franken Mehrkosten führen. Die Ausgaben für Laboranalysen und für die Physiotherapie steigen um insgesamt 220 Millionen Franken, weil immer mehr Analysen gemacht und Physiotherapiestunden verschrieben werden.

Bereits beschlossene Tarifanpassungen in der Pflege kosten 83 Millionen Franken pro Jahr. Und der Ausbau des interkulturellen Dolmetschens lässt sich aufgrund einer Studie auf 70 Millionen Franken schätzen. Die Kosten des gesamten Gesundheitswesens sind schon von 2014 bis 2018 um zehn Milliarden Franken gestiegen. Nach einer kurzen Verschnaufpause dürfte es ab nächstem Jahr wieder so weitergehen.

Das Bundesamt für Gesundheit will den drohenden Kostenschub nicht kommentieren. Der Bund habe allerdings durch Preissenkungen bei Medikamenten in den letzten Jahren eine Milliarde und mit Anpassungen der Tarife 500 Millionen eingespart. Zudem habe der Bundesrat neun Massnahmen zur weiteren Dämpfung der Kosten vorgelegt, über die das Parlament beschliessen werde.



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Erstellt: 10.11.2019, 07:31 Uhr

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