Zehn Minuten bis Brülisau

Kolumnist Milo Rau über das Lesen und Klassiker der Literatur.

Mit Schiller, Goethe und Kleist hätte unser Kolumnist gerne einen Abend verbracht. Obwohl Goethe (hier im Bild) Kleist nicht mochte. Foto: PD

Mit Schiller, Goethe und Kleist hätte unser Kolumnist gerne einen Abend verbracht. Obwohl Goethe (hier im Bild) Kleist nicht mochte. Foto: PD

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Kürzlich wurde ich von einer Zeitschrift gefragt, was ich lese, wie viel, wann und so weiter. Ich erzählte also von meiner Liebe zu Pasolini, zu Claude Simon, zu Anne Carson, zu Harold Brodkey, zu Joane Didion und einer ­ganzen Reihe weiterer Autorinnen. Mit wem ich gern einen Abend verbringen würde? Meine Antwort an die Journalistin: mit Goethe, Schiller und Kleist.

Tatsächlich gibt es intellektuell wenig interessantere Kombinationen als die drei Klassiker: Sie widersprechen sich in fast allem, worauf es in der Kunst ankommt. Nur: Wann habe ich zuletzt ein Buch von Goethe oder Schiller in der Hand gehabt? Überhaupt einen Klassiker? Gerade komme ich von einer Wanderung durch den Alpstein zurück. Meine ältere Tochter nimmt im Deutschunterricht das Thema «Balladen» durch. Bei den steilen Abstiegen trug sie mir ab und zu «John Maynard» von Theodor Fontane vor, den Gesang über den heldenhaften Steuermann auf dem amerikanischen Eriesee: «Und noch zehn Minuten bis Buffalo!»

In der Nacht davor hatte ich nicht schlafen können. Da die Wirtsstube verschlossen war, ging ich in den Schuhraum, um zu lesen. Wie in jedem Appenzeller Hotel gibt es drei Bücher mit Sicherheit: ein Witzebuch, ein Bergsteiger-Buch und einen historischen Roman. Also las ich zuerst in einem Buch mit dem Titel «Der alte Mann und der Berg» über die Erst­besteigung des Mount Everest und dann einen in schnörkelloser Sprache verfassten Roman über das Schicksal der «letzten Hexe des Appenzellerlands». Der Titel des Buchs lässt einen feministischen Roman aus den 80ern vermuten, dieses Hexenbuch fokussierte aber ausschliesslich auf die Ingredienzen der Zaubertränke und die Details der Folter. So verging meine Nacht im Schuhraum recht altmodisch zwischen alten Männern und gefolterten Frauen.

Es gibt einen Text, der heisst: «Was die Deutschen lasen, als Goethe, Schiller und Kleist schrieben.» Von Goethes Büchern wurde ausschliesslich der «Werther» zum Bestseller, den er mit 24 schrieb. Alles spätere fand zu seinen Lebzeiten keinen nennenswerten Absatz mehr. Kleist hingegen war schon glücklich, wenn seine Bücher überhaupt gedruckt wurden, er starb komplett unbekannt. Und während Schiller mit der «Maria Stuart» oder dem «Wallenstein» völlig unbemerkt das Historienstück neu erfand, ­lasen die Deutschen pornografische Ritter- und Räuberromane in Millionenauflagen.

In der Literaturwissenschaft gibt es ein ­Konzept: den idealen Leser, der alle Querverweise versteht und sich fantastisch unterhält, wenn es bildungsbürgerliche Zitate hagelt. Das Problem ist nur, dass solche Literatur nicht in Appenzeller Schuhräumen lagert – und an ­keinem der Orte, an denen der schlaflose Wanderer Zeitvertreib sucht. Was man gern ­lesen würde und was man zur Hand hat: zwei Dinge. Appenzell ist eben nicht das klassische Athen. Oder wie meine Tochter auf der ­Wanderung Fontane abwandelte: «Noch zehn Minuten bis Brülisau.»



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Erstellt: 20.10.2019, 00:05 Uhr

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