Zivilstand: Verwitwet

In der Schweiz leben 320'000 Frauen, die ihren Partner verloren haben. Eine von ihnen erklärt, welche Vorkehrungen sich dafür treffen lassen.

Die Witwe ist viel häufiger als der Witwer: Die Gesellschaft geht davon aus, dass Frauen mit dem Verlust irgendwie klarkommen. Foto: Michael Kupferschmidt/Keystone

Die Witwe ist viel häufiger als der Witwer: Die Gesellschaft geht davon aus, dass Frauen mit dem Verlust irgendwie klarkommen. Foto: Michael Kupferschmidt/Keystone

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Es ist nicht so, dass man Witwen nicht mag. Oder gar meidet. Es ist bloss so, dass sie irgendwie nicht reinpassen in eine Gesellschaft, in der man immerzu positiv und dynamisch und selfiefröhlich sein soll. Witwen sind nicht instagram-idyllen-tauglich. Oder wie es Cornelia Kazis sagt: «Sie sind die Verkörperung dessen, was einem Paar im schlimmsten Fall passieren kann, nämlich, dass der eine Partner stirbt.» Witwen sind eine Art Mahnmal.

Cornelia Kazis weiss das, weil sie selbst verwitwet ist. Sie verlor ihren Mann vor etwas mehr als einem Jahr. In ihrem Schmerz suchte sie Rat, wollte verstehen und vor allem wissen, wie man weiterlebt, wenn es einen innerlich fast zerreisst. Sie wurde nicht fündig, da gab es kaum etwas Brauchbares im Angebot. Schicksalsgeschichten ja, aber die halfen nicht, und mit den fünf Trauerphasen der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross konnte sie auch nichts anfangen. Sie setzte sich hin und schrieb in wenigen Monaten das Buch, das sie vergeblich gesucht hatte. Es erschien letzte Woche. «Weiterleben, weitergehen, weiterlieben – Wegweisendes für Witwen» heisst es.

Cornelia Kazis ist 67 und beschäftigte sich als Journalistin bei Radio SRF jahrelang mit gesellschaftlichen Themen, schrieb Artikel und Bücher – nun widmete sie sich zum ersten Mal einem Sujet aus persönlicher Betroffenheit. Wobei sie mit ihrem Schicksal nicht allein ist: In der Schweiz leben 405'000 Verwitwete, 80 Prozent davon sind weiblich. Cornelia Kazis ist also eine von 320'000 – das ist eine ziemlich grosse Stadt voll von Frauen, die etwas vom Schwerwiegendsten überhaupt erlebt haben: den Tod des Partners.

Die Trauer kommt und geht in Wellen: Cornelia Kazis. Foto: PD

Es scheint ein unabänderliches weibliches Schicksal zu sein, irgendwann den Liebsten beerdigen zu müssen. Früher fielen die Männer im Krieg, und die Frauen blieben alleine zurück, sie verloren damit meist ihren Status, waren ohne Mann nichts wert, in Indien so wenig, dass man sie gleich mitsamt dem toten Gatten verbrannte.

Heute ist die Lebenserwartung der Männer mit rund 81 Jahren immer noch geringer – sie holen zwar auf, die Differenz beträgt mittlerweile noch fünf Jahre – und weil sie immer noch in den ­allermeisten Partnerschaften älter sind, ist die Witwe nach wie vor viel häufiger als der Witwer. Und bleibt, aller Emanzipation zum Trotz, auch ein wenig ein Klischee: Es gibt die lustige Witwe, die es bunt treibt. Die sizilianische Witwe, in schwarz gehüllt, gramgebeugt und gottesfürchtig. Und natürlich die Witwe aller Witwen, Jackie Kennedy, glamourös mit Spitzenschleier und Sonnenbrille, für immer definiert durch den toten Gatten, auf ewig «die Witwe von».

Witwenschaft betrifft vornehmlich Frauen. Und alles, was Frauen betrifft, wurde von Männern wenig erforscht.Cornelia Kazis

Vielleicht, weil es schon seit jeher so war, geht die Gesellschaft davon aus, dass Frauen irgendwie klarkommen mit dem Verlust. Dass sie sich ganz selbstverständlich wieder erholen, wie Abertausende vor ihnen. Und deshalb fragt ein paar Monate nach der Beerdigung oft niemand mehr nach, wie es geht, plötzlich so allein.

Auch die Forschung interessiert sich nicht dafür, was angesichts der hohen Anzahl Betroffener verwunderlich ist. Oder gerade nicht. Die emeritierte Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello sagt: «Witwenschaft betrifft vornehmlich Frauen. Und alles, was Frauen betrifft, wurde von Männern wenig erforscht.» Die Forschung ist auch heute noch männerdominiert, ergo interessieren die Witwen kaum.

Wenn sich das Sterben des Gefährten jahrelang hinzieht

Pasqualina Perrig-Chiello ist eine von Kazis’ 13 Interviewpartnerinnen, denn in ihrem Buch erzählt sie nicht nur die Geschichten von sieben Frauen im Alter von 31 bis 77, die ihre Männer auf unterschiedliche Weise verloren haben (was deutlich macht, wie sehr es für den Trauerprozess darauf ankommt, ob man den Geliebten durch den Sekundentod auf der Skipiste oder durch Suizid verliert).

Daneben findet sich, klugerweise gleich in der ersten Hälfte, auch ein analytischer Teil, in dem Wissenschaftlerinnen aus Psychologie, Soziologie und Recht zu Wort kommen. Und zum Beispiel den Unterschied zwischen Trauer und Depression erklären (Trauer ist normal und gesund und tut weh, Depression ist Erstarrung). Wie sich Frauen am besten gegen Armut im Alter wappnen können (nie aus dem Berufsleben aussteigen). Oder weshalb es Witwen nach sechs Jahren deutlich besser geht als Geschiedenen (weil der Tod als Schicksalsschlag empfunden wird, das Scheitern der Beziehung aber als Kränkung). Die beiden Teile, der für den Kopf und der für das Herz, ergänzen sich perfekt.

Sie lernen ihre neue Autonomie zu leben

Und dann sind da ja auch noch die «uneindeutigen Witwen». Die Frauen, die Witwen sind, obschon ihre Männer noch leben. Frauen also, deren Partner dement sind und zusehends in ihre eigene Welt abdriften; die zuerst die Orientierung verlieren, dann nicht mehr selbst das Gemüse schneiden können, irgendwann das Sprechen verlernen. Diesen Frauen kommt der Gefährte auf Augenhöhe abhanden, der Verlust zieht sich quälend lange hin. Oft opfern sie sich auf, 24 Stunden am Tag, jahrelang, haben sie kein Sozialleben mehr, vereinsamen. Und müssen sich Sätze anhören wie: «Er ist ja immerhin noch da.»

Genauso berührend, wenn auch auf eine ganz andere Weise, ist die Schilderung des Autonomieschubs, den viele Frauen nach dem Tod des Mannes erleben; gerade bei der Generation, die heute älter als 65 ist. Sie fühlen sich trotz der Trauer oft befreit – und wissen sehr genau, was sie nicht mehr wollen: mit einem allfällig neuen Partner unter einem Dach leben. Witwen lernen ihre neu gewonnene Autonomie schätzen – ganz im Gegensatz zu Witwern, die sich gerne schnell wieder binden und in einem gemeinsamen Haushalt leben möchten.

Nach dem zweiten Jahr ist das Gröbste überstanden

Cornelia Kazis hatte keinen Autonomieschub. «Wobei», sagt sie, «stimmt nicht ganz» und lacht: Sie fährt nun Velo. Ihrem Mann sei das nie geheuer gewesen, zu gefährlich in der Stadt, zu viel Verkehr. Sie gab nach, wollte nicht, dass er sich sorgt. Heute pedalt sie durch Basel, «selbstverständlich mit Helm». Und es geht ihr soweit gut, jedenfalls heute, am Tag, an dem man danach fragt, denn die Trauer kommt und geht in Wellen. Aber das, was sie in ihrem Buch beschreibt, nämlich, dass es besser wird und zwar bereits nach einem Jahr, nach dem zweiten Jahr noch besser und dass damit das Gröbste überstanden ist, das erlebt sie exakt so. Das tröstet.

Schwierig sind nicht jene Dinge, die sie erwartet hatte: «Das Zurückkehren in die leere Wohnung zum Beispiel hat mich nicht umgehauen, obschon ich mich davor gefürchtet habe.» Viel schlimmer seien die Momente, mit denen man nicht rechne, die einen treffen wie eine Faust, komplett ungeschützt und unvorbereitet: Wenn man gebeten wird, auf einem Formular den Zivilstand anzugeben und da auf einmal verwitwet ankreuzen muss. Wenn ein Brief kommt, adressiert an den Verstorbenen. Wenn sich der Ohrring nicht schliessen lässt und man aus lauter Gewohnheit rufen will: Kannst du mir schnell helfen – und in derselben Sekunde daran erinnert wird, dass da niemand mehr ist, der helfen kann.

Man kann sich nicht auf den Tod des Partners vorbereiten. Deshalb ist Cornelia Kazis’ Buch keine Anleitung fürs Witwendasein. Aber es zeigt auf, dass sich ein paar Vorkehrungen treffen lassen, damit wenigstens der Fallout nicht ganz so heftig ausfällt. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, ist dabei zentral, «Eigenständigkeit das Wichtigste überhaupt», wie sie betont. Dass man sich nicht nur finanziell eine gewisse Unabhängigkeit bewahre, sondern auch ein eigenes Leben habe. Cornelia Kazis zieht die Augenbrauen hoch und fragt: «Wenn man sich stets nur als ‹Wir› verstanden hat und der Partner stirbt: Wer ist man dann? Was bleibt da noch?»

Cornelia Kazis: Weiterleben, weitergehen, weiterlieben – Wegweisendes für Witwen, 312 S., Edition Xanthippe, 2019, ca. 32 Franken



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Erstellt: 21.09.2019, 16:59 Uhr

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