Zu gross für Mama

Immer mehr Frauen entbinden per Kaiserschnitt. Das hat meist keine medizinischen Gründe – die Babys sind schlicht zu gross.

Alles dran: Nach der Geburt werden zur Kontrolle die Zehen gezählt. Fotos: Gaëtan Bally (Keystone)

Alles dran: Nach der Geburt werden zur Kontrolle die Zehen gezählt. Fotos: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wahrscheinlich geht es den Babys neun Monate lang einfach zu gut. Wohlgenährt und bestens versorgt, wachsen sie im Mutterleib heran – und kommt es dann zur Geburt, wird es eng, immer öfter sogar zu eng.

So muss man sich wohl vorstellen, was Eva Zaffarini und Philipp Mitteröcker von den Universitäten Wien und Mailand als Grund dafür vermuten, dass die Rate der Entbindungen per Kaiserschnitt in vielen Ländern seit Jahren ansteigt. Das Wachstum der Frauen und ihres Geburtskanals, wie Gynäkologen die anatomischen Verhältnisse der Knochen und Weichteile im Becken bezeichnen, kommt mit dem beschleunigten Wachstum der Babys nicht mehr mit.

Auf dem Weg in den OP: Der Gurt für das Abhören der Herztöne ist gelöst.

In «Proceedings of the Royal Society B» versuchen die Biowissenschaftler zu belegen, dass es das zunehmende Grössenwachstum und der Wohlstand sind, die den Nachwuchs schon zum Zeitpunkt der Geburt immer grösser und schwerer werden lassen. Bis sich der weibliche Körper diesen Veränderungen angepasst hat, dauere es hingegen. Schliesslich hinke die Statur der Frauen dem Wachstumsschub ihrer Babys um eine Generation hinterher.

Mit verbesserten Lebensbedingungen steige zwar sowohl die Grösse der Frauen als auch das Geburtsgewicht ihrer Babys. Im Durchschnitt habe der Fötus in der Gebärmutter aber günstigere Bedingungen gehabt als die Mutter in ihrer Lebenszeit, sodass das Baby überproportional grösser sei, als für den Geburtskanal passend wäre. Dass Kopf und Schulter zu gross für eine natürliche Geburt sind, kommt bei 2,3 Prozent der Kinder vor, die zwischen drei und vier Kilo wiegen. Sind die Babys schwerer, liegt der Anteil bereits bei 5,8 Prozent.

Je besser es einem Land geht, desto mehr Kaiserschnitte

«An die sozialen und kulturellen Veränderungen passen sich die menschliche Anatomie und Physiologie in unterschiedlicher Geschwindigkeit an», schreiben die beiden Wissenschaftler. «Die prozentuale Spanne für den ‹idealen› Anteil an Kaiserschnitten sollte vor diesem Hintergrund differenzierter gesehen werden.»

Nach Angaben ärztlicher Fachgesellschaften und der Weltgesundheitsorganisation gelten 10 bis 15 Prozent aller Geburten als so schwierig, dass aus medizinischen Gründen ein Kaiserschnitt angezeigt ist. Wenn das Baby beispielsweise sehr gross ist, ungünstig in der Gebärmutter liegt oder Komplikationen mit Nabelschnur oder Plazenta drohen, ist es sinnvoll, das Kind operativ zur Welt zu bringen, um das Leben von Mutter und Kind nicht zu gefährden.

In vielen Ländern wird diese «natürliche» Kaiserschnittrate allerdings bei weitem überschritten. So entbinden in der Schweiz seit Jahren im Schnitt rund 32 Prozent der Frauen per Sectio, wie der Kaiserschnitt auch genannt wird. In der Türkei, Ägypten oder Brasilien liegt der Anteil sogar bei mehr als 50 Prozent. Die skandinavischen Länder haben eine Kaiserschnittrate um die 15 Prozent; Portugal, Rumänien und Italien liegen bei etwa 35 Prozent. In Afrika südlich der Sahara entbinden hingegen nur 1 bis 2 Prozent der Frauen per Kaiserschnitt; oftmals fehlen die Voraussetzungen dafür.

Geburt per Kaiserschnitt in der Maternité des Triemli­spitals in Zürich.

Da auch in der Schweiz und in Deutschland die Kaiserschnittrate je nach Tradition und Vorliebe der Kliniken und Ärzte stark schwankt, werden nicht medizinische Gründe wie finanzielle Interessen, übertriebenes Sicherheitsdenken und irrationale Gewohnheiten als Ursache für den starken Anstieg der Schnittentbindungen vermutet. Zaffarini und Mitteröcker plädieren hingegen für eine «kombinierte biokulturelle» Perspektive. Schliesslich könne neben ökonomischen Fehlanreizen und einer Absicherungsmedizin auch die schnellere körperliche Entwicklung der Babys dazu beigetragen haben, dass Frauen seltener auf natürlichem Wege entbinden.

Um ihre Vermutung zu untermauern, untersuchten die Wissenschaftler, wie sich die Grösse der Frauen, die Entwicklung des jeweiligen Landes und die Kaiserschnittrate von Beginn der 1970er- bis Ende der 1990er-Jahre rund um den Globus verändert hatten. Da sich wiederholt gezeigt hat, dass grössere Frauen zu einer schwierigen Geburt neigen und schwerere Babys bekommen, war ein Trend auszumachen: Je besser es den Menschen in einem Land ging und je mehr ihr Längenwachstum zunahm, desto öfter mussten die Frauen zur Geburt unters Messer.

«Die Proportionen zwischen der kindlichen und mütterlichen Anatomie passen dann nicht mehr», so die Autoren. «Das liegt an der jüngsten Historie der sozioökonomischen Entwicklung; weniger am gegenwärtigen Status eines Landes.» Je schneller ein Land innerhalb einer Generation an Bildung und Wohlstand gewinne, desto grösser werde demnach der Fötus im Verhältnis zur Mutter.

Alles wohlauf: Mutter und Tochter nach der Geburt.

Zwar trägt auch starkes Übergewicht und eine ungesunde, hochkalorische Ernährung dazu bei, dass Frauen grössere und schwerere Babys bekommen, sodass ein Kaiserschnitt wahrscheinlicher wird. In der aktuellen Analyse, die sich über Jahrzehnte erstreckte, hatte jedoch der Anstieg der Körpergrösse den grössten Einfluss auf die Rate der Schnittentbindungen, auch wenn es sich hier um keine Kausalität, sondern um eine Korrelation handelt.

Adipöse Frauen sollten in dieser Zeit eher weniger zunehmen

2018 hatte ein interdisziplinäres Team aus Ärzten und Gesundheitsexperten um Berthold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital der Universität München Empfehlungen zu Ernährung und Lebensstil vor und während der Schwangerschaft vorgelegt. Werden diese Handreichungen befolgt, verändern sich zwar nicht mehr die Dimensionen im Becken der Mutter; die Grösse des Kindes wird hingegen womöglich schon beeinflusst.

So wäre es wünschenswert, schon vor der Schwangerschaft das Körpergewicht ans Normalgewicht anzunähern. Frauen sollten, wenn möglich, auch während der Schwangerschaft regelmässig aktiv sein und sitzende Tätigkeiten unterbrechen. Falsch eingeschätzt wird der zusätzliche Energiebedarf in der Schwangerschaft. Als Gewichtszunahme während der neun Monate wären für normalgewichtige Frauen zwischen 10 und 16 Kilogramm angemessen. Adipöse Frauen sollten in dieser Zeit eher weniger zunehmen, keinesfalls mehr. Übermässige Ernährung in der Schwangerschaft ist ein bekannter Risikofaktor für schwere Babys, was wiederum die Kaiserschnittrate erhöht.

«Die Regel, ‹für zwei› essen
zu müssen, heisst keineswegs, doppelt so viel zu sich zu ­nehmen wie sonst.»
Berthold Koletzko, Pädiater

«Häufig überschätzen Schwangere ihren tatsächlichen Energiebedarf», so Koletzko. Die Regel, «für zwei» essen zu müssen, heisst keineswegs, doppelt so viel zu sich zu nehmen wie sonst. Im zweiten Schwangerschaftsdrittel liegt der zusätzliche Bedarf bei 250 Kilokalorien pro Tag, im dritten Drittel bei 500 Kilokalorien. «Das gilt bei unverminderter körperlicher Aktivität, doch die geht ja meist erheblich zurück, sodass bei vielen Frauen gar keine erhöhte Energiezufuhr benötigt wird.»

Die anatomischen Verhältnisse der Frau werden dem Wohlstands- und Wachstumsschub der Babys zwar zeitversetzt auf ewig hinterherhinken. Durch bewusste Ernährung können Frauen jedoch dazu beitragen, dass ihr Nachwuchs nicht noch umfangreicher auf die Welt kommt – und ihnen das Leben schwer macht.

Erstellt: 03.03.2019, 16:14 Uhr

32 Prozent per Kaiserschnitt

In der Schweiz ist die Kaiserschnittrate wie in den meisten westlichen Ländern deutlich gestiegen: von 23 Prozent im Jahr 1998 auf heute 32 Prozent. Fast jedes dritte Kind kommt also mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Ein Bericht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) von 2013 kommt zum Schluss, dass vor allem ein hohes Gebäralter und eine private Spitalzusatzversicherung die Wahrscheinlichkeit einer Kaiserschnittgeburt erhöhen.

Von Gemeinde zu Gemeinde schwankt die Kaiserschnittrate deutlich. In Zollikon ZH kam letztes Jahr gemäss Erhebung des BAG jedes zweite Kind auf dem Operationstisch zur Welt. Fast so viele, nämlich 48 Prozent, waren es in den Goldküstengemeinden Herrliberg und Küsnacht. Dem stehen Orte wie Goms VS und Muotathal SZ mit 14 Prozent respektive 19 Prozent gegenüber. Die Kaiserschnittrate liegt hier weit unter dem schweizerischen Durchschnitt.

Diese starken Schwankungen sind ein Hinweis, dass auch nicht medizinische Gründe über die Anzahl von Schnittentbindungen entscheiden. Wie Gynäkologen feststellen, liegt der sogenannte Wunschkaiserschitt im Trend.

Nadja Pastega

Artikel zum Thema

Am Zürichsee kommt jedes zweite Kind per Kaiserschnitt zur Welt

Werden Babys immer grösser? Genau das sei ein Grund für die steigende Zahl von Kaiserschnitt-Geburten, behaupten Forscher. Mehr...

Von wegen easy Kaiserschnitt

Mamablog Eine natürliche Geburt ist nicht jeder Schwangeren vergönnt. Für einen Kaiserschnitt aber sollte sich niemand rechtfertigen müssen. Zum Blog

Und wenn es plötzlich doch ein Kaiserschnitt wird?

Mamablog Oft genug ist das Thema Gebären ideologisch gefärbt. Dabei ist vor allem eines wichtig: Offenheit. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...