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Zucker für den Affen

Manchmal wünscht sich unser Kolumnist zurück an die St. Galler Kantonsschule.

Ich erinnere mich an die erste Geschichtslektion an der St. Galler Kantonsschule. «Ich bin kein strenger Lehrer», sprach der Geschichtslehrer, «sondern ein sehr strenger.» Dann bat er uns, die Aufgabenhefte zu zücken und sämtliche Prüfungen des ersten Halbjahres einzutragen. Das war Anfang der 90er, und mit der üblichen Verspätung hatten sogar in der Ostschweiz alternative Erziehungsmethoden Einzug gehalten. Womit ich sagen will: Der Geschichtslehrer war verhältnismässig streng.

Beim Deutschlehrer durften wir zum Beispiel am späten Nachmittag, wenn die Konzentration ohnehin weg war, mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegen. Wie Johanna von Orléans auf dem Schlachtfeld wandelte er zwischen den Körpern seiner Schüler und skandierte Schiller-Balladen. Der Chemielehrer hinwiederum hielt an Jubeltagen Diavorträge über seine Trekkingausflüge nach Nepal, die er mit psychedelischer Musik untermalte.

Natürlich ist das alles nichts gegen die Erlebnisse meiner Frau, die in Köln aufs Gymnasium ging. Kurz vor der Wende befand sich dieses wie der ganze deutsche Bildungssektor in der schlaffen, aber sympathischen Hand von Alt-Hippies. Während ich auf dem St. Galler Domplatz unter der Aufsicht von Priestern die «Carmina Burana» einstudierte, ging sie mit ihren Lehrern an Tote-Hosen-Konzerte. Unser Gesangslehrer tigerte in Offiziersuniform durch die Reihen und kontrollierte, ob auch niemand nur die Lippen bewegte. Der Gesangslehrer meiner Frau hingegen riss, war er im Rausch der Folk-Melodien, den Gürtel aus der Hose und schwang ihn wie ein Lasso über dem Kopf.

St. Gallen ist die Hochburg aller ab­gelebten Traditionen, nicht zufällig ist unsere wichtigste Sehenswürdigkeit eine Mumie in der Stiftsbibliothek. Trotzdem reagierten die meisten meiner Lehrer, als in den frühen 90ern Kurt Cobain, Christoph Blocher, Quentin ­Tarantino und Jörg Haider ihren Siegeszug antraten, eher populistisch auf das finale Kapitel im Untergang des Abendlands. Anders ausgedrückt: Sie lieferten dem Affen der späten Postmoderne Zucker. Die einen als übertriebene Traditionalisten, die anderen mit vielleicht etwas ungeschickten Remixes des Lehrplans.

Der liebste unserer Lehrer aber war der Geschichtslehrer. Nicht weil er der strengste war, denn das war er gar nicht. Nein, es war die Art und Weise, wie er die Tatsachen selbst sprechen liess. Wie er auf Analyse setzte, wie er sich mit uns in die Lehren der Vergangenheit vertiefte, während seine Partei, die FDP, draussen in der Umarmung von Toni Brunners SVP verröchelte.

Das ist nun über 20 Jahre her. Unterdessen ist das alte Europa still entschlummert, zwischen den Trümmern tanzen die neuen Sammlungsbewegungen. Manchmal wünsche ich mich zurück an die St. Galler Kantonsschule: Damals, als Blocher den EU-Beitritt verhinderte und wir über die Französische Revolution diskutierten. Obwohl das natürlich Teil des Problems war.

Milo Rau ist Theaterintendant in Gent und Essayist

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