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Zum Glück bin ich kein Cervelat

Unsere Nationalwurst wird einmal mehr zu populistischen Zwecken missbraucht.

Drei Dinge hätte ich in dieser Woche um nichts auf der Welt sein wollen: ein Schweizer Nati-Spieler, eine Fledermaus oder gar ein Cervelat.

Obwohl ich nichts von Fussball verstehe, kamen mir die Beine unserer Tschütteler im Spiel gegen Schweden etwas blutleer vor; wohl einfach, weil ich für mich ein Weiterkommen der Mannschaft so sehr gewünscht hatte. Aber die Spieler taten mir im Nachhinein leid, denn alle wussten, warum sie versagt haben, und taten dies auch lauthals kund.

Noch weniger wollte ich eine Fledermaus sein: Was die Tschütteler zu wenig an Blut in den Beinen hatten, haben diese Wesen zu viel im Kopf. Man stelle sich vor: Man hängt während des ganzen Tages kopfüber – so wie zum Beispiel die Grossen Mausohren in der St.-Ottilien-Kapelle in Buttisholz LU. Nachts fliegen sie hinaus und knacken mit Vorliebe Käfer am Boden. Kopfüber und Käfer – auf beides kann ich verzichten.

Eigentlich ist ­Glarner fast gegen alles, was von aussen in die Schweiz kommt, ausser man kann Geschäfte damit machen.

Was die Fledermäuse zu viel an Blut im Kopf haben, fehlt einigen Politikern in ebendiesem Körperteil; ja, man darf sogar von einer bedrohlichen Blutleere reden, bei ihrem krampfhaften Versuch, sich über das Sommerloch zu retten. Und damit komme ich zum ­Cervelat, der von einem ver­politisiert wird, der auf der nationalen Bühne längst hinter dem Vorhang verschwunden ist und nun hofft, die Wurst werde ihn wieder ins Rampenlicht bringen. Andreas Glarner, SVP-Nationalrat aus dem Aargau, missbraucht unsere Nationalwurst für seine Tiraden gegen den Islam und die Muslime, die bei uns wohnen, kein Schweinefleisch essen und deshalb einen Bogen um unsere Wurst machen. Eigentlich ist ­Glarner fast gegen alles, was von aussen in die Schweiz kommt, ausser man kann Geschäfte damit machen.

Vermutlich ist ihm entgangen, dass fast der wichtigste Bestandteil unserer Wurst, die ich übrigens verehre, aus dem ­Ausland kommt. Die Haut des Cervelats, das weiss jedes Kind, ist nur, was sie ist und sein muss, wenn sie aus brasilianischen ­Rinderdärmen hergestellt wird. Noch schlimmer ist die Erkenntnis, dass das vermutlich älteste Rezept einer Wurst mit Namen Cervelat im Kochbuch der Augsburgerin Sabina Welserin zu finden ist. So jedenfalls schreibt der Verein Kulinarisches Erbe der Schweiz: «In der Handschrift aus dem 16. Jahrhundert findet man die Anleitung ‹Wie man zerwùlawirstlach machen soll›.»

Nein, auch eine Nationalwurst will ich nicht sein, die mehr ­Ausland in sich hat, als vielen lieb ist, und nun missbraucht wird, um gegen das von aussen ­Kommende einmal mehr populistisch zu lärmen.

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