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Zurück im Leben – jetzt warten Pazifik und Sahara

Aus dem Leben von Luca Baltensperger, der im Winter über den Atlantik ruderte und sich nun wieder an den Alltag gewöhnen muss

Die Fackel, die Flagge und der Jubelschrei: Luca Baltensperger (links) und seine Kollegen bei der Ankunft auf Antigua.Foto: Ben Duffy (Atlantic Campaigns)
Die Fackel, die Flagge und der Jubelschrei: Luca Baltensperger (links) und seine Kollegen bei der Ankunft auf Antigua.Foto: Ben Duffy (Atlantic Campaigns)

Natürlich holen sie ihn manchmal ein, die Momente, in denen er sich ganz weit weg wünscht. Zum Beispiel, wenn er in der Bibliothek an seiner Arbeit schreibt, fünfmal den gleichen Satz liest und immer wieder abschweift. «Vorher musste ich einfach nur rudern», denkt sich Luca Baltensperger dann, einfach nur rudern, «das war schon gemütlicher.»

Das Wort gemütlich ist in diesem Fall etwas seltsam. Denn «einfach nur rudern», das war diese Atlantiküberquerung, die Baltensperger mit seinen drei Freunden Marlin Strub, Yves Schultheiss und Laurenz Elsässer hinter sich hat nicht. Der riesige Ozean war im vergangenen Winter während 30 Tagen, vier Stunden und 59 Minuten ein zumeist ruppiges und wildes Zuhause für die Abenteurer. Weihnachten und Silvester verbrachten sie da, ausgestattet mit Essen, das Baltensperger «fast zum Heulen brachte», den Gewalten der Natur hilflos ausgesetzt. Zusammen haben die Vier rund 4 800 Kilometer zurückgelegt, sie bildeten das Team Swiss Mocean und waren die erste Schweizer Equipe, die den Atlantik überquert hatte. Nicht nur das, Swiss Mocean beendete die Atlantic Challenge auf dem dritten Platz.

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Video: Die Ankunft

Geschafft: Die Schweizer erreichen die Karibik. Video: Tamedia/Facebook

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Nun, etwas mehr als fünf Monate nach dem Start von der Kanareninsel La Gomera und vier Monate nach der euphorischen Ankunft in der Karibik hat der Alltag Baltensperger eingeholt. Statt einfach nur rudern heisst das für den 27-Jährigen: Büffeln in Berkeley nahe San Francisco. Ein Semester verbringt er in Kalifornien, er absolviert einen Zweitabschluss in Jura. «Weil es zum guten Ton gehört, dass man in seiner Laufbahn auch ein anderes Rechtssystem kennenlernt», sagt er und lacht. Gerade ist er vom Training gekommen, um 9 Uhr, muss er im Hörsaal sein. Der Master in Berkeley, den Baltensperger zusätzlich zu jenem in Zürich absolviert, ist nach dem Rennen das zweite grosse Projekt innert kurzer Zeit, das die Frohnatur aus Eglisau in Angriff nimmt.

Ein Jurist, ein Pilot, ein Doktor und ein Künstler

Ähnlich geht es seinen Kollegen. Elsässer hat sich für die Polizeischule angemeldet, dort ist er im Aufnahmeverfahren. Dazwischen plant er, Baltensperger zu besuchen, der Helikopterpilot will in den Staaten weitere Flugstunden sammeln. «Hier sind sie günstiger», sagt Baltensperger. Strub, der eben erst den Master in Robotik abgeschlossen hat, doktoriert ab Oktober an der Oxford University und Schultheiss ist derzeit auf der Warteliste der Zürcher Kunsthochschule und wieder in einem Pflegeheim für Behinderte tätig.

Die vier Freunde, die sich beim Militär kennen gelernt hatten und sich danach vier Jahre lang auf Atlantik-Überquerung vorbereiteten, sind nach wie vor in regem Kontakt. Baltensperger sagt sogar: «Durch das Rennen hat sich unsere Freundschaft nur noch verbessert.» Zwei Wochen ist er mittlerweile in Kalifornien. «So lange habe ich die Jungs im letzten Jahr nie nicht gesehen.»

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Video: Der Empfang in Zürich

Die Schweizer Ruderer kurz nach ihrer Ankunft am Flughafen Zürich. Video: Fabian Sanginés, Marcel Rohner

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Baltensperger gerät ins Schwärmen, wenn er über die Zeit auf dem Atlantik spricht. Er erinnert sich: «Die Ankunft war etwas vom grössten, was wir erlebten.» Freunde und Familie standen bereit, halb Antigua war da, um die Teams zu empfangen, es flossen Tränen.

Das Gespräch mit Baltensperger zeigt: Auch wenn die Regatta schon einige Monate zurück liegt, um sie dreht sich nach wie vor viel im Leben der vier jungen Männer. Es kommt Wehmut auf, wenn sie sich damit beschäftigen, indem sie zum Beispiel Vorträge halten. Bald strahlt das Schweizer Fernsehen eine Dokumentation des Rennens aus. Um bei einer allfälligen Premiere dabei zu sein, werde Baltensperger sogar für einige Tage in die Schweiz fliegen, verspricht er. Es wird sowas wie der Abschluss eines Projekts, auf das sich die Freunde mit intensivem Kraft- und Ausdauer-Training vorbereitet haben. Da nimmt man einen Hin- und Rückflug nach Zürich gerne in Kauf.

30’000 Franken Gewinn gemacht – trotzdem «pleite»

Doch selbstverständlich ist das nicht. Denn finanziell profitiert haben die vier Ruderer trotz ihres Erfolgs nicht. Das Geld, das Swiss Mocean durch Crowdfunding, Sponsoren und den Verkauf des Bootes eingenommen hatte, diente hauptsächlich zur Kostendeckung, der Rest wurde gespendet. So sammelten die vier Schweizer 30 000 Franken für sozial benachteiligte Kinder in Rumänien. «Wir sind alle relativ pleite», sagt Baltensperger, sein Zimmer in Berkeley kostet monatlich 1 100 Franken. Von Frust aber keine Spur, der 27-Jährige erzählt es mit der ihm ganz eigenen Lockerheit, die ihn schon im Lauf des Rennens, egal ob bei glühender Hitze oder während wilden Stürmen, stets ausgezeichnet hatte.

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Bildstrecke: Swiss Mocean auf dem Atlantik

Swiss Mocean auf den letzten Metern zum dritten Platz der Talisker Whisky Atlantic Challenge.
Swiss Mocean auf den letzten Metern zum dritten Platz der Talisker Whisky Atlantic Challenge.
Facebook.com/Atlantic Campaigns
Yves Schultheiss und Laurenz Elsässer an den Rudern meistern die letzten Wellen.
Yves Schultheiss und Laurenz Elsässer an den Rudern meistern die letzten Wellen.
Facebook.com/Atlantic Campaigns
Laurenz Elsässer, 26-jährig, Helikopterpilot in Ausbildung.
Laurenz Elsässer, 26-jährig, Helikopterpilot in Ausbildung.
Talisker Whisky Atlantic Challenge
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Ob er es wieder tun würde, die ganzen Strapazen auf sich nehmen, die Seekrankheit, die Sonnenbrände, den Muskelkater, die Schmerzen, die Angst vor dem Ungewissen? Baltensperger hält kurz inne. «Ja, doch doch, aber vielleicht nicht gerade nochmals der Atlantik, der Pazifik wäre etwas», überlegt er laut vor sich hin, «oder durch die Sahara rennen…» An Ideen fehlt es Baltensperger auf jeden Fall nicht. Genau wie damals, als er vor fünf Jahren nach einer kurzen Nacht in einer Berghütte dank einem Fachmagazin auf die verrückte Idee kam, eben diesen Atlantik zu überqueren – und erstmal ausgelacht wurde.

Auch wenn er in naher Zukunft nicht erneut über den Atlantik rudern wird: Die Challenge wird Baltensperger weiter begleiten. Seine Mutter Tatiana hat sich mit Ultra-Marathon-Läuferin Gabi Schenkel für die Ausgabe 2019 angemeldet, die beiden suchen noch Unterstützung für ihren Vierer. Einen guten Ratgeber haben sie bereits.

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