Zwei Brüder, ein Herrscher

In Kuba endet die Ära Castro: Raúl tritt als Staatschef ab. Er stand bis zum Schluss im Schatten seines grossen Bruders Fidel.

Personenkult: Menschen tragen ein Riesenbild von Fidel und Raúl Castro an der Parade zum 1. Mai 2017 – ­der erste Tag 
der Arbeit nach Fidels Tod. Foto: Polaris/laif

Personenkult: Menschen tragen ein Riesenbild von Fidel und Raúl Castro an der Parade zum 1. Mai 2017 – ­der erste Tag der Arbeit nach Fidels Tod. Foto: Polaris/laif

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60 Jahre. Kein anderes Bruderpaar in Lateinamerika war so lange so mächtig wie die Castros in Kuba. Fidel und Raúl waren ein höchst ungleiches, jedoch unschlagbares Doppel, das über Jahrzehnte alle Wider­sacher, Nebenbuhler und Emporkömmlinge aus dem Weg geräumt hat.

Fidel, der vor eineinhalb Jahren mit 90 gestorben ist, war gross und stark, charismatisch und blitzgescheit. Raúl, der nun kommende Woche mit 86 als Staatschef abtritt, ist klein und fein, wortkarg und unauffällig. Sein grosser Bruder war ihm in allen Belangen überlegen.

Fidel war in Kuba alles, über ihm stand nichts. Und niemand. Kuba war Fidel. Raúl war stets seine Nummer zwei. Alles, was aus dem kleinen Mann geworden ist, ist er wegen Fidel. Weil der es so gewollt, gesteuert oder geduldet hat.

Unschlagbares Doppel: Raul (l.)rüstete die Armee auf, Fidel bestimmte den Feind. Foto: Francois Lochon (Gamma-Rapho via Getty Images)

Die Rollen waren schon in der Kindheit verteilt: Fidel war draufgängerisch und unberechenbar, der Chef unter den Geschwistern, Raúl galt als der kleine Schwächling. Der Vater wollte ihn abhärten, indem er ihn zu dreckiger und schwerer Landarbeit zwang: Zuckerrohr schlagen, Kartoffeln ernten, Schweine füttern. Später schickte der Patriarch den ungeliebten Raúl nach Havanna zu Fidel, damit dieser aus seinem kleinen Bruder einen echten Mann mache. Fidel erhielt vom Vater ein Auto und Taschengeld. Raúl bekam: nichts.

Raúl interessierte sich für Marx und den Kommunismus, mit 21 trat er in die Sozialistische Jugend ein, wusste aber nicht, was er eigentlich werden wollte. Fidel, der genau wusste, was er wollte – Revolution machen und die Welt verändern –, nutzte das, nahm den Bruder unter seine Fittiche und formte ihn über die Jahre zu seinem treuesten Gefolgsmann.

Fidel war so wütend, dass er Raúl eigenhändig erschiessen wollte

Zwei Episoden im langen Leben der Castros zeigen exemplarisch, wie Fidel Herr seines Bruders war und wie ausgeliefert und gleichzeitig absolut loyal Raúl gegenüber Fidel war. Die erste stammt aus dem Guerillakrieg von 1958: Fidel wollte seinen Bruder eigenhändig erschiessen, weil dieser sich mit Che Guevara, der an einer anderen Front kämpfte, per Briefpost über marxistische Ideen austauschte. Einer dieser Briefe gelangte in die Hände des damaligen Diktators Fulgencio Batista, der darauf über die Medien verbreiten liess, die Brüder Castro wollten Kuba in den Kommunismus führen. Fidel war ausser sich vor Wut, liess seine Truppen wissen, dass er den Imperialismus der Sowjetunion genauso hasse wie jenen der Yankees. Und dass er seinen Bruder für dessen dummes Geschwätz hinrichten werde. Nur die Frau, die Fidel liebte, Celia Sánchez, konnte ihn letztlich davon abhalten.

Die zweite Episode ereignete sich Jahre später, Anfang der 70er-Jahre: Im Revolutionspalast in Havanna stritten sich die führenden Köpfe darüber, wie man die Planwirtschaft umsetzen wolle. Raúl und Fidel überwarfen sich. Raúl schrie seinen Bruder an: «Hör auf mich! Ich bin der Einzige, dem du wirklich vertrauen kannst, ich bin dir gegenüber loyal bis zu meinem Tod und führe immer deine Befehle aus. Wenn du mir hier und jetzt befiehlst, aus dem Fenster zu springen, dann springe ich.» Vertraute, die damals bei diesem Streit anwesend waren, berichten, Fidel sei erschrocken und daraufhin auf Raúls Linie eingeschwenkt.

Ein Anhang von Fidel

Die Abhängigkeit von Fidel und gleichzeitig die Loyalität bis hin zum Versprechen, für seinen grossen Bruder zu sterben, diese Kombination zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Castro dem Zweiten. Raúl ist seit seiner Kindheit ein Anhang von Fidel. Er ist es auch nach dessen Rücktritt 2006 und sogar über dessen Tod hinaus geblieben. Das hat sich in den letzten zwölf Jahren wiederholt gezeigt, in denen der General das Land führen musste – weil sein Bruder es ihm befohlen hatte.

Noch im hohen Alter sagte Raúl, Fidel sei für ihn immer wie ein strenger Vater gewesen. Gegen diese übermächtige Vaterfigur wollte und konnte Raúl sich nie stellen. Und als dann die ewige Nummer zwei im Alter von 75 plötzlich die Nummer eins sein musste, liess er in Reden immer wieder durchblicken, dass er die eigentlich gar nie sein wollte. Raúl machte dem eigenen Volk und dem Rest der Welt stets klar: Gegen Fidel und dessen Revolution geht nichts! Es gebe in Kuba nur einen Comandante en Jefe und Máximo Líder: seinen Bruder. Der bleibe auf immer und ewig Herrscher Kubas.

Raúls grösster Coup: Die Annäherung an die USA

Raúl hatte es sich im Schatten seines Bruders gut eingerichtet. Im Lauf der Jahrzehnte wurde er professionell darin, an der Seite eines Übermenschen im Halbdunkeln zu agieren und zu reagieren. Der Heeresgeneral Raúl Castro, der fast 50 Jahre lang Verteidigungsminister war (Weltrekord), formte sein Militär mithilfe der Sowjets zur grössten und schlagkräftigsten Armee Lateinamerikas. Auf wen die Truppen die Waffen zu richten hatten, bestimmte aber stets Fidel.

Die grössten Differenzen hatten die zwei Brüder in wirtschaftlichen Fragen. Raúl galt da immer als pragmatisch, organisatorisch geschickt und bis zu einem gewissen Grad flexibel, Fidel als chaotisch, grössenwahnsinnig, unrealistisch und stur. Er gab nur nach, wenn es nicht mehr anders ging, die Staatskasse komplett leer und das Volk am Rande der Hungersnot war.

Wirtschaftliche Not war es, die Raúl zu seinem grössten politischen Coup bewog: zur Annäherung an den Erzfeind USA und zum Friedensschluss mit Fidels verhasstem Imperium nach 55 Jahren kaltem Krieg. Der Máximo Líder machte danach keinen Hehl daraus, dass er diesen Schritt von Raúl für falsch hielt. Doch der greise und zittrige Fidel hatte nicht mehr die Herrschaft und Macht über seinen Bruder wie einst. Viel mehr traute sich Raúl in seiner Amtszeit indes nicht. Er führte das Land wie Fidels Konkursverwalter, änderte ein bisschen dies, ein bisschen das. So, dass im Grossen und Ganzen alles gleich bleibt.

Sie soll in Fidel verliebt gewesen sein: Raúl Castro und seine Frau Vilma Espín 1959. Foto: Ullstein bild - Roger-Viollet

Personen, die Raúl kennen, sagen: Der Mann will eigentlich seit langem nichts mehr anderes, als in Ruhe seinen Lebensabend im trauten Familienkreis zu geniessen. Raúl gilt als Familienmensch. Seine engsten Vertrauten sind sein einziger Sohn, eine Tochter, ein Schwiegersohn und sein Enkel, sie verfügen im Hintergrund über viel Macht und Einfluss.

Offiziell hatte Raúl zeitlebens nur eine einzige Frau, Vilma Espín, die Ikone der kubanischen Frauenbewegung. Spitze Zungen sagen: Nicht mal seine Ehepartnerin habe Raúl selbst gewählt. Vilma sei eigentlich in Fidel verliebt gewesen, doch der habe sie seinem Bruder zugeschoben. So oder so wurde die Fassade des revolutionären Vorzeigepaars Raúl und Vilma stets aufrechterhalten, auch nachdem die beiden längst getrennte Wege gegangen waren. Vilma starb 2007. Auf ihrem Grabstein steht auch bereits der Name «Raúl».

Fidels Grab hingegen ist ein gigantischer Monolith. Darauf steht nur ein Name, in Grossbuchstaben: FIDEL.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.04.2018, 15:27 Uhr

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