Zwei Frauen stellen die Migros vor die Gretchenfrage

Die Wahl der neuen Präsidentin wird zur Richtungswahl: Wie schnell verändert sich der Riese?

Die Insiderin: DV-Präsidentin Ursula Nold (links) und Jeannine Pilloud, die Kandidatin der Verwaltung. Fotos: Migros/Keystone

Die Insiderin: DV-Präsidentin Ursula Nold (links) und Jeannine Pilloud, die Kandidatin der Verwaltung. Fotos: Migros/Keystone

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Der 23. März wird für die Migros ein Schicksalstag: An der Delegiertenversammlung wird die neue Verwaltungsratspräsidentin der Migros gewählt – und damit werden auch die Weichen für die Zukunft gestellt. Die Kandidatinnen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die initiative, direkte und schnell denkende ­Jeannine Pilloud kommt von extern. Sie dürfte für Veränderung stehen; die Dozentin und langjährige Migros-Frau Ursula Nold für einen bewahrenden Kurs.

Dass sie für Erneuerung und Tempo steht, ist auch Pillouds Argument für ihre Kandidatur – nur formuliert sie es diplomatischer: «Es gibt neue Herausforderungen, nicht nur im digitalen, sondern auch im internationalen Bereich. Nach nationalen Konkurrenten wie Coop und stationären Wettbewerbern wie Aldi und Lidl sind es zunehmend auch globale Konzerne wie Amazon, gegen die man bestehen muss.» Nun sei es entscheidend, eine nationale Plattform zu schaffen, die in diesem Umfeld besteht. Sie habe eine klare Vorstellung, wo die Migros hin müsse. Die ehemalige Leiterin Personenverkehr bei den SBB weiss aber auch um die spezielle DNA des Konzerns: «Die Werte der Migros sind einer der Gründe, warum ich mich für die Position interessiere», so Pilloud, die sich als «Migros-Kind seit jeher» bezeichnet. Sie habe bei den SBB bewiesen, dass der Spagat zwischen regionaler Verwurzelung, nationaler Identität und internationaler Wettbewerbsfähigkeit möglich sei. Zuletzt war Pilloud SBB-Delegierte für die ÖV-Branchenentwick­lung.

Mit seinen 23 Mitgliedern tritt das Gremium alles andere als homogen auf.

Pillouds Gegenspielerin Ursula Nold präsidiert seit zehn Jahren die Delegiertenversammlung des Migros-Genossenschafts-Bundes und ist entsprechend gut vernetzt. Das bringt ihr gegenüber ihrer Mitstreiterin den Vorteil, dass sie gezielt für sich lobbyieren kann. Wie Pilloud von extern ihren Wahlkampf strategisch betreiben will, ist offenbar noch unklar. Es wäre an der Verwaltung, für Pilloud zu werben. Immerhin hat sie die SBB-Frau als offizielle Kandidatin ins Rennen geschickt. Doch mit seinen 23 Mitgliedern tritt das Gremium alles andere als homogen auf.

Nold sieht sich selbst weniger als Transformatorin denn als Vermittlerin. Entsprechend vorsichtig formuliert sie: «Es wird ein gewisser Kulturwandel nötig sein, und eine der wichtigen Aufgaben der Präsidentin wird es sein, Konsens in der Migros-Gemeinschaft herbeizuführen, um die operativen Führungsverantwortlichen bei der Umsetzung der Strategie zu unterstützen.» Die ehemalige Lehrerin gilt als Team-Playerin, die auch gern mal ein Geschenkli aufs Pult der Kollegen legt und ihnen Kärtchen schreibt, wie zu hören ist. Das alles passt zur Migros-Kultur.

Die Präsidentin wird stärker als bisher Sparringpartner sein

Bloss: Die sympathische, aber schwerfällige Kultur des Konzerns steht auf dem Prüfstand, der finanzielle Druck steigt. Wie Gewährsleute wissen, soll das Jahr 2018 unter dem Strich alles andere als gut verlaufen sein. Die Resultate werden am 26. März präsentiert. Das Handelsdepartement, in welchem die Tochtergesellschaften gebündelt sind, soll laut verschiedenen Quellen einen noch grösseren Verlust als 2017 geschrieben haben. Damals lag er bei 83 Millionen Franken. Die zehn regionalen Genossenschaften weisen ein grosses Leistungsgefälle aus. Das erfordert einschneidende Massnahmen. Das Präsidium erhält unter dieser Perspektive ein stärker gestaltendes Gewicht. Die Präsidentin wird vermehrt Sparringpartner für die Geschäftsleitung sein müssen.

Doch rasche Veränderungen sind in der Migros schwer durchzusetzen. «Die genossenschaftliche Struktur erlaubt es nicht, über Massnahmen zu entscheiden und diese top down durchzusetzen wie in anderen Unternehmen», sagt Ursula Nold und spricht von «Konsens», der nötig sei. Pilloud dürfte forscher vorgehen. Vorerst aber muss sie die 110 Delegierten gewinnen. «Ich werde mich in den nächsten Wochen seriös vorbereiten», sagt sie. Schüchtert sie die Migros-Erfahrung von Konkurrentin Nold ein? «Ich bin der anderen Kandidatin beruflich noch nicht begegnet, habe sie aber inzwischen kurz kennen gelernt», sagt Pilloud nur.

Erstellt: 10.02.2019, 08:06 Uhr

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