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Sozialkitsch? Nein danke!

Sarkastisch und herzerwärmend zugleich erzählt Aki Kaurismäki von Flüchtlingen und Solidarität.

Der Schuhputzer (André Wilms) sucht nach Verwandten des kleinen Flüchtlings.
Der Schuhputzer (André Wilms) sucht nach Verwandten des kleinen Flüchtlings.

«Illegaler Immigrant geflüchtet! Verbindung zur al-Qaida?», steht in der Zeitung von Le Havre. Die Erwähnung der Terrororganisation weist darauf hin, dass Aki Kaurismäkis Film «Le Havre» schon 2011 gedreht wurde. Heute stünde da: «Verbindung zum IS?» Beim Flüchtigen handelt es sich um den ungefähr zwölfjährigen Idrissa aus Gabun. Er war in einem Container unterwegs, der versehentlich nicht in London, sondern in der Normandie ausgeladen wurde.

Auf der Flucht vor der Polizei trifft er auf den ehemaligen Schriftsteller Marcel Marx (André Wilms), der als Schuhputzer arbeitet und mit Arletty (Kati Outinen) verheiratet ist. Als diese ins Spital muss, versteckt ­Marcel den Jungen bei sich zu Hause, bis dieser nach London weiterreisen kann.

Die Gefahr von Sozialkitsch ist bei einem solchen Stoff riesengross. Doch Kaurismäkis Sarkasmus schützt vor Sentimentalität: «Im Mittelmeer schwimmen mehr Geburtsurkunden als Fische», heisst es im Film über die Praxis von Asylsuchenden, sich ihrer Papiere zu entledigen. Fast alle Nachbarn von Marcel helfen diesem, Idrissa zu verstecken. Sie zeigen Solidarität. «Ein Wort, das heute leider aus der Mode gekommen ist», wie Kaurismäki meint. Gedreht hat er in Le Havres einzigem Quartier, das im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert worden war. Gleich nach den Dreharbeiten aber wurde es abgerissen. So viel zum Hintergrund dieses «überoptimistischen Märchens», wie sein Schöpfer es bezeichnet, und er fährt fort: «Ich mag ‹Le Havre›. Sollte dies der letzte Film meiner sogenannten Karriere sein, wäre das ein schöner Schluss.»