Zum Hauptinhalt springen

Pop-BriefingSphärische Untergangsmusik und ein amerikanisches Epos

Neue Musik in der Krise: Trent Reznor trägt nicht zur Beruhigung bei, Bob Dylan spielt wie immer in einer eigenen Liga.

Der Altmeister setzt seine eigenen Massstäbe: Bob Dylans neue Single ist siebzehn Minuten lang.
Der Altmeister setzt seine eigenen Massstäbe: Bob Dylans neue Single ist siebzehn Minuten lang.
Foto: Mario Anzuoni (Reuters)

Das muss man hören

Es macht fast den Eindruck, als würden Musiker zurzeit gezielt neu veröffentlichen: Sei es, um ihren Fans etwas Gutes zu tun, oder einfach, um ins Gespräch zu kommen. Aber das muss ja nicht schlecht sein.

Trent Reznor, der seit Jahren eine unorthodoxe Veröffentlichungspolitik verfolgt, kündigt mit den Nine Inch Nails gleich zwei Alben an, «Ghosts V: Together» und «Ghosts VI: Locusts».

Die ersten vier Teile von «Ghosts» waren 2008 en bloc erschienen und könnten wohl als Industrial Ambient durchgehen. Hier knüpfen die neuen beiden Teile an. Der Sound ist flächig und ruhig, aber alles andere als beruhigend. Düstere Untertöne und verstörende Klavierläufe klingen wie ein Soundtrack zur aktuellen Krise. Aber das könnte wohl für das meiste aus dem Gesamtwerk der Nine Inch Nails gelten.

Völlig geplant ist das neue Album von Pearl Jam gelandet. «Gigaton» heisst es und trägt ein Cover, das auch bei einer Progrock-Band nicht fehl am Platz wäre. Fans müssen nicht besorgt sein, die musikalische Kost bleibt im Rahmen des Bekannten. Anfangs flott und ungestüm, nach hinten raus durchaus altersweise und reflektiert, zeigt «Gigaton» einige schöne Facetten. Die Band um Eddie Vedder untermauert ihren Status als Elder Statesmen des Alternative Rock.

Im Archiv gekramt hat Steve Goodman, der unter dem Künstlernamen Kode9 firmiert. Der Labelchef von Hyperdub hat mit «Unreleased for a Reason: Lost Dubs Vol. 1» eine Sammlung unveröffentlichten Materials seines basslastigen Schlacker-Electro gefunden, das sich durchaus hören lassen kann.

Darüber wird gesprochen

Wenn Bob Dylan neue Musik veröffentlicht, ist das immer noch ein Ereignis. So lässt auch die neue Single «Murder Most Foul» aufhorchen, nicht zuletzt wegen des Umfangs.

Siebzehn Minuten lang ist der Song über die Ermordung John F. Kennedys, den Dylan so vorträgt, wie es nur Dylan kann. Die Begleitung, reduziert auf Streicher und Klavier, hält sich vornehm im Hintergrund.

Die Kritiker sind sich einig: Bob Dylan hat es mal wieder allen Zweiflern gezeigt. «Ein grosses Lamento» auf ein Land, in dem so einiges faul ist, urteilt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Bob Dylan beerdigt die USA in einem Song, befindet die «Zeit». Der «Guardian» meint, das Epos sei eine dunkle, dichte Ballade für die Endzeit. Seit acht Jahren hat Dylan kein neues Material veröffentlicht. «Murder Most Foul» ist ein Statement.

Das Schweizer Fenster

Das Musikfestival M4Music fiel, wie so viele andere Konzertveranstaltungen auch, dem Coronavirus zum Opfer. Die Demotape Clinic, das in der Szene durchaus prestigeträchtige Nachwuchssegment des Festivals, soll jetzt in digitaler Form stattfinden. Vorab kann man sich hier schon einmal die Kandidaten anhören.

Was blüht

Ein neues Album von Run The Jewels steht ins Haus. Es dürfte eines der grossen Rap-Alben des Jahres werden.

Das Rapper-Produzenten-Duo Killer Mike und El-P servieren als Amuse-Oreilles zwei Nummern: «Ooh La La» und «Yankee and the Brave». Beide Tracks sind noch nicht der ganz grosse Wurf, aber RTJ hatten bislang immer noch ein Ass im Ärmel.

Das Fundstück

Für das Fundstück benötigen Sie Kopfhörer, unbedingt. Denn der Ton von 8D-Musik spielt mit dem Hörvermögen. Die Technologie dahinter ist nicht wirklich neu, sie heisst Ambisonics und wurde bereits in den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts entwickelt.

Musik in 8D (ein Kunstwort ohne konkrete Bedeutung) gibt es auch schon seit einiger Zeit; dabei mäandert der Sound von einer Stelle zur anderen und verharrt nur selten an einem Ort. Dadurch ergibt sich die Illusion eines Hörraumes, der wesentlich grösser ist als bei herkömmlicher Beschallung.

Die Musik, die es unter dem Sammelbegriff 8D im Netz zu hören gibt, ist nicht immer gut, aber der Effekt selbst mitunter höchst spannend.

Mehr hörenswerte neue Musik, ganz traditionell in Stereo, gibt es in der Playlist auf Spotify.