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Zum Zmorge gibts Saures

Am Morgen gibt es auf dem Bauernhof zuerst gesäuerte Milch – für die Kälber. Erst zwei Stunden später, um acht Uhr, essen die Menschen. (Teil 2/4)

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Nur sehr wenige Städterinnen und Städter kennen die Landwirtschaftsbetriebe, die in ihrer Nähe hochwertige Nahrungsmittel produzieren. Das wollen wir mit unserer vierteiligen Reportage über den Alltag auf einem Zürcher Bauernhof ändern. Wir haben eine Stadtzürcherin aufs Land geschickt, um bei einer Bauernfamilie mitanzupacken und darüber zu berichten. Heute Teil 2 von 4

Morgens um sechs finde ich Michi, Lehrling im dritten Lehrjahr, im Heizraum: «Geheizt wird auch im Sommer, damit wir warmes Wasser haben.» Ich schlüpfe in meine Gummistiefel und ernte erstaunte Blicke: Mit geeignetem Schuhwerk scheint niemand gerechnet zu haben. Ohne Kaffee nehmen wir die Kälbertränken in Angriff: Sie müssen gewaschen und mit gesäuerter Milch wieder aufgefüllt werden. Ich schabe mit einer grobborstigen Bürste klebrige Milchreste aus den Kübeln, das Wasser wird mit jeder Bewegung fettiger, flockiger. Claudia, Angestellte und seit über zehn Jahren auf dem Liebensberg, melkt seit fünf Uhr, eineinhalb Stunden dauern die knapp siebzig Kühe. Die Melkmaschine saugt sich am Euter fest und pumpt die weisse Flüssigkeit direkt in den Tank, dreissig Liter pro Kuh und Tag. Spicken die Saugnäpfe ab, klingt es nach geöffnetem Fahrradreifen oder Staubsaugen an Zimmerbodenkanten.

Vor dem Zmorge wird zwei Stunden gearbeitet

Claudias Umgang mit den Tieren ist ruhig, freundschaftlich, ihre Aufforderungen an das Braunvieh sind gesangsgleich. Sie ist die Einzige auf Hübschers Hof, die die Tiere nicht festbinden muss, wenn sie die Haare an den Eutern trimmt. Michi und ich kümmern uns weiter um die Kälber, verteilen die Milch, Nummer 5310 trinkt nicht, also messen wir Fieber. Anschliessend bringen wir sie nach draussen auf die Weide. Die älteren spazieren eifrig dem vorauspreschenden Willi nach, die jüngsten drei muss man mit einem Milchkübel inklusive Zitzen-Imitat locken. Sobald sie draussen sind, misten wir und verteilen neues Stroh. Endlich kann auch ich Kompetenz beweisen: Die Erinnerungen an die Nachmittage mit der Mistgabel im Pferdestall sind noch immer in Oberarmen und Handgelenken gespeichert.

Den Takt auf dem Hof geben die Tiere vor, doch um ungefähr acht Uhr gibt’s Zmorge. Maja hat Brot gebacken, selbstgemachte Marillen-Gonfi steht bereit, ein Birchermüesli, ein Riesenkrug Milch frisch ab Kuh. Zum Zmorge ist auch Carla aufgestanden. Als Tochter der Hübschers beginnt das Bauern für sie früh im Leben – und inzwischen zu früh morgens. Und doch diskutiert sie mit Michi immer noch über die Milch, die vier Abende zuvor sauer gewesen sein soll.

Wer will, bekommt Äpfel mit eigenem Logo

Nach dem Frühstück sortieren wir Äpfel: Ein Bekannter der Familie hat angerufen und acht Kisten bestellt. Aus den zu grossen Äpfeln wird Most. Die zu kleinen oder verhagelten Exemplare bekommen die Kühe. Jeden Herbst ernten Hübschers über 80 Tonnen Äpfel und Birnen, die anschliessend ganzjährlich ab Hof oder auf dem Markt verkauft werden. Wer will, kann die Natur austricksen und sich Äpfel mit persönlichem Logo versehen lassen: Auf die unreifen, grünen Früchte kleben Hübschers das Logo als Negativ mit Folie ab, sodass die Äpfel stellenweise kein reifes Rot annehmen.

Dass Maja Hübscher es gerne schön hat, zeigt sich auch in den Obstplantagen: Vor jede Zeile der Spindelanlage hat sie einen Rosenbusch gepflanzt. Bei einem Hof dieser Grösse ist das Pflegen der Pflanzen, das Runterschneiden von Büschen, das Kürzen von Ästen im Sommer bereits mehr als ein 100-Prozent-Job. Zusammen mit Michi schneide ich in der Niederstammobstanlage die untersten Triebe der Bäumchen ab und reisse Unkraut aus dem Boden. Michi sagt: «Eine Pflanze ist erst dann ein Unkraut, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort in der falschen Dichte wächst.»

Die Kühe kennen die Routine

Dies gilt auch für die Placken auf der Kuhweide, die wir anschliessend mit einem Spaten aus dem Boden heben: Mit ihren Lichtsamen, die auch in fünfzig Jahren noch ausschliesslich Licht brauchen, um zu keimen und dem Gras das Wasser entziehen, sind sie auf der Weide am falschen Ort, und auch in fünfzig Jahren wird ihre Zeit nicht gekommen sein. Wie vertraut Hübschers Kühe mit Menschen sind, zeigt sich mitten auf der Wiese: Zu sechst stehen sie im Halbkreis um meinen Kübel herum und warten, bis ich die nächste Placke hineinwerfe.

Zwischen Frühstück und Mittagessen wird erledigt, was gerade ansteht: Kälber-Iglus, die Kunststoffheimat der frisch Geborenen, reinigen, damit sie für die nächsten bereit stehen. Ställe, Plätze, Teile des Hofes ausmisten, ausschaben oder abspritzen – der Morgen kommt wir vor wie ein nie aufhörendes Transferieren von Tieren und Hinterherwischen. Die Zeit vergeht nicht, sie löst sich vielmehr auf: Es gibt keine bestimmte Uhrzeit mehr, es ist lediglich die Zeit, um dieses oder jenes zu erledigen.

Die weiteren Teile der Reportage:

Teil 1. Eine Städterin auf dem Land

Teil 2. Zum Zmorge gibt’s Saures

Teil 3. folgt am Montag, 18.9. 2017: Von Klischees und Ritualen

Teil 4. folgt am Montag, 25.9. 2017: Baumkronen und Melkcomputer

Diesen Beitrag hat Commercial Publishing Tamedia in Zusammenarbeit mit der Züspa erstellt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2017, 15:29 Uhr

Züspa 2017

Die Züspa ist die grösste Publikumsmesse in der Region Zürich.

Dieses Jahr findet die Messe vom 29. September bis 8. Oktober 2017 statt.

Ein grosses Highlight der Züspa ist die Zürcher Landwirtschafts-Ausstellung Züla, an der der Zürcher Bauernverband sein 175-jähriges Bestehen feiert und der Stadtbevölkerung die regionale Landwirtschaft näherbringen möchte.

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Diesen Beitrag hat Commercial Publishing Tamedia in Zusammenarbeit mit der Züspa erstellt.

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