Zürcher rudern über den Atlantik: «Bireweich»

4800 Kilometer Wasser zwischen Start und Ziel – vier junge Schweizer nehmen am härtesten Ruderrennen der Welt teil.

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Dicht gedrängt stehen die Menschen im ersten Stock des Seeclubs Zürich. Kaviar, edle Mini-Hamburger und Whisky werden gereicht – die Stimmung ist gelöst. Im Garten direkt am Ufer des ­Zürichsees steht die Hauptattraktion des Abends: ein Ruderboot. Gut 8 Meter lang, fast 2 Meter breit; an ­beiden Enden befindet sich eine Koje.

Das Boot wird ab 12. Dezember das karge Zuhause sein für die ­Schweizer Marlin Strub, Luca Baltensperger, Yves Schultheiss und Laurenz Elsässer – für mindestens einen Monat. Die vier ­jungen Männer haben sich Grosses vorgenommen: Einen Ozean wollen sie überqueren – den Atlantik. Als Team Swiss Mocean bestreiten sie die Talisker Whisky Atlantic Challenge, eines der härtesten Ruderrennen der Welt. Fast 5000 Kilometer Wasser ­liegen zwischen Start und Ziel.

Hier noch auf dem gemächlichen Zürichsee – bald auf dem riesigen Atlantik: Yves Schultheiss, Laurenz Elsässer, Marlin Strub und Luca Baltensperger. Foto: Bettina Humm

Die Menschen im Seeclub Zürich sind Freunde, Familien und Journalisten. Es ist der offizielle Abschiedsapéro, bevor sich das Team als eines von 28 in Richtung La Gomera aufmacht, der zweitkleinsten der sieben Kanarischen Hauptinseln. Dort startet das Amateurrennen – das Ziel ist Antigua, eine noch kleinere Insel in der Karibik. Ohne Begleitboot wird sich das Team auf die lange Reise machen. Dafür bestens ausgerüstet mit Nahrung für 60 Tage, Wasserentsalzer, GPS, Solarpanels und Satellitentelefon. Doch es ist eine Reise ins Ungewisse.

Denn vor dem Start müssen sich Strub und seine Kollegen hauptsächlich auf Erzählungen von früheren Teil­nehmern der Regatta verlassen. Die ­machen nicht immer Mut, das zeigt die Geschichte eines Engländers, der vier Tage mit Seekrankheit zu kämpfen hatte: «Die ersten zwei Tage fühlst du dich, als würdest du gleich sterben. Die zweiten zwei Tage wünschst du dir, du wärst gestorben. Danach gewöhnst du dich an den Seegang.» Der Zürcher ­Marlin Strub erzählt es mit einer ­gewissen Lockerheit, beisst genüsslich in sein Sandwich. «Ich bin sicher, er hat ein bisschen übertrieben», sagt er. «Es ist wohl für jeden etwas anders.»

Infografik: Das Boot Grafik vergrössern

Kollege Yves Schultheiss ist ebenso guter Laune, geradezu euphorisch sagt er: «Ich habe keine Angst. Irgendwie freue ich mich auf den ersten Sturm.» Um dann gleich anzufügen: «Aber ich bin wohl zu naiv, weil ich das Meer nicht kenne.» Es sind Aussagen, die zum ­jungen Team passen, in Gesprächen hat man teilweise gar das Gefühl, dass ihnen noch nicht bewusst ist, was auf sie ­zukommen wird.

Die Idee in der Berghütte

Wie kommen die vier jungen Männer dazu, an diesem wagemutigen Projekt teilzunehmen, sich freiwillig in grosse Gefahr zu begeben und der Wucht der Natur auszusetzen? Vor rund drei Jahren blätterte Baltensperger in einer Berghütte in einem Fachmagazin, las von der Challenge und sagte: «Das mache ich auch mal.» Die ­anwesenden Kollegen lachten über die Idee des Zürcher Jurastudenten mit den blonden Haaren und blauen Augen, doch das weckte Baltenspergers Ehrgeiz erst recht. Drei andere Freunde waren von der Idee dafür begeistert: Marlin Strub, Robotikstudent mit kantigem Kinn, Dreitagebart und Lippen, die scheinbar von ganz alleine immer ein Lächeln formen. Yves Schultheiss, ­pädagogischer Betreuer aus Bern, ein bärtiger Mann mit der Statur eines Bodyguards. Und Laurenz Elsässer aus ­Walenstadt, ein Helikopterpilot in Ausbildung, mit 1,75 m der Kleinste der Gruppe, «aber der mit dem grössten Maul», so sagt er es selbst.

So machte das Team Swiss Mocean vor über einem Jahr Werbung für sein Projekt. Quelle: YouTube

Die vier hatten sich im Militär kennen gelernt, sie absolvierten gemeinsam die Rekrutenschule als Grenadiere. Baltensperger sagt: «Wir sind zäh, ­aufopfernd und können uns aufeinander verlassen.» Dank der Herausforderung kann er aus dem geregelten Alltag ausbrechen: «Schule, Gymnasium, ­Studium, all das wurde irgendwie von mir erwartet. Diese Challenge mache ich nur für mich. Weil sie mir Freude macht und ich glücklich bin.»

Funktionierende Chaoten

Schultheiss fühlt sich derweil bereits wie ein Abenteurer: «Vor 500 Jahren wäre ich wohl losgezogen, um Drachen zu töten.» Die Vorfreude überwiegt, trotzdem gibt er zu: «Die Nervosität wird grösser; vor dem Einschlafen ist mir langsam mulmig, ich denke an dieses ‹bireweiche› Projekt. Aber ich glaube, dass alles gut kommt.»

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Alle versprühen eine verblüffende Zuversicht, fühlen sich optimal vor­bereitet, auch wenn nicht alles perfekt lief. So musste das Boot bereits früher als geplant verschifft werden, wodurch ein angedachtes 72-Stunden-Training auf dem Zürichsee ausfiel. Die Jungs hatten schlicht zu spät an die Platz­reservation auf der Fähre ­gedacht. «Wir sind ­Chaoten. Aber in der Vorbereitung ­haben wir immer wieder gesehen, dass wir als Team noch besser funktionierten, wenn es entscheidend war», sagt Strub.

Am Fitnesszustand dürfte das Projekt kaum scheitern, das zeigt sich beim Anblick der 26- bis 28-Jährigen. Das Krafttraining auf das Rennen hin hat sich gelohnt, die vier sind Muskelprotze, verlassen sich aber nicht nur auf ihre stämmigen Oberarme. In den letzten Wochen und Monaten haben sie auch an ihrer Ausdauer gefeilt. Das ausgefallene 72-Stunden-Training wurde auf 48 Stunden gekürzt und vom Boot auf den ­Ruderergometer auf Baltenspergers Ter­rasse verlegt. Doch Strub weiss auch, dass das Training in der Schweiz nicht mit der Realität auf dem Atlantik zu vergleichen ist, das Team war mit dem Boot noch nie auf hoher See.

Wenig Erfahrung, gutes Omen

Swiss Mocean fehlt es an Erfahrung als Ruderer. Lediglich Schultheiss ruderte in seiner Jugend. Er gab das Wissen und die Techniken in der Vorbereitung ­seinen drei Kollegen weiter. Anfangs im normalen Vierer, später auf der «Mrs. Nelson», so der Name des Schiffs, das die vier über den Atlantik tragen soll. Die Schweizer wollen Antigua als Erste erreichen, und – wenn das Wetter mitspielt – den Weltrekord brechen. Dazu müssen die Ruderer am 16. Januar im Hafen der Insel eintreffen, nach 35 ­Tagen also.

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Ein gutes Omen dafür ist die ­Geschichte des Boots. Das Team hat es vier Britinnen abgekauft, die damit in 40 Tagen zum Weltrekord bei den Frauen ruderten. Von ihnen übernimmt Swiss Mocean auch die Taktik: Um möglichst effizient zu sein, rudern ­immer zwei, während sich die Kollegen erholen. Strub und Baltensperger bilden das eine Team, Schultheiss und ­Elsässer das ­andere. Das Boot bewegt sich so ­während der ganzen Zeit fort, es sei denn, alle vier Ruderer müssen sich bei einem Sturm in die Kojen zurück­ziehen.

In 19 Tagen starten die Schweizer zu ihrer Mission. Dann wird es eng, nass und wellig für sie, ihr Lebensinhalt wird sich während dieser Tage grundlegend ändern. Für Marlin Strub, Luca Baltens­perger, Yves Schultheiss und Laurenz ­Elsässer werden es also spezielle Weihnachten. Statt die Gabel im Fondue ­Chinoise schwingen sie dieses Jahr die Ruder im Atlantik. Zum Feiern bleibt keine Zeit. Elsässer sagt: «Wir klatschen kurz ab, dann geht es weiter.» Weiter gegen Westen, Schlag um Schlag.

Erstellt: 22.11.2017, 22:06 Uhr

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Wir begleiten das Team Swiss Mocean auf seinem Weg über den Atlantik und berichten in unregelmässigen Abständen.

Wikinger und Sponsorensuche

Glaubt man einer isländischen Sage, überquerten um 1000 nach Christus die ersten Wikinger den Atlantik und erreichten den amerikanischen Kontinent. In einem offenen Ruderboot schafften dies Sir Chay Blyth und John Ridgway 1966 als Erste. Sie brauchten dafür 92 Tage. Die Talisker Whisky Atlantic Challenge beruht auf ihrer Pionierfahrt und fand 1997 zum ersten Mal statt. Seither wurde sie in unregelmässigen Abständen durchgeführt. Heuer wird sie zum 12. Mal ausgetragen, zum 5. Mal unter diesem Namen und in dieser Form. Gerudert wird in Viererteams, zu zweit oder alleine. Marlin Strub, Luca Baltensperger, Yves Schultheiss, und Laurenz Elsässer nehmen die Herausforderung als erstes Schweizer Team in Angriff. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf fast 140 000 Franken, alleine das Boot und dessen Ausrüstung auf 75 000. Seit Anfang 2016 befinden sich die vier auf Sponsorensuche. Über eine Crowdfunding-Plattform sammelten sie 30 000 Franken. Dazu nahmen die Ruderer Privatdarlehen auf, um die Teilnahme zu finanzieren. Die Suche nach Geldgebern läuft auch während der Überfahrt weiter. Sollte dank dem Verkauf des Bootes ein Überschuss erreicht werden, spendet Swiss Mocean diesen an zwei Kinderheime in Rumänien. (te/mro)

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