Geteilte Freude, doppelte Freude

Martina Hingis und Timea Bacsinszky feiern ihr Silber wie einen Olympiasieg und werden immer wieder von Emotionen übermannt.

Am Schluss schmeckte ihnen auch Silver: Martina Hingis und Timea Bacsinszky nach dem verlorenen Final von Rio. Foto: Urs Jaudas

Am Schluss schmeckte ihnen auch Silver: Martina Hingis und Timea Bacsinszky nach dem verlorenen Final von Rio. Foto: Urs Jaudas

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Als das Silberduo in den Medienraum kommt, ist die Stimmung kühl. Timea Bacsinszky beklagt sich, dass ihr Name auf dem Tischchen noch immer falsch geschrieben ist (das zweite s fehlt) – und Martina Hingis missfällt, dass sie «zum 20. Mal» erklären muss, wie sie diesen Final erlebte. Zehn Minuten später ist aber alles anders, fliessen wieder die Tränen. Wie zuvor auf dem Platz wird auch hier klar, wie stark die Gefühle sein müssen, wie viel dieser neu formierten Zufallspaarung der Erfolg bedeutet.

Gefragt, wie es ist, eine solche Medaille in der Hand zu halten, wird zuerst Hingis emotional und beginnt sogar Französisch zu sprechen, damit auch ihre Partnerin sie versteht. «Ich kann diese mit Stolz mitnehmen, und an den nächsten Turnieren können wir die Emotionen teilen», sagt sie. Und redet sich in Fahrt. Das Turnier in Cincinnati, das beide diese Woche bestreiten sollen, sei nun sch...egal, «heute Abend geben wir Vollgas, da gibt es Raclette, Weissen, Roten ...» Sie wolle den Erfolg auch mit den vielen Fans feiern, das olympische Gemeinschaftsgefühl ein weiteres Mal auskosten. «Anders als sonst hatten wir ein grosses Team im Rücken, das uns half, vom ersten bis zum letzten Tag.»

«Bitte nicht wieder weinen»

In diesem Moment kann sich Bacsinszky neben ihr nicht mehr zurückhalten. Sie greift zum Mikrofon, um auch «allen Schweizer Athleten» und dem Team für die riesige Unterstützung im olympischen Dorf zu danken. Dieses Gefühl, so stark getragen zu werden, «und dann noch für die Schweiz, dieses schöne Land, zu spielen» – das sei einfach «fabelhaft». Bei diesen Worten deutet sie auf das Schweizer Kreuzchen auf ihrer Jacke, und die Bitte von Hingis kommt zu spät, sie solle nicht wieder weinen. Und nun fliessen bei beiden Tränen.

Bacsinszky ist schon am Freitag sehr bewegt. Nach dem Halbfinal setzt sie zu einem Plädoyer für die Olympischen Spiele und die Idee an, Athleten aus aller Welt zu sportlichen Wettkämpfen zusammenzubringen. «Was wir hier erlebt haben, ist unbezahlbar», sagt sie nun.

Der Final, der eben zu Ende ging, liegt bereits weit zurück, die Niederlage ist abgehakt. Wie 2012 Roger Federer in London gelingt es auch den zwei Frauen, sich vom verlorenen letzten Einsatz die Gesamtbilanz nicht trüben zu lassen. Vielleicht weil sie wissen, dass beim 4:6, 4:6 gegen die Russinnen Jelena Wesnina/Jekaterina Makarowa beide nicht optimal spielten. «Besonders Bacsinszky wirkte etwas verkrampft, sie konnte wenig Druck entwickeln», sagt Fed-Cup-Captain Heinz Günthardt. «Wir hatten zwar unsere Chancen, aber wir haben das Maximum herausgeholt», ist Hingis überzeugt, «wir nehmen aus Rio nur Positives mit.» Und doch war der Olympiasieg vielleicht näher, als es das Resultat ausdrückt. Hätten sie eine der zwei frühen Breakchancen gegen die anfänglich nervös wirkende Wesnina genutzt (zum 3:1), hätte der Final einen ganz anderen Lauf genommen, vermutet Günthardt. Im zweiten Satz wirken die Schweizerinnen dann lange sogar überlegen, sie vergeben aber auch die Breakchancen vier bis sechs (zum 4:2).

«Durch dick und dünn»

Den Russinnen dagegen genügt eine einsame Chance zum Break im neunten Game, worauf sie sich souverän zum Olympiasieg servieren. Makarowa/Wesnina geben im ganzen Turnier keinen Satz ab und gewinnen ihren zweiten Titel in Folge, nachdem sie schon in Montreal ungeschlagen geblieben sind. «Sie servierten stark, waren aggressiver und drängten uns dazu, immer noch mehr Risiken einzugehen», sagt Hingis.

Als sie nach Rio gekommen sei, habe sie sich wenig Chancen ausgerechnet, selbst ihre Mutter hätte «keinen Penny auf uns gesetzt», bemerkte sie nach dem Halbfinal gegen Hlavackova/Hradecka, in dem sie zwei Matchbälle abwehren konnte. Hinter ihr liege in Rio nun «eine unglaubliche Reise». Es sei auch ganz anders, in einem Alter, «wenn es dem Ende zugeht, wenn alles hinter dir liegt», eine Medaille zu holen als mit 16, 17 Erfolge zu feiern, wenn die Karriere erst beginne.

Dass sie so emotional geworden sei, habe aber auch mit ihrer Partnerin zu tun. «Wir sind sehr stolz aufeinander. Wir kämpften zusammen, gingen durch dick und dünn, konnten gemeinsam ein neues Niveau erreichen. Und jetzt können wir loslassen, nach allem Stress.» Ob die wunderbare Reise weitergeht, ist unklar. Für Bacsinszky habe das Einzel Priorität, weiss Hingis, «aber vielleicht spielen wir schon wieder einmal zusammen». Auch bei diesen Worten schaltet sich ihre Lausanner Silberpartnerin dazwischen und scherzt: «Ich arbeite bereits daran, dass Martina bis 2020 weiterspielt.»

Erstellt: 14.08.2016, 22:46 Uhr

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