«Ich war in einer anderen Welt»

Läuferin Selina Büchel lief am Diamond-League-Meeting in Paris auf Rang 4 der Jahresweltbestenliste. In 1:57,95 verbesserte sie den 28 Jahre alten Schweizer Rekord um fast eine Sekunde.

Ungläubiger Blick nach unglaublichem Rennen: Die Drittplatzierte Selina Büchel (23) nach dem Zieleinlauf im Stade de France. Foto: Imago

Ungläubiger Blick nach unglaublichem Rennen: Die Drittplatzierte Selina Büchel (23) nach dem Zieleinlauf im Stade de France. Foto: Imago

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Sie sagten nach Ihrem Rekord­rennen am Samstag, Sie seien in ­einer Art Schockzustand. ­Dauert dieser einen Tag später an?
(lacht) Nein. Ich konnte emotional ein bisschen herunterfahren und die Leistung einordnen. Ich rechnete mit einer Zeit unter zwei Minuten. Doch als ich 1:57,95 aufleuchten sah, dachte ich, das stimmt nicht. Ich konnte es fast nicht glauben. Ich war in einer anderen Welt, ich musste ein wenig heulen.

Ihre hervorragende Form haben Sie aber schon in den vorangegangenen Rennen angedeutet.
Ja, ich wusste, dass ich besser laufen kann als die bisherige Bestzeit (2:00,14). Seit Mitte Mai haben mir einige Leute gesagt, ich sei zu 1:58 Minuten fähig. Aber es ist einfach, das zu sagen. Ich musste es nun auch erst machen.

Wie erlebten Sie das Rennen? ­Welches waren wichtige Momente?
Ein 800-m-Rennen ist kurz, da ist fast ­alles wichtig. Beim Start waren wir zu zweit auf Bahn 4 eingeteilt, ich wusste, dass ich zuerst einmal vor diese Konkurrentin kommen musste. Weil ich nicht die schnellste Starterin bin, war dies die erste Herausforderung. Die ersten 100?m waren relativ schnell, und ich merkte, dass die Favoritinnen schon alle weit weg waren. Bei 300 m gelang es mir ­jedoch, zur Spitzengruppe aufzu­schliessen – auch weil der Pacemaker einen schlechten Job machte. Sie lief zuerst zu schnell und liess dann nach, deshalb kam ich wieder heran. Wir passierten in 57,4 Sekunden nach einer Runde, so schnell war ich noch nie, und ich fühlte mich gut.

Befürchteten Sie nicht, dass Sie auf der ersten Hälfte zu viel Energie verbraucht hatten?
Nein, im Gegenteil. Ich war von Anfang an regelmässig gelaufen, die Läuferinnen vor mir mussten einige Rhythmuswechsel verkraften.

Neben Ihrer Endschnelligkeit scheint die Wettkampfintelligenz Ihre grösste Stärke zu sein.
Ja, das ist wohl so. Und ich habe mir in dieser Saison das Ziel gesetzt, dass ich in allen Rennen, nicht nur an grossen Meisterschaften, mit einer gewissen Anspannung und Nervosität starte. Irgendwie war ich bis anhin zu wenig ­bereit beim Start, zu wenig angespannt.

Kann man sich das vornehmen? Geschieht dies nicht einfach?
Ja, das kann man lernen. Es hat damit zu tun, wie wichtig einem ein Rennen ist. Und an grossen Meetings mit starker Konkurrenz ist es nicht schwierig, zu erkennen, dass der Start wichtig ist. Dass ich nun diese Anspannung bei jedem Rennen herstellen kann, ist für mich ein grosser Schritt.

Sie unterboten Sandra Gassers Schweizer Rekord von 1987 um 95?Hundertstel und Ihren eigenen Rekord um gut zwei Sekunden. Konnten Sie sich das vorstellen?
Wie gesagt, ich wusste, dass ich unter zwei Minuten laufen kann, ich dachte aber, dass ich mich langsam steigere.

Sie waren ohne Betreuer in Paris, was passierte nach Ihrem Exploit?
Ich habe mit meinem Trainer telefoniert, der sich auch sehr gefreut hat. Ich habe auch den Nationaltrainer ange­rufen. Und dann ging ich in die Doping­kontrolle.

Freiwillig oder betraf es all jene, die einen Podestplatz belegten?
Freiwillig. Damit der Schweizer Rekord anerkannt wird, muss ich innerhalb von 24?Stunden eine Probe abgegeben haben, das ist auch im Interesse von Swiss Athletics. Das Einfachste war, dass ich das noch in Paris hinter mich bringe.

Mit Ihrer Rekordzeit sind Sie in die Weltspitze gelaufen und belegen derzeit Rang 4 der Jahreswelt­bestenliste. Zu fürchten brauchen Sie damit niemanden mehr.
Ja, das ist definitiv so. Jetzt weiss ich, dass ich in jedem Rennen mitlaufen kann.

Künftig dürften Sie an allen Meetings ein gern gesehener Gast sein.
Ja, ich denke, mit dieser Zeit kann ich starten, wo ich möchte. Bisher haben mir die Organisatoren von «Weltklasse Zürich» zu Startplätzen an den grossen Meetings verholfen.

Ihre Saison ist bereits jetzt schon lang. Sie siegten in 9 von 9 Rennen und liefen nun diese Zeit. Am ­Donnerstag steht die Athletissima in Lausanne an, danach Luzern, Bellinzona und London. Gedenken Sie, zugunsten der WM im August auf etwas zu verzichten?
Nein, ich habe nicht vor, am Programm etwas zu ändern. Für mich liegen die drei Rennen in der Schweiz perfekt. Und nach dem Diamond-League-Meeting in London gibt es noch einmal einen Trainings­block vor der WM.

Haben Sie die Startliste von ­Lausanne schon studiert?
Ja, aber die Amerikanerin Molly Ludlow ist die einzige Läuferin, die auch in Paris dabei war. Doch es wird schon so sein, dass einen die Konkurrenz nun ein ­bisschen anders wahrnimmt.

Erstellt: 06.07.2015, 08:08 Uhr

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