Poker ins Glück

Mit Bronze erringt Giulia Steingruber im Sprungfinal ihre erste Olympiamedaille.

Setzte im Sprungfinal auf Sicherheit und Sauberkeit: Giulia Steingruber. Foto: Urs Jaudas

Setzte im Sprungfinal auf Sicherheit und Sauberkeit: Giulia Steingruber. Foto: Urs Jaudas

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Grundsätzlich ist ihr der Ort vertraut. Auf dem Podest, ein paar Zentimeter über dem Bodenquadrat, rechts von ihr die Siegerin – auch wenn Giulia Steingruber in ihrer Karriere Wettkämpfe vor allem gewonnen hat: Sie weiss durchaus, wie sich ein 3. Platz anfühlt.

Dieser 3. Platz aber ist anders. Es gibt für ihn keine gewöhnliche Bronzemedaille, nein, es ist olympische Bronze, die um ihren Hals hängt. «Ich finde keine Worte dafür», sagt Giulia Steingruber unmittelbar nach dem Wettkampf, auf ihre Gefühlslage angesprochen. Nach nicht weniger als neun EM-Medaillen in den vergangenen vier Jahren ist ihr im Sprungfinal nun der ganz grosse Coup geglückt. Hinter Überspringerin Simone Biles und der Russin Maria Paseka rangierte sie sich, aber vor der namhaften Konkurrenz. Die 49. Turnmedaille für die Schweiz bei Olympischen Spielen ist die erste einer Frau.

Vorgabe erfüllt

Und mit nunmehr fünfmal Edelmetall in Rio de Janeiro hat die Schweizer Delegation die Vorgabe von Swiss Olympic schon am neunten von insgesamt 16 Wettkampftagen erfüllt.

Die erste Bronzemedaille bei einem Wettkampf mit weltweiter Konkurrenz brachte einmal mehr die Bestätigung, dass Steingruber sich nicht so schnell aus der Fassung bringen lässt. Von der Bühne genauso wenig wie von der Konkurrenz. Ihr und Trainer Zoltan Jordanov war bewusst gewesen, wie schwierig der Medaillentraum zu erfüllen ist mit dem gewohnten Repertoire. Der neue Sprung aber, ein Tschussowitina mit zusätzlicher halber Schraube, der war zu ungewiss, schon vor ihrem Abflug nach Rio waren bei der 22-jährigen St. Gallerin Zweifel aufgekommen.

Sturzorgie der Waghalsigen

Erst Tage vor dem Sprungfinal indessen gab sie ihre Entscheidung bekannt, auf Sicherheit und Sauberkeit zu setzen, ihr Programm also durchzuziehen, von dem sie weiss, dass es perfekt sitzt – und auf Fehler der Gegnerinnen zu hoffen. Es war ein Poker: Sie war es gewesen, die vor vier Jahren in London den Olympiafinal verpasste, sie war es auch gewesen, die an der WM 2015 in Glasgow im Sprungfinal stürzte – vielleicht riskierte ja diesmal jemand anders zu viel.

Genau so kam es. Zunächst drehte die Nordkoreanerin Hong Un-jong ihre gefährliche Dreifachschraube trotz guter Höhe zu wenig weit, sie stürzte und erhielt vom Kampfgericht obendrein nur zweieinhalb Schrauben angerechnet. Dann war Oksana Tschussowitina an der Reihe, die Usbekin, die eines der waghalsigsten Elemente im Frauenturnen überhaupt zeigte: einen Überschlag mit Doppelsalto. Die 41-Jährige landete aber zu tief und musste einen Purzelbaum anhängen. Und nachdem Steingruber ihre Sprünge fast perfekt auf die Matte gebracht hatte, scheiterte auch die Inderin Dipa Karmakar beim Doppelsalto an den Kräften dieses Sprungs. Vor lauter Nervosität habe sie gar nicht hinschauen können, gestand Steingruber.

Nach dem missratenen Auftritt von Karmakar stand fest, dass die Schweizerin, die bis dahin führte, die Medaille auf sicher hatte. «Eine riesige Anspannung fiel von mir ab», sagte sie hinterher und erklärte lächelnd: «Olympiabronze ist eine Belohnung für die harte Arbeit.» Steingruber betreibt Kunstturnen, seit sie 7 ist. Ins Nationalkader wurde sie 2010 berufen, mit 14 Jahren. 30 Stunden wöchentlich steht sie seither in der Turnhalle. Immer an ihrer Seite: Jordanov. «Ohne ihn wäre ich nie so weit gekommen», lobte sie. «Er ist der Vater meiner Erfolge», sagte sie einmal über den 64-jährigen Ungarn mit britsicher Staatsbürgerschaft.

Biles mit dritter Goldmedaille

Was Jordanov zum Coup seiner Turnerin sagte, war in der Rio Olympic Arena hingegen vorerst nicht zu erfahren. Wie oft in erfolgreichen Momenten überlässt er Steingruber das Scheinwerferlicht und geniesst im Stillen. Nachdem sie vor drei Jahren in Moskau erstmals Europameisterin geworden war (am Sprung natürlich), machte er sich wortlos davon, um sich in seinem Hotelzimmer ein Glas Whiskey zu gönnen.

Ohne Konkurrenz in diesem Sprungfinal war nicht zuletzt wegen der Sturzorgie Simone Biles: Die kaum fassbare Amerikanerin gewann schon ihre dritte Goldmedaille an diesen Spielen. Biles erreichte ein Total von 15,966 Punkten und schuf sich so eine Differenz von über sieben Zehntel auf die zweitklassierte Russin Maria Paseka. Beides ist bei Olympischen Spielen unerreicht seit der Einführung der neuen Wertung. Mit Paseka errang die Olympiadritte von London diesmal Silber und blieb somit – wie schon bei der EM 2015 – in Montpellier vor Steingruber.

Erstellt: 14.08.2016, 22:46 Uhr

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