Reine Kopfsache

Zeina Nassar will kämpfen, aber ihr Kopftuch verstösst gegen die Kleiderordnung. Unterwegs mit einer Frau, die nicht länger warten will.

Sie will kämpfen, darf aber nicht. Zeina Nassar.

Sie will kämpfen, darf aber nicht. Zeina Nassar. Bild: Keystone

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Die Ampel verharrt auf Rot. Auf der Strasse taucht aus der Dunkelheit ein Auto auf und noch eins und noch eins. Auf dem Trottoir tippelt eine junge Frau immer näher an den Randstein heran. Linker Fuss, rechter Fuss, immer nur eine Zehenspitze. Linke Zehenspitze. Rechte Zehenspitze. Zeina Nassar wartet auf Grün.

An diesem Dezemberabend hat Zeina Nassar einen arbeitsreichen Tag hinter sich. Eine Statistikvorlesung am Campus der Universität Potsdam, kein Mittagessen, mit dem Zug an den Campus in Golm, im Abteil hat sie ihren Vortrag für das Seminar laut eingeübt. In der Cafeteria eine Tasse Fencheltee, keine Banane, die waren aus; ein Vortrag, den sie selbst als «ganz super» einschätzt, dann mit dem Zug nach Charlottenburg, 18 Minuten Verspätung, den Anschlusszug verpasst. Am Westkreuz ein Käsegebäck, das erst zu trocken war und dann zu heiss, noch ein Zug, und jetzt, am Bahnhof Spandau, ist sie eine halbe Stunde zu spät dran. Nassar will nicht noch mehr Zeit verlieren, sie tippelt und tänzelt. Linke Zehenspitze. Rechte Zehenspitze. Irgendwann taucht aus der Dunkelheit kein Auto mehr auf. Sie läuft los.

Als Zeina Nassar die Strasse halb überquert hat, springt die Ampel auf Grün. Dies ist eine Geschichte über Zeit. Über die Zeit, die ein junger Mensch braucht, um zu sich selbst zu finden, um seine Stärken zu entwickeln. Es ist aber auch eine Geschichte über die Zeit, die einem jungen Menschen geraubt werden kann.

Sie verschenkt keine Minute

Zeina Nassar ist 20 Jahre alt, sie ist deutsche Meisterin im Federgewicht, sie ist noch nicht angekommen. Deswegen verschenkt sie keine Minute. Nicht im Zug, nicht in der Kantine, nicht an der Ampel. «Vor Kurzem ist mir aufgefallen, dass ich etwas seit Jahren mache: Wenn ich auf Grün warte, versuche ich auch da, die Erste zu sein, die vorgeht», sagt sie. «Ich mache nicht den Schritt zurück. Sondern ich bin so fokussiert, dass ich immer nach vorne will, dass ich sofort losgehe, wenn es Grün wird – und dann gucke ich, ob ich die Schnellste war.» Wie Zeina Nassar an der Ampel auf Grün wartet, das fasst ihr Leben im Jahr 2018 gut zusammen. Auf der Treppe nimmt sie zwei Stufen auf einmal, die Rolltreppe ignoriert sie, in die Vorlesung am Vormittag kommt sie mit handschriftlichen Notizen zu dem Vortrag, den sie gleich hören wird. Manchmal wirkt es so, als sie sei ihrer Zeit ständig voraus.

Als Boxerin ist sie aber noch lange nicht am Ziel, sie will Europameisterin werden, Weltmeisterin, Olympiasiegerin.

2018 hat sie es geschafft, keine Minute zu verschwenden, es war ihr bislang erfolgreichstes Jahr. Sie ist zum fünften Mal Berliner Meisterin geworden und zum ersten Mal deutsche Meisterin. Als Boxerin ist sie aber noch lange nicht am Ziel, sie will Europameisterin werden, Weltmeisterin, Olympiasiegerin, irgendwann vielleicht Weltmeisterin bei den Profis, aber das ist selbst für sie weit weg. Sie hat ihr Leben im Sinne dieser Ziele getaktet, an sechs Tagen in der Woche trainiert sie, manchmal zweimal pro Tag. Sie hat einen Boxtrainer, einen Lauftrainer, und jetzt, an diesem Abend in Spandau, ist sie unterwegs zu ihrem Athletiktrainer. Die Stunden sind nicht billig, Snezan Stjepic hat viele Kunden, wenn sie noch später kommt, sagt Nassar im Eilschritt, bleibt ihr vielleicht nicht viel Zeit für das Training. Sie rennt inzwischen fast, auf den Hof einer früheren Fabrikanlage, einmal ums Eck, die Treppen hoch, am Ende eines Ganges wartet Stjepic.

Nassar entschuldigt sich, eine Umarmung, Stjepic beruhigt sie: Sie darf die volle Einheit trainieren. Nassar verschwindet in der Umkleide.

Eine knappe Dreiviertelstunde lang scheucht Stjepic, ein früherer Football-Profi, Nassar durch sein Gym. Liegestütze, Hampelmänner, Reaktionsübungen mit Tennisbällen, am Ende eine Stabilisationsübung auf grossen Gummibällen.

Nassar hat vom Tag zuvor Muskelkater, nach ein paar Übungen entspannt sie sich, in den Pausen boxt sie in die Luft. Im Fenster beobachtet sie sich selbst, ihre Fäuste zischen auf ihr Spiegelbild zu, links, rechts, links, rechts. Nassar sieht die Boxerin, die zu schnell ist für die nationale Konkurrenz. Sie sieht aber auch die Boxerin, die international nicht antreten darf. Zeina Nassar sieht sich selbst, schwarze Sneakers, Kopftuch.

Das Kopftuch: eine Streitfrage

Ob ein Kopftuch ein religiöses, ein politisches oder ein kulturelles Symbol ist, ob es in Gerichtssälen oder Schulen zugelassen ist, darüber streiten Wissenschaftler, Juristen und viele andere; warum eine Frau ein Kopftuch trägt, kann zahlreiche Gründe haben. Besonders langsam öffnet sich in dieser Frage der Sport, obwohl sich dieser gerne als Wettkampf der vielen feiert.

Berühmt geworden ist die Fechterin Ibtihaj Muhammad, die in Rio als erste Athletin mit Kopftuch für die USA Bronze gewann. Bild: Keystone

Zu den Sportarten, die sich international überhaupt nicht öffnen, gehört das Boxen. Kaum eine andere Sportart ist noch eine derartige Bastion des Machismo. Fast alle Trainer, Manager, Ringrichter sind Männer, auch bei Frauenkämpfen. Dass Frauen hochklassige Boxduelle liefern können, gilt in der Branche nach wie vor als unpopuläre Ansicht. Selbst die Lieblingsboxer der Deutschen in diesem Jahrtausend, die Klitschko-Brüder, äusserten sich abfällig. Wladimir, der Jüngere, sagte einmal, bei boxenden Frauen «könne er gar nicht hinschauen». Von ihren Managern werden Boxerinnen auffällig oft als Schönheiten angepriesen, noch häufiger werden sie in knappe Outfits gesteckt.

Was olympische Boxerinnen tragen dürfen, wird streng im Regelwerk des internationalen Dachverbandes Aiba aufgeführt. Verboten ist Bekleidung, die das Knie bedeckt, auch die Arme müssen frei sein. Verboten sind: lange Klamotten unter dem Trikot und der Hose sowie das Kopftuch.

Zeina Nassar war acht Jahre alt, als sie ein Kopftuch tragen wollte. Ihre ältere Schwester trug eins, und weil diese für sie eine Autoritätsperson gewesen sei, erzählt sie, fand sie das Kopftuch interessant und wollte ebenfalls eins anziehen. Ihre Mutter fragte sie, ob sie nicht noch warten wolle, vielleicht ein Jahr? Sie wollte nicht.

Boxen, eine fremde Welt

Als Nassar das Kopftuch schon seit knapp fünf Jahren trug, sah sie eine Dokumentation über Mädchen beim Boxtraining. Sit-ups. Schattenboxen. Sie sah Bilder aus einer Welt, die ihr fremd war. «Mich hatte das Unbekannte gereizt. Ich hatte gedacht, das ist nur was für Männer oder zu gefährlich», sagt sie. «Ich habe immer neue Herausforderungen gebraucht. Einfach um es zu machen. Um zu wissen, ob ich es kann oder nicht.» Was sie damals nicht wusste: dass es nicht nur der Start ihres Weges zu sich selbst war.

«Mir ist total wichtig, dass jeder das gleiche Recht hat und das machen kann, worauf er Lust hat. Niemand darf mir sagen, dass ich etwas nicht erreichen kann oder darf. Ich entscheide selber, worauf ich Lust habe.»Zeina Nassar


Sieben Jahre später ist sie zu einem Symbol aufgestiegen, das grösser ist als nur die Boxerin Zeina Nassar. Sie reist zu Terminen nach Amsterdam oder London, sie trifft den Fussballer Kylian Mbappé, die Fussballerin Lieke Martens, den Basketballer LeBron James. Am Tag vor jenem Dezemberabend in Spandau hatte sie ein Shooting mit ihrem Ausrüster, am folgenden Tag fährt sie nach Köln zu einer TV-Sendung. Zum 70. Jubiläum des Grundgesetzes wirbt sie für die Deutschlandstiftung Integration, für den Artikel 4.2 («Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet»). Sie spricht nun oft über die Rolle von Frauen oder muslimischen Frauen, es ist ein Thema, das ihr wichtig ist, über das sie viel nachgedacht hat. Und wenn sie spricht, klingt sie manchmal, als wäre sie ihrer Zeit wieder voraus.

An dem vollgepackten Dezembertag sagt sie zwischen all ihren Terminen ganz selbstverständlich immer wieder druckreife Sätze. «Rechte sind für alle gleich. Es ist so was von egal, wie du aussiehst, wo du herkommst, welche Sprache du sprichst – insbesondere in der heutigen Zeit. Ich habe das Gefühl, dass Frauen lange unterschätzt wurden. Heute können wir zeigen, dass wir auch fähig sind zu kämpfen, zu boxen oder viele andere Sachen zu machen.» Oder sie sagt: «Mir ist total wichtig, dass jeder das gleiche Recht hat und das machen kann, worauf er Lust hat. Niemand darf mir sagen, dass ich etwas nicht erreichen kann oder darf. Ich entscheide selber, worauf ich Lust habe.» Nebenbei spielt Nassar am Berliner Gorki-Theater. Das Thema des Stücks: die Selbstbestimmtheit unterschiedlicher Persönlichkeiten.

Jetzt, da sie dieses Symbol geworden ist, verrutscht in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal die Perspektive. Dann ist sie in erster Linie die Athletin mit Kopftuch, die Kämpferin für Chancengleichheit. Es ist eine Rolle, die sie gerne und leidenschaftlich übernimmt. Aber es ist nicht ihre Perspektive. Für sie selbst ist sie immer noch die Kämpferin im Ring. «Ich habe nicht mit dem Boxen angefangen, weil ich was verändern wollte. Sondern weil ich es interessant fand. Jetzt erst merke ich, was ich gesellschaftlich alles verändere.»

Die Eltern waren schockiert

Als sie ihren Eltern erzählte, dass sie gerne boxen würde, waren diese zunächst schockiert. Was für Männer. Zu gefährlich. Das waren ihre Gedanken. Also hielt Nassar eine Präsentation im Wohnzimmer. Dass Boxen Respekt lehre, dass es die Konzentration erhöhe, dass es aus ihr eine bessere Schülerin machen werde. Danach hatten die Eltern keine Argumente mehr.

Als Boxerin hatte sie sich selbst gefunden.

Zuvor, beim Fussball und beim Basketball, hatte Nassar stets von ihrer Schnelligkeit profitiert, und so war das zunächst auch beim Boxen. Sie hatte schnelle Fäuste. Sie hatte schnelle Beine. Aber etwas passte nicht. «Ich habe ganz normal angefangen mit dem Standardboxen. Hände oben. Kinn runter. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich noch nicht das gefunden habe, wo ich mich richtig sicher fühle.» Sie fing an, mehr mit dem Oberkörper zu arbeiten. Sie duckte sich. Sie pendelte. Sie lockte ihre Gegnerinnen, weil ihre Hände nach unten rutschten. «Am Anfang war es wie ein Fehler. Meine Trainerin hat nur gesagt: Deckung hoch! Deckung hoch!» Die Deckung ging hoch, und sie rutschte sofort wieder runter

Nassar brauchte Zeit, um den Fehler zu finden. Der Fehler war, dass sie nicht auf ihre Stärke vertraute. «Ich habe irgendwann einfach gemerkt, dass ich viel schneller bin, wenn die eine Hand, die Schlaghand, nicht oben ist.»

Seitdem boxt sie mit baumelnder Schlaghand weit unterhalb des Kinns. Als Boxerin hatte sie sich selbst gefunden. Sie sah nach einem leichten Ziel aus, war aber immer noch zu schnell. Sie war bereit für einen ersten Wettkampf.

Doch sie musste erst einmal warten.

Vor wenigen Jahren hatten die Wettkampfbestimmungen des Deutschen Boxsport-Verbandes wie im Weltverband Aiba noch lange Kleidung unter Trikot und Hose verboten. Nassars Glück war es, dass ihre erste Trainerin, Linos Bitterling, die erste Ringrichterin Deutschlands war, dass sie gute Kontakte hatte und diese nutzte. Die Boxbosse hatten bald keine Argumente mehr, die Wettkampfbestimmungen wurden geändert. Seitdem heisst es dort: «Bei weiblichen Boxern kann aus Glaubensgründen auch ein Trikot mit langen Armen und eine lange Beinbekleidung unter den Shorts erlaubt werden.» Und: ein Kopftuch.

Er erste Kampf

Als 14-Jährige stieg Nassar erstmals für einen offiziellen Kampf in einen Boxring, für ihre Gegnerin war es das fünfte Duell. Nassar kämpfte tapfer, die eine Hand hing weit unter dem Kinn, sie pendelte, sie duckte sich, sie kämpfte ganz anders, als es die klassische Lehre vorsieht. Sie verlor. Dennoch gratulierten ihr die Leute. «Da habe ich gemerkt, dass es nicht nur darum geht, dass du eine Gewinnerin sein musst, um akzeptiert zu werden. Es geht darum, wie du es machst. Um den Weg.» Sie kämpfte weiter. Sie hat nie wieder verloren.

Für 2019 hatte sie, die beste deutsche Boxerin ihrer Gewichtsklasse, geplant, bei der U 22-Europameisterschaft anzutreten. Die Teilnahme wurde ihr versagt, die Begründung: Verstösse gegen das Regelwerk. Die lange Kleidung. Das Kopftuch. Michael Müller, der Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbandes, sowie dessen Präsident Jürgen Kyas setzen sich nun bei der Aiba für Nassar ein. Sie sagt, sie brauche auch diplomatische Unterstützung, vom Auswärtigen Amt, vom Kanzleramt. Ihr bleibt nicht viel Zeit: Die nächsten Olympischen Spiele finden 2020 statt, in Tokio. Sie hoffe, sagt Nassar, dass die Aiba sie in den nächsten Monaten zulassen werde. Erst einmal muss sie aber wieder warten.

Am Abend, nach der Einheit bei Stjepic, sitzt Nassar in einem Sessel am Rande der Trainingsfläche. Sie redet über Rituale, und irgendwann auch über Religion. Sie sagt: «Religion ist mir schon sehr wichtig – aber das sieht man doch auch: Ich trage das Kopftuch. Aber ich finde auch, dass das privat ist.» So wie sie nicht die Athletin mit Kopftuch sein will, will sie auch nicht die Muslimin mit Kopftuch sein. Wenn sie in der Öffentlichkeit steht, dann als die erfolgreiche Boxerin. «Jeder sollte für sich selbst einen Glauben finden und damit leben können, oder auch nicht. Ich frage ja auch nicht andere, die kein Kopftuch tragen: Bist du Christin? Und warum? Es ist einfach privat.»

Sie trägt das Kopftuch aus einem oder mehreren der zahlreichen Gründe, und das sollen sie auch bleiben: ihre Gründe, die von Zeina Nassar, und von sonst niemandem.

Die junge Frau, die sich als eine Boxerin sieht, die als Boxerin gesehen werden will, verabschiedet sich. Sie will Zeit für sich selbst haben. Nassar spürt jeden Muskel. Sie spürt, dass sie alles gemacht hat, um weiter ihren eigenen Weg zu gehen.

Erstellt: 31.12.2018, 16:29 Uhr

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