Porträt

Weder Blatter noch Platini – der dritte Mann heisst Jérôme Champagne

2015 wählt die Fifa ihren neuen Präsidenten. Wer tritt an? Die Lage ist inzwischen so verworren, dass es sich lohnt, den Mann im Hintergrund genauer anzuschauen.

Der Händedruck mit einem der Grössten im Fussball: Jérôme Champagne (rechts) und Pelé bei einer Endrundenauslosung.

Der Händedruck mit einem der Grössten im Fussball: Jérôme Champagne (rechts) und Pelé bei einer Endrundenauslosung. Bild: Keystone

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Es gab Zeiten, da schien alles vorgespurt. Da schien klar, dass Sepp Blatter zurücktreten würde, endgültig, so wie er das schon mehrmals versprochen hat, und dass Uefa-Präsident Michel Platini ihn beerbt. Die Lage ist inzwischen verworren. Blatter treibt seine Spielchen mit Platini, nicht zuletzt wegen dessen Nähe zu ­Katar, dem Problemausrichter der WM 2022. Platini tappt noch in jedes Fettnäpfchen, das sich ihm anbietet. Blatter ist Machiavelli, Platini sein dankbares Opfer.

Keiner der beiden mag sich schon vor der WM in Brasilien dazu äussern, ob er 2015 zur nächsten Präsidentenwahl antritt. Platini wird tunlichst abwarten, bis Blatter seine Absichten offengelegt hat. Denn selbst ihm muss bewusst sein, dass er in einer direkten Konfrontation mit dem Walliser chancenlos ist. Aber dann gibt es noch den dritten Mann, jenen Mann, der im Hintergrund agiert: Jérôme Champagne. Seit langem trägt sich der 55-jährige Franzose mit Wohnsitz in Zürich mit der Idee, selbst zu kandidieren. Seine Frau sagt ihm, er solle es ­machen, sonst würde er es nur bereuen. Nun erklärt er selbst: «Ich will mich in Position bringen, um bereit zu sein, wenn Blatter wirklich aufhört.»

Der Saal in London

Für Januar plant er, sich als Kandidaten vorzustellen. Den Saal dafür hat er schon einmal gemietet, im Londoner West End, ganz in der Nähe jenes Pubs, wo 1863 der englische Fussballverband ­gegründet wurde. Es soll Champagnes Ehrerbietung an die Institution sein, aus der heraus 41 Jahre später die Fifa entstand.

Der 55-jährige Pariser hat die Welt gesehen: Als Diplomat war er 14 Jahre lang im französischen Dienst, in Oman, Kuba, Los Angeles und Brasília, bis er 1997 Protokollchef des Organisationskomitees für die Weltmeisterschaft in Frankreich wurde. Platini stand dem OK vor, stürzte sich zugleich für Blatter in den Wahlkampf ums Fifa-Präsidium, und als Blatter 1998 erstmals gewählt war, standen die beiden Franzosen an seiner Seite: Platini als sportlicher, Champagne als politischer Berater. Elf Jahre war Champagne bei der Fifa angestellt, unter anderem als stellvertretender Generalsekretär, vor allem aber als Mann für die internationalen Belange. Er war immer sehr eng an Blatters Seite. Bis er von ihm Anfang 2010 entlassen wurde – unter dem fadenscheinigen Vorwurf, er wolle ihn als Fifa-Präsident beerben.

Champagne war selbst kein grosser Fussballer gewesen, ein Hobbykicker halt aus dem 14. Pariser Arrondissement, technisch limitiert, aber wenigstens laufstark. Sein Vater war Sport- und Skilehrer, dank ihm lernte er die Schweiz kennen, das Skifahren in Flims, das ­frühere Fachblatt «Sport», das er nach Resultaten aus den ausländischen Fussballmeisterschaften durchforstete. Später, während seines Politikstudiums, arbeitete er Teilzeit für «France Football».

Sein Vater betrieb auch eine Segelschule in Katalonien, aber es ist der Fussball, der ihn nie losgelassen hat. Darum hat er sich nach seinem Rauswurf bei der Fifa weiter damit befasst, unter anderem als Berater der Verbände von Palästina, Kosovo und Zypern, und er hat Zeit genug gehabt, sich über die ­Entwicklung des Fussballs Gedanken zu machen. Und das hat ihn zum Punkt gebracht, an dem er sagt: «Wir müssen eine Debatte darüber führen, wie der Fussball 2025, 2030 aussieht.»

Die Visionen

Er ist ein guter Redner, einer mit tiefem geschichtlichem Wissen, er kann eine Stunde über den Kongo erzählen und dann eine halbe Stunde über die Rolle Finnlands im Zweiten Weltkrieg. Er hat Finnisch studiert (und das meiste wieder verlernt), dafür kann er sich im Restaurant im Zürcher Kreis 5 mit dem ­tunesischen Wirt auf Arabisch unterhalten. Und weil er ein Mann der langen Sätze und Gedanken ist, kann er entsprechend lang darüber berichten, wie er den Fussball verändern möchte.

Ein Wort kommt dabei immer wieder vor: «Ungleichgewicht». Es ist sein Oberbegriff dafür, dass die Grossen immer grösser und die Kleinen immer kleiner werden, ob das nun Konföderationen, Landesverbände, Ligen und Vereine sind. Champagne ist nun keiner, der die Grossen brechen will, «es geht nicht ­darum, in die Vergangenheit zurück­zukehren», sagt er, «wir bringen die Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurück». Aber er will die Kleinen stärken, indem er die Grossen für deren Belange sensibilisiert.

Der Fussball ist für ihn heute nicht mehr homogen. Der Tabellenletzte in England erhält vom Fernsehen doppelt so viel wie der Meister in Deutschland. Die Premier League nimmt selbst aus Burma 12 Millionen Franken pro Jahr für die TV-Rechte ein. Den Fussball sieht Champagne mehr und mehr privatisiert, durch Geschäftsleute aus Russland, Katar oder den USA. Darum fragt er: «Will man, dass 15, 20 Clubs mit den grössten Finanzen den Fussball bestimmen? Dass die Elite über den Rest der Welt bestimmt? Oder will man den Glauben an die politische Macht der Fifa stärken?»

30  Prozent ihrer Gelder steckt die Fifa schon jetzt in die Entwicklungs­programme. Champagne möchte aber auch, dass die grossen Ligen und Vereine sich daran beteiligen, dass die ­Premier League, um ein Beispiel zu geben, in die Ausbildung des Fussballs in Burma investiert. Weltfremde Gedanken? Nicht für Champagne. Er findet: «Wenn man von Anfang an sagt, man kann nichts machen, macht man auch nichts. Man braucht den Willen und die Überzeugung, dass etwas möglich ist. Es geht um Visionen.» Sein Beispiel sind Blatters Entwicklungsprogramme. Und dann kommt er wieder ins feurige Erzählen, dass die Kapverden beim letzten Afrika-Cup im Viertelfinal waren, dass die Malediven im Halbfinal der Südasien-Meisterschaft gegen Indien nur 0:1 verloren. Er kennt auch das alles, nicht nur die Resultate des FC Barcelona, von dem er seit vierzig Jahren Fan ist.

Der Tramfahrer

Champagnes Frau ist Amerikanerin, seine drei Kinder haben mehrere Pässe, er möchte sich in der Schweiz einbürgern lassen, weil er dieses Land liebt. Und wenn er bei seinem Wohnort Witikon durch den Wald geht, berichtet er auch davon, wie er die Exekutive der Fifa verändern würde, wie er dem Präsidenten die Möglichkeit gäbe, zumindest die Hälfte seiner Regierung selbst zu bestimmen, wie er die Ligen, Vereine und Spieler einbeziehen würde, wie er schauen würde, dass Afrika oder Asien nicht mehr untervertreten wären. «Ich weiss nicht, ob ich recht habe», sagt er, «so arrogant bin ich nicht. Ich weiss nur, dass man etwas machen muss.»

In Zürich fährt Jérôme Champagne Tram. Er schickt SMS, wenn er zehn Minuten verspätet ist. Einmal sagt er: Auch als Präsident der Fifa möchte er sich nicht verändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2013, 06:53 Uhr

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