Der DFB lacht die Affäre weg

Der Skandal um die WM 2006 schüttelte den deutschen Fussball durch. Zu einer weiteren Aufklärung fehlt nun aber das Interesse.

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Die Aufregung war gross, am Ende aber auch das Selbstlob. Ungewohnt offen war der deutsche Fussballbund mit der Affäre um die Vergabe der WM 2006 umgegangen. Die Anwaltskanzlei Freshfields hatte er mit den Ermittlungen beauftragt, und die fand schliesslich heraus, dass von Franz Beckenbauers Privatkonto sechs Millionen in den Katar geflossen waren – über ein Konto in der Schweiz.

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Diese Selbstkasteiung stand dem DFB gut an. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière hatte gesagt: «Ich halte die Selbstreinigungskräfte des DFB für stark. Das war ein schmerzhafter, aber notwendiger und richtiger Schritt.» Auch die Fifa interessiert sich inzwischen für die Recherchen der Kanzlei. Und Beckenbauer gestand Fehler ein. Er wird sich in einem Verfahren verantworten müssen.

Niersbachs mangelhafte Kommunikation

Von diesem aufklärerischen Geist ist beim grössten Sportverband der Welt wenig übrig geblieben. «DFB lässt Gras über die WM-Affäre wachsen», schrieb die Frankfurter Allgemeine in ihrer gestrigen Ausgabe. Anlass war die Wahl von Reinhard Grindel zum neuen DFB-Präsidenten und Nachfolger von Wolfgang Niersbach. Diesem war sein mangelhafter Umgang mit der Affäre zum Verhängnis geworden.

Der neue Mann sieht keinen Bedarf, in der «Causa 2006» weiter tätig zu sein. Indem er der Kanzlei Freshfields den Fall übergeben hatte, habe der DFB «in einer Art und Weise Aufklärung betrieben, die ihm neuen Ingerität verschafft hat», sagte Grindel. Und meinte gar: Solch einen Aufwand habe noch nie ein Sportverband betrieben. Von nun an seien die Behörden gefragt. «Vielleicht finden die Staatsanwaltschaften das eine der andere zusätzlich heraus, wozu wir mit unseren Möglichkeiten als private Organisation nicht in der Lage sind», befand der neue Präsident. Ende der Diskussion.

Lieber verteilt Grindel Blumen. Und bedankte sich nach seiner Wahl bei Niersbach ausgerechnet mit diesen Worten: «Wir alle im Saal wissen, was du in 28 Jahren DFB geleistet hast.» Trotz seiner Absetzung als DFB-Präsident klammerte sich Niersbach an seinen Job in der Fifa- und Uefa-Exekutive.

Die EM 2024 steht jetzt im Fokus

Doch so einfach kann sich Grindel wohl nicht davonstehlen. Politiker in Berlin jedenfalls halten den Druck hoch. «Ich glaube, dass der DFB noch lange nicht aus seiner Krise gefunden hat», sagt Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, dem «Deutschlandfunk». Und auch De Maizière forderte nach Grindels Wahl: «Die begonnene Aufklärungsarbeit muss konsequent weiter fortgesetzt werden.»

Doch wie es scheint, hat Grindel anderes zu tun. Er wolle, sagte er jedenfalls, «einen neuen DFB bauen». Und er soll, das forderte die mächtige «Bild»-Zeitung, «die EM 2024 nach Deutschland holen.» Ein neuer Fussball-Grossanlass im Fokus – dabei ist die Vergabe des letzten noch längst nicht vollständig aufgerollt.

Erstellt: 18.04.2016, 16:08 Uhr

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